2009-12-13

Die Araber-Frage in Europa und Israel

File:Maabarah children.jpg

So problematisch Vergleiche verschiedenster Kulturräume sein können, ohne die historischen und sozialen Verschiedenheiten zu beachten, desto interessanter scheinen vermeintliche Parallelphänomene zu sein, die sich mit unseren Problemen in großen Teilen übereinstimmen. Dessen bewusst, möchte ich hier nun einen interessanten Textausschnitt präsentieren, der viele Klischees unserer europäischen Sicht auf den Anderen, sei er Jude, Russe, Schwarzafrikaner oder Muslim, wiederspiegelt:

We have here a most primitive people. Its educational level borders on complete ignorance, and even worse is the incapacity to comprehend anything spiritual [...] They also lack Jewish roots. On the contrary they are completely given over the play of promitive and wild instincts. [...] In other corners of the dwellings of the Africans in the camps you will find filth, gambling, drunkenness and prostituion. Many suffer from serious eye diseases, skin diseases, and sexual ailments. This is not to mention burglary and thievery. Nothing is safe from this asocial element [...] the Africans bring with them these forms of life to their settlements, and it is no wonder that the general incidence of crime in the country is on the rise [...] but, most important, is a fundamental fact no less serious, and that is a total lack of the attributes necessary fpr adaptipn to Israeli lifem first and foremost their chronic laziness and abhorrence of work.

Das  hier präsentierte Zitat stammt aus einem Haaretz-Artikel aus dem Jahr 1949. Arieh Gelblum, Autor des Beitrags und Haaretz-Korrespondent, recherchierte verdeckt mit Hilfe einer falschen Identität in sogenannten Ma'abarot, Transit-Camps für diejenigen Flüchtlinge, die zu meist während und nach dem Unabhängigkeitskrieg 1948 aus arabischen Ländern vertrieben wurden und in Israel eine neue Heimat fanden. Die unbekannte Erfahrung des noch jungen Staats erstmals nichteuropäische Juden mit zum großen Teil aus europäischer Sicht gesehen vormodernen Lebensweisen,  schlechter Ausbildung und Hygiene, aufzunehmen und innerhalb von drei Jahren mit einer Verdoppelung der eigenen jüdischen Bevölkerung zurecht zu kommen, war eine große Herausforderung.

Die Ma'abarot (siehe Bild) hatten in dieser Situation zwei Funktionen: Zum einen sollte sie die Möglichkeit schaffen auf Grund mangelnder Behausungen neuen Immigranten eine schnelle Unterkunft zu gewährleisten, zum anderen sollten sie die aus arabischen Ländern eingewanderten Juden an das politische System der Arbeiterpartei Mapai binden. Um dies zu realisieren, kontrollierte die politische Führung nach der These der Soziologin Deborah Bernstein (1983) nicht nur den Zugang zu Arbeit, zu besseren Wohnbedingungen und weiteren Ressourcen, sondern schnitt die Ma'abarot systematisch vom Rest der israelischen Gesellschaft durch ihre externe Lage und die schlechten Lebensbedingungen ab. Die Mapai hatte hierfür gute Gründe. Sie befürchtete durch die Einwanderung irakischer Kommunisten selbst Stimmen an die kommunistische Partei in Israel zu verlieren und somit politische Macht im Staat Israel.

Gelblum ist der erste Journalist, der sich dem Thema der Ma'abarot wittmete und direkt in die Transit-Camps ging, um von dort über die Lage der meist sephardischen Juden zu berichten. Seine Schilderungen sind nicht überraschend. Sie decken sich mit den Klischees und Meinungen der meisten aus Europa stammenden Juden. Vor allem die Herkunft der Immigranten aus arabischen Ländern und ihrer aus europäischen Sicht zurückgebliebenen Lebensweise waren in Israel verpönt. Sie erfüllten weder das Bild des zionistischen modernen und starken Israeli, noch sprachen sie Hebräisch oder teilten eine durch den Holocaust tief eingeschnittene Geschichte. Was aber schlimmer zu sein schien, war ihre Andersartigkeit. Geldblum macht dies durch typisch klischeehafte Zuschreibungen deutlich:  Arabische Juden sind nach seinen Vorstellungen primitiv, ungebildet, ignorant und zur Spiritualität verschlossen. Zudem sind sie kriminell, stehlen, betätigen sich beim Glücksspiel und in der Prostitution. Sie sind krank und betrunken. Zusammen gefasst: Sie sind gefährlich und ein asoziales Element in der israelischen Gesellschaft, welches man wieder los haben möchte.

