2011-08-22

Spannende Biobraphie: HP-Chef Léo Apotheker: Revoluzzer im Einreiher - Capital

Ein Beharren auf alten Strukturen wird es mit ihm kaum geben. Umsturz und Wechsel sind wohl die größten Konstanten im Leben von Apotheker und auch in der Geschichte seiner Familie. Häufig gewollt, aber auch tragisch erzwungen, wie beim Schicksal seiner Eltern: Die beiden Juden flüchteten Anfang der 40er-Jahre nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion von Polen bis ins russisch-chinesische Grenzgebiet, wo der Vater in der Leitung einer Textilkolchose arbeitete. Nach dem Krieg zogen er und seine Frau zunächst nach Antwerpen zu einem Verwandten, dann 1952 nach Aachen. Der Vater ersteigerte dort von den Alliierten eine Textilfabrik, die einer ermordeten jüdischen Familie gehört hatte, und baute sie neu auf.

Sohn Léo wurde 1953 in Aachen geboren, doch als 1959 die Einschulung kam, zog die Familie nach Antwerpen zurück und baute dort eine weitere Firma auf. "Meine Schwester und ich sollten nicht auf eine möglicherweise von Nazis verseuchte deutsche Schule gehen", erzählt Apotheker. Die Eltern erzogen ihn, wie er sagt, zum "bewussten Humanisten". Ihre Lehre aus Auschwitz: "Hasse niemals einen Menschen wegen seiner Nationalität, Rasse oder Religion." Ähnlich denkt Apothekers Frau, deren Eltern beide ihren ersten Ehepartner im Konzentrationslager verloren haben und deren Mutter aus Köln stammt: "Hass und Vergeltung bringen die Menschheit nicht weiter. Jede Form von Diskriminierung ist sinnlos."

Dass Léo, genau wie Liliane, mit der er bereits als Schüler befreundet war, damals zur sozialistischen Linken neigte, war Ende der 60er normal für den Abkömmling einer liberalen Unternehmerfamilie. Nach dem Abitur zog das Paar für vier Jahre nach Israel, wo es auch heiratete. Er studierte Politologie und Volkswirtschaft, sie Linguistik. In seiner Examensarbeit zeigte Apotheker, wie sehr ihn der Holocaust beschäftigte: Er untersuchte, wie Europas Staaten sich mit gegenseitigen Zollschranken Ende der 20er in den Ruin trieben und damit am Ende Hitler den Weg bereiteten.

Für ihn gibt es eine klare Konsequenz: "Damit Europa und die ganze Welt sowohl politisch wie wirtschaftlich stabil bleiben, dürfen wir auf keinen Fall in einen neuen Protektionismus verfallen." Lehren zog Apotheker auch aus einem Praktikum im Kibbuz, wo er unter anderem eine Woche lang den Stall säubern musste. Mit egalitären Illusionen war danach Schluss, Apotheker ist überzeugter Marktwirtschaftler geworden: "Wenn alle Menschen immer das Gleiche machen und das Gleiche verdienen, kann kein echter Fortschritt entstehen. Die revolutionäre Kraft des Kapitalismus entfaltet sich nur in einer wirklich freien Gesellschaft."