2009-11-09

Kurz gefasst: Berliner Mauer und Mauer in Israel/Palästina


Berthold Kohler: Das Wunder von Berlin (FAZ)

Es geschieht nicht oft, dass der Träger des Friedensnobelpreises sagt, er habe diese Auszeichnung nicht verdient. Dabei hätte das Nobelpreiskomitee gar nicht in den Korb mit dem übergroßen Vorschusslorbeer greifen und den noch neuen amerikanischen Präsidenten Obama derart in Verlegenheit bringen, sogar belasten müssen. Es hätte Millionen von Kandidaten gegeben, deren durchschlagender Dienst am Frieden in ihrem Land und in der Welt des Preises würdig war und ist. Dazu hätte man sich in Oslo nur des Mauerfalls in Berlin vor zwanzig Jahren zu erinnern brauchen.

Es sei zugestanden, dass einige der damaligen DDR-Bürger - darunter auch solche, die noch und wieder politisch aktiv sind - sich schon mit der Auszeichnung „Verdienter Mitarbeiter der Staatssicherheit“ zufriedengeben müssten. Doch auch für die klassische Lösung - mit dem Nobelpreis einen Staatsmann zu ehren, der unter allen herausragte - hätte es einen Namen gegeben: Kohl. Von den damals handelnden oder auch nur duldenden Politikern hat er den größten Anteil daran, dass aus dem Kollaps einer Diktatur und dem Bankrott einer Ideologie ein zielgerichteter Prozess zur Wiedervereinigung Deutschlands und des ganzen Kontinents in Frieden und Freiheit wurde - dass dem Wunder von Berlin das Wunder von Europa folgte.

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Günter Schabowski: „Wir wollten uns mit dem Westen arrangieren“ (Tagesspiegel)

Das damalige SED-Politbüromitglied Günter Schabowski spricht im Tagesspiegel-Interview über den 9. November 1989, seine Rolle bei der berühmten Pressekonferenz - und das Experiment Sozialismus. Eine Abrechnung.

Herr Schabowski, wie geht es Ihnen?

Ich bin achtzig Jahre alt. Im letzten halben Jahr bin ich durch viele Krankenstationen gewandert. Gemessen daran, geht es mir schon wieder einigermaßen gut.

Was für ein Tag ist der 9. November 1989 für Sie?

Der 9. November 1989 ist für mich ein Tag, auf den ich mit Genugtuung und auch mit einem gewissen Stolz zurückschaue. Immerhin hilft er mir heute, die Zeit zu überstehen, wenn man so will. Es gibt Menschