2011-05-19

Antiisraelischer AFP-Beitrag über Ereignisse am Nakba-Tag

Sehr geehrte Redaktion,

 

als ich gestern den Beitrag “Sturm auf die Grenze- Neue Gewalt in Nahost: Hass und Wut gegen Israel” (TLZ, 16.5.2011) las, habe ich mich zu tiefst über dessen Inhalt geärgert. Als Student der Jüdischen Studien und als regelmäßiger Tourist und Freiwilliger in Israel, sah ich mich mit zahlreichen Fehlinformationen, wenn nicht sogar mit Propaganda gegen Israel, konfrontiert:

 

  1. Der von der Nachrichtenagentur AFP verfasste Beitrag (http://www.google.com/hostednews/afp/article/ALeqM5i2QdaaG5vuk3kajSt76803w_AVcg?docId=CNG.eeb839e6ffdafbb16eba0241bc9b9588.251) bezieht sich auf die am Sonntag stattgefundenen Ereignisse an der syrisch-libanesischen Grenze zu Israel, die am palästinensischen Gedenktag  der „Katastrophe“ (Nakbah)  geschahen. 1948 wurden im israelischen Unabhängigkeitskrieg 720.000 Palästinenser vertrieben oder sind auf Grund der Wirren des Krieges und fehlender Eliten geflohen.[i]  Zur gleichen Zeit wurden 800.000-1.000.000 Juden in arabischen Ländern enteignet und vertrieben bzw. flüchteten. Diese Katastrophe wird bis heute durch die UN und die Mehrheit der Medien (wie auch im gestrigen AFP-Beitrag), allerdings nicht von der Wissenschaft[ii], ignoriert.
  1. Die Ereignisse vom Sonntag haben meiner Meinung nach nur sehr wenig mit den Palästinensern oder der Nakba zu tun gehabt. Vielmehr handelte es sich bei der Grenzüberschreitung um geplantes Sebelrasseln aus Syrien und dem Iran. Beide Staaten sind bekanntlich undemokratisch. Der Assad-Clan hat seit den diesjährigen Bürgerprotesten für Freiheit und Demokratie mehr als 800 seiner eigenen Bürger umgebracht. Bekannt ist auch, dass das syrische Regime die eigenen Probleme und Verbrechen seit Jahren durch Antisemitismus und Hasstiraden auf Israel abwälzt.[iii]
  2. Während Syrien Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt und zur Ablenkung von diesen und aus politischen Motiven Massenproteste gegen Israel organisiert[iv], bezichtigt der AFP-Beitrag israelische Soldaten des Mordes an vier Palästinensern. Dass im gleichen Beitrag die illegale Überschreitung der israelischen Grenze und die Amokfahrt eines Palästinensers in Tel Aviv am gleichen Tag ignoriert wird, grenzt an Hohn und kalkulierter Desinformation mit dem Ziel Israel für die Verbrechen Anderer verantwortlich zu machen.
  3. In „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ nennt Wilhelm von Humboldt zwei Kernaufgaben des Staates. Diese sind der Schutz und die Verteidigung der Freiheit seiner Bürger von Innen und Außen. Wie Deutschland hat auch der Staat Israel die Aufgabe die Freiheit seiner Bürger zu verteidigen. Jeder Versuch das Selbstbestimmungs- und Verteidigungsrecht des Staates Israel abzuerkennen ist gegen jegliche liberale und rechtsstaatliche Tradition.

 

Wie Rolf Behrens in seinem Beitrag „Sie schießen, um zu töten“ zu Recht vermerkt, gefährdet diese Art von Berichterstattung das so häufig beschworene besondere Verhältnis zwischen Israel und Deutschland.[v] Allein deshalb ist der AFP-Artikel neben seiner Einseitigkeit, Verzerrung aktueller Ereignisse und stereotypen Darstellung der israelischen Armee zu verurteilen und im höchsten Maße problematisch.

 

Mit freundlichen Grüßen,

 

Lukas Lehmann, Heiligenstadt

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[i]Siehe z.B.: Benny Morris: The Birth of the Palestinian Refugee Problem.

[ii]Siehe z.B.: Prittie/ Dineen: The double exodus: A study of Arab and Jewish refugees in the Middle East, 1974; Cotler/ Matas/ Urman: Jewish refugees from Arab countries: The case for rights and redress, 2007.

[iii] Bernhard Lewis: Muslim Anti-Semitism, in: Middle East Quarterly 1998, S.43-49; Efraim Karsh: The Long Trail of Islamic Anti-Semitism, in: Israel Affairs 12 1 2006, S.1-12.

[iv] Diese Grenzüberschreitung wurde über Facebook schon Wochen vorher angekündigt mit der Drohung Israel und alle Juden im Land zu vernichten. Laut AP und dem Blogger Aro1 wurden durch Syrien sogar Araber/ Palästinenser aus Europa eingeflogen und mit Bussen an die Grenze gefahren. http://www.foxnews.com/world/2011/05/15/hamas-gaza-end-zionist-project-palestine/ / http://aro1.com/die-massenstuerme-auf-israels-grenzen-waren-von-langer-hand-geplant-in-syrien-wurden-u-a-aktivisten-aus-europa-und-auch-aus-deutschland-eingeflogen-und-in-bussen-an-die-grenze-gefahren/.

[v] Rolf Behrens: „Sie schießen, um zu töten“, Die Berichterstattung über Israel bedroht das „besondere Verhältnis“, in: Faber/ Schoeps/ Stawski: Neu-alter Judenhass, Antisemitismus, arabisch-israelischer Konflikt und europäische Politik, S.25-37.