Eine ähnliche Zuschreibung ist uns heutzutage auch in der Diskussion um die Integrationsfähigkeit muslimischer Mitbürger bekannt. So wie die sephardischen Juden scheinen auch sie alles andere als in unsere Gesellschaft zu passen: Nicht nur verkündet ihr heiliges Buch den Jihad gegen den Westen und gebietet Gewalt und Verstümmelung gegenüber Frauen und Kindern, sondern der Muslim als solcher wird als gefährlich für unsere westliche Kultur angesehen, der am 11. September 2001 und den nachfolgenden Terroranschlägen auf Bali, Madrid oder London uns gezeigt hat, dass er nicht Teil unserer Kultur sein möchte, sondern sie zerstören möchte. Die Gefahr aus dem Nahen Osten scheint für viele Zeitgenossen auch historisch begründet zu sein. Nicht nur wird Mohammed als gewalttätiger Kriegstreiber dargestellt, sondern der Muslim selbst ist eine direkte Gefahr für Europa, da er schon einmal bis nach Wien gedrungen war. Scheinbar sind es aber Bauverbote für Moscheen und Minarette, die uns allein von diesen unzivilisierten Barbaren (Homer, Ilias II, 867 v. Chr.) und unseren historischen Traumata erlösen können.

Klischees und Zuschreibungen, die Marginalisierung des Anderen, scheinen sich also seit der Antike bis heute im europäischen Kulturraum und darüber hinaus ins kollektive Gedächtnis eingeprägt zu haben und dienen als Instrument der Verfremdung einer Minderheit, die man zum einen nicht kennt und vor dessen Unbekanntheit man sich selbst fürchtet und schützen will und Auswege aus dieser eigenen Existenzangst suchen möchte. In dem man den Anderen kriminalisiert, entmenschlicht und als übertrieben gewalttätig und sexistisch beschreibt, karrikiert die Mehrheitsgesellschaft nicht nur die anscheinende Fremdheit des Anderen, sondern drückt auch aus, dass im Endeffekt dieser unbekannte Fremde im eigenen Land nicht erwünscht ist. Anstatt den eigenen Mangel an Lernbereitschaft und Toleranz und Akzeptanz gegenüber dem Anderen auszudrücken, projiziert die Mehrheitsgesellschaft ihre eigenen Fehler auf den Fremden. Sie drückt somit nicht nur den Mangel an eigener Selbstsicherheit aus, sondern auch ihren Unwillen eigene Fehler offen auszusprechen und zu lösen.

Die Zuschreibungen zionistischer und europäischer Mehrheitsgesellschaften drücken somit ein zwiespältiges Verhältnis zwischen Mehrheitsgesellschaft und dem Fremden im eigenen Land aus: Zum einen folgt man dem Ideal eine Integrationsgesellschaft zu sein, die sich selbst als demokratisch und humanistisch versteht, zum anderen aber drückt man sich der eigenen Konfrontation mit dem Fremden, indem man eigene Probleme auf diesem projiziert, ihn entmenschlicht und barbarisiert, anstatt ehrlich und offen im Dialog gegenseitig die während des Migrationsprozesses entstehenden Probleme gemeinsam anzupacken und zu lösen. Dies impliziert auch die Frage nach den eigenen europäischen Werten und inwiefern sich Immigranten diesen unterzuordnen haben.

Posted via email from Lukas Lehmann