2009-11-18

Kurz gefasst: "Bildungsstreik '09" II







Auszug aus der offiziellen Webseite des Bildungsstreiks 2009
"Die feindselige Haltung konservativer Gruppen sowie der bürgerlichen Presse gegenüber den emanzipatorischen Zielen des Bildungsstreiks sollte uns bewusst sein!In der aktuellen Krisensituation des Kapitalismus und angesichts der Verschärfung von Widersprüchen innerhalb der Gesellschaft, reagiert der Staat empfindlich auf soziale Proteste, zu denen auch die Forderung nach „freier Bildung für Alle“ gehört.Als Reaktion auf die Kritik bzw. das Infragestellen herrschender Verhältnisse wird Protest kriminalisiert und Willens- sowie Meinungsäußerung durch Repressionen und Sanktionen unterdrückt. Damit wir unsere Forderungen gemeinsam und kämpferisch in die Öffentlichkeit tragen können, brauchen wir den eigenen Schutz gegenüber staatlichen Behörden, Polizei, (Hoch-)Schulen und Justiz."

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Die Brandstifter von morgen - ein persönlicher Kommentar

"Der Herbst soll heiß werden" versprechen die Initiatoren des Bildungsstreiks '09. Doch wo "Die Uni brennt" als Losung für Universitäts- und Hörsaalbesetzungen benutzt werden, sind die Brandstifter nicht weit. Die folgenden Beiträge zeigen, inwieweit der angebliche Bildungsstreik eher als Instrument linker und extremistischer Gruppierungen missbraucht wird, um nicht für mehr Bildung zu protestieren, sondern für mehr Homogenität an den Universitäten. Die Schlagworte "Demokratie" und "Freiheit" werden in diesem Kontext wie selbstverständlich von den Demonstranten genutzt, um ihre Nähe zu unserem demokratischen System zu suggerieren.

Doch schaut man sich die Beiträge und Forderungen im Internet, auf Plakaten und in Reden an, so scheint hier eher das Gegenteil der Fall zu sein. Denn wer dafür plädiert, dass die Wirtschaft aus den Universitäten ausgeschlossen werden soll, wer Kapitalismus und "Neoliberalismus" im Einklang mit der Bildungsmisere stellt, wer einfache manichäische Weltbilder konstruiert und publiziert, bewegt sich auf einem ganz engen und gefährlichen Drahtseil zwischen Ideologie, Demagogie und gewolltem Systemsturz einer kleinen unverbesserlichen Minderheit.

Diese Brandstifter, die "Bildungselite von Morgen" sein will, ignoriert nicht nur konstruktive Lösungsansätze zur Lösung der nicht weg zu diskutierenden Bildungsmisere, sie blockiert auch jeden Dialog durch den Willen die eigene Ideologie der Mehrheit der Studenten und Bürger aufzustülpen, sowie Möglichkeiten freier Willensäußerung und -ausübung durch Blockaden und Besetzungen in den Universitäten. Wer wirklich eine Verbesserung der Lehre will, blockiert keine Universitäten, sondern sorgt dafür, dass jeder seinen eigenen Weg im Studium gehen kann, dass Freiräume auch für Andersdenkende geschaffen werden und dass vernünftige und konstruktive Lösungsansätze gemeinsam mit den Verantwortlichen an den Universitäten und in der Bildungspolitik ausgearbeitet und in die Praxis umgesetzt werden. Marxistisch-leninistische Einheitsbildung kann hierbei ganz sicher nicht helfen, wie die deutsche Vergangenheit nur zu gut gezeigt hat.

Siehe hierzu auch meinen Kommentar zum Bildungsstreik aus dem Sommer diesen Jahres.

Jürgen Kaube: Jetzt räumen sie Fehler ein (FAZ)

18. November 2009 Jahrelang war alles auf dem besten Weg. Die Einreden gegen die Bologna-Reform an den deutschen Universitäten wurden als Dokumente ewiggestriger, nostalgischer oder einfach nur lobbyistischer Gesinnung von änderungsunwilligen Professoren abgetan. Jahrelang, das heißt: bis vor ein paar Monaten.

Jetzt aber wird eingeräumt. Die Kultusministerkonferenz hat neulich eingeräumt, es gebe Korrekturbedarf. Die Studiengänge müssten „studierbar“ gemacht werden. Jetzt räumt der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Peter Strohschneider, „handwerkliche Fehler“ bei der Einführung der Bachelor-Studiengänge ein. Auch der Präsident der KMK, Mecklenburg-Vorpommerns Wissenschaftsminister Henry Tesch (CDU), räumt ein, die Proteste von Studenten seien richtig, sofern sie auf konkrete Verbesserungen der „unmittelbaren Studienbedingungen“ zielen. Und als ob es auf einer Verabredung beruhte, schließen sich dem auch die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz und die Bundesbildungsministerin beim Einräumen an. Noch wird gern hinzugefügt, in Bausch und Bogen dürfe man die Bologna-Reform nicht ablehnen, aber wer weiß, ein, zwei Amtswechsel und es ist vielleicht auch damit zu rechnen.

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Tobias Kaufmann: Parolen lösen die Probleme nicht (KStA)

KÖLN - Die deutschen Universitäten sind überfüllt. Vielerorts ist die Bausubstanz marode und der Personalstand ausgedünnt. Die Reform der Diplom- und Magisterstudiengänge zu Bachelor und Master läuft offenbar mehr schlecht als recht – und darüber hinaus knausert der Staat erstens beim BAföG und kommt zweitens seinem Anspruch, Studiengebühren mit einem sinnvollen Hilfs- und Stipendienprogramm zu ergänzen, eher schleppend nach. All dies sind Probleme, die kein vernünftiger Mensch leugnen kann und gegen die zu protestieren überfällig ist.

Unglücklicherweise ist beim Studentenprotest auf Spruchbändern und Plakaten, in Kundgebungsbeiträgen und Demo-Aufrufen sowie in den Verlautbarungen im Internet von solchen handfesten, konkreten Problemen nur wenig zu hören und zu lesen. Statt dessen strotzt es überall da, wo der Protest begründet werden soll, vor sozialistischer Propaganda-Prosa. Gebührenfrei soll Bildung sein. Schuldenfrei. Barrierefrei. Leistungsdruckfrei. Solidarisch. Humanistisch. Und natürlich von jeder Form von ökonomischen Interessen gesäubert. All das wird, gern hinter Bannern linker Splittergruppen, zusammengegossen in dem plakativen Spruch „Bildung ist keine Ware“.

Aber was ist Bildung, abgesehen davon, was sie "nicht" ist? Wozu ist sie da? Der Entwurf der Studentenverbände ist ziemlich hohl. Alle Studentenvertretungen sollen ein politisches Mandat erhalten, ist als Forderung auf der Bildungsstreik-Homepage zu lesen. Dagegen spricht allerdings, dass die konkrete Arbeit an für Studenten unhaltbaren Zuständen vielleicht etwas besser vorankäme, wenn sich die Studentenvertretungen schwerpunktmäßig darauf konzentrieren würden, statt Fahrten zu Anti-Atom-Demonstrationen und schwul-lesbische Filmfeste zu veranstalten und das Ganze aus den Zwangsgebühren zu finanzieren, die die Studenten in jedem Semester an ihre Selbstverwaltungsorgane abführen müssen.

Bildung soll keine Ware sein – sondern emanzipatorisch, also frei machend. Aber was heißt das konkret? Es hat offenbar nicht gereicht, die deutsche Sprache von der Rechtschreibung zu befreien. Jetzt befreien wir noch die Architektur von der Statik und die Mathematik von der Logik. Denn nur so kann man den Anspruch aus der Welt schaffen, dass Bildung etwas mit Lernen – und damit mit Fleiß und mit Leistung – zu tun hat. Mit Leistung, die messbar sein muss – warum sollte die Gesellschaft sonst in Bildung investieren? Denn auch die Tatsache, dass Bildung etwas kostet und dass irgendjemand zur Deckung dieser Kosten bereit sein muss, dürfte unwiderlegbar sein, selbst wenn ganz viele Begriffe aus dem Wörterbuch des ewigen 68er-Protests zu diesem Zweck bemüht werden.

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Kommentar aus England | Stephen Bench-Capon: Problemsolving für die deutschen Unis (Tagesspiegel)

Diesen Sommer schloss ich mein Bachelor-Studium in Cambridge ab. Während in England die meisten Studenten trotz Studiengebühren, Bachelor und Master gestresst, aber zufrieden sind, gibt es in Berlin jede Menge Proteste. Das hat mich verwirrt. Um mir also über die zahlreichen Probleme an den deutschen Universitäten Klarheit zu verschaffen, habe ich mir die Forderungen, die ich am Dienstag hörte, einzeln vorgeknöpft.

„Die Hörsäle sind überfüllt“

Entweder sind also die Hörsäle zu klein oder die Studenten zu viele. Die Studentenzahlen ließen sich locker reduzieren, indem man den Zugang zum Studium schwieriger macht. Cambridge hat nicht nur einen Numerus Clausus von 1,0, sondern auch ein weiteres Auswahlverfahren mit Interviews, bei dem rund 25 Prozent der Bewerber Erfolg haben. Wenige kommen durch und man hat reichlich Platz im Hörsaal. Es klingt perfekt, aber das gefällt den Berlinern scheinbar nicht.

„Gegen das selektive Bildungssystem“

Denn es liegt den deutschen Studenten am Herzen, dass alle alles machen dürfen, was sie wollen, egal wie geeignet sie dafür sind, oder wie viele andere das schon besser machen. Freiheit halt. Das Freiheitsprinzip ist auch gerecht. Wenn ich Gitarre spielen möchte, kaufe ich mir eine und nehme Unterricht. Wenn ich lieber einen Cheeseburger will, gehe ich zu Mc Donalds, egal wie viele andere schon da mit mehr Fleiß und Engagement essen. Also gut. Das Studium ist im Endeffekt eine Dienstleistung wie alle anderen und jeder soll sich aussuchen können, was er mit dem eigenen Geld macht - sofern es Studiengebühren gibt.

„Bildung für alle – und zwar umsonst“

Studiengebühren sind in der Tat unfair, solange die Forderung „Reiche Eltern für alle“ nicht wahr wird. Ich finde es aber auch verständlich, dass, wenn die Gesellschaft zahlt, sie auch ein gewisses Sagen hat, was am Ende herauskommt. Es wäre nicht besonders fair, wenn die Gesellschaft hauptsächlich Physiker und Ingenieure bräuchte, aber Millionfach für 10-semestrige Töpferstudiengänge zahlen müsste, bloß weil sich die Studenten so entscheiden. Das würde vielleicht noch gehen, wenn die Studiengänge strukturierter und innerhalb eines bestimmten Zeitraums abzuschließen wären. Der oft kritisierte Bachelor dauert zum Beispiel in der Regel nur drei Jahre.

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Liberale Hochschulgruppen: Schreihälse ignorieren!

Deutschlandweit proben linke Studenten den Aufstand. Bereits im Sommer zogen zahlreiche Studierende mit den unterschiedlichsten Forderungen durch die Lande, ein ideologisierter Kern übt sich nun in Protestnostalgie und veranstaltet Pyjamapartys in Hörsälen.

Statt ehrlicher Konzepte steht wieder mal nichts weniger als vom Staat garantierte Glückseligkeit für alle im Forderungskatalog, der die Summe aller Wünsche der Teilnehmer ist: Abschaffung der NCs, des Bolognaprozesses und der Exzellenzinitiative oder bessere Betreuungsverhältnisse, mehr Mas-terplätze und mehr Geld. Dafür werden momentan Deutschlandweit Pyjamapartys in Hörsälen veran-staltet, im Aktivistenjargon „Besetzungen“, die in Emailbetreffzeilen oft mit dem pathetischen Kampf-schrei „Uni XY brennt“ verkündet werden.

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