2009-11-28

Studentenproteste 1968 und heute







Die Bildungsstreikler von heute fordern mehr Demokratie und Selbstverwaltung in den Universitäten. Einige ihrer Forderungen sind zum einen die Blockade jedweigem wirtschaftlichen Einflusses in den Hochschulen und zum anderen mehr Mitbestimmungsrecht der Studierenden in den Gremien u.a. durch die Erhöhung der Anzahl studentischer Abgeordneten:
Demokratisierung des Bildungssystems

  • den Abbau von wirtschaftlichen Zwängen im Bildungsbereich!

  • die Mitbestimmung aller Beteiligten im Bildungssystem, u.a. durch Viertelparität in den Hochschulgremien!

  • die Einführung verfasster Studierendenschaften mit politischem Mandat in allen Bundesländern!


Quelle: Webseite des bundesweiten Bildungsstreiks 2009 Heidelberg.

Diese scheinbar innovativen Ideen der bildungsstreikenden Studierendenschaft haben allerdings historische Wurzeln, von dessen konservativem Teil sich die vermeintlich antifaschistischen und gesellschaftskritischen Gruppierungen öffentlich immer wieder distanzieren - die neoromantische und antidemokratische Reformbewegung des 19. Jahrhunderts und Nationalsozialismus. Götz Aly schreibt hierüber in seiner Monographie Unser Kampf 1968 folgendes:
Das von den radikalisierten Studenten propagierte rätedemokratische Modell wies in die gesellschaftsromantische Richtung Heideggers. An Stelle der "anonymen", "abgehobenen", repräsentativ zusammengesetzten Parlamente dachten sie sich jederzeit abwählbare Räte (Sowjets) aus. Diese sollten die Interessen kleiner, überschaubarer Einheiten - einzelner Betriebe, Wohnbezirke oder Hochschulen - bündeln und auf höherer Ebene "paritätisch" zusammenwirken.

In dem Konzept verbirgt sich der rückwärtsgewandte Traum vom guten alten Ständestaat. Wie dieser setzten die Rätephantasien den weitgehenden Stillstand moderner Industriegesellschaften voraus: Betriebe wurden als statische, relativ kleine, dauerhaft bestehende Einheiten gedacht, nicht als Wirtschaftsformationen, die bei Strafe des Untergangs fortgesetzt gezwungen sein könnten, zu expandieren, Kooperationspartner in aller Welt zu suchen, die Produktpalette und Produktionsstandorte ständig zu verändern. Die rätedemokratische Idee folgte der menschlichen Furcht vor dem rasanten Wandel, vor der Freiheit und dem Bedürfnis nach zukunftsängstlicher Regression ins angeblich Stabile, in die "vermeintliche Kuhwärme" überschaubarer Gemeinschaften.

[...]

Das ständische Kuschelbedürfnis äußerte sich - und äußert sich noch heute - im Bild linker Demonstrationen. Nach dem Block der Lehrergewerkschaft kommt der Schwulenblock, dann folgen, die Reihen fest geschlossen, die Ärzte gegen den Atomtod, die Roten Krankenschwestern, die Hausbesetzer, der Zentralrat der Befreiung der Frau, die Grau-Grünen Panther e.V., die linksalternative Stadtteilgruppe des Sowienoch-Kiezes, die RollstuhlfahrerInnen-Front, die Eine-Welt-Laden-BetreiberInnen, die linksgedrehten Ökobäuerinnen und -bauern usw. usf.

Die 1967/68 permanent vorgetragene Forderung nach Drittelparität in den universitären Gremien entstammen demselben rückwärtsgewandten ständischen Ordnungsprinzip. Demokratie an der Hochschule ist etwas anderes als korporatistische "Gerechtigkeit" zwischen studentenschaftlichem Unterbau, dem Mittelbau der Assistenten und dem professoralen Oberbau (in Berlin kamen bald die "sonstigen Dienstkräfte", also nichtwissenschaftliches Personal, als vierter Stand hinzu). Wissenschaft dreht sich um die Begriffe Freiheit, Idee und Leistung. Dafür bedarf es flacher, fachlich begründeter, leicht veränderbarer Hierarchien, des Wettbewerbs und der Transparenz, aber keiner Gleichheits- und Gerechtigkeitsmaschinen.

Das Rätegetue maskierte nur, wie stark die Achtundsechziger auch an diesem Punkt in den freiheitsfeindlichen, auf Sicherheit und Sozialharmonie gerichteten deutschen Traditionen standen: Sie setzten die anheimelnde Gemeinschaftsidee gegen den kühlen Strukturalismus des Verfassungsstaats. Sie folgte demselben ständischen Grundprinzip, das sich 1933 bis 1945 in der Reichsapothekerkammer, im NS-Kraftfahrerkorbs, in der Reichsfrauenschaft oder im Reichsnährstand ausgetobt hatte.

Götz Aly: Unser Kampf 1968, 2008, S.45-47.

Siehe auch:

Quellen:

Sekundärliteratur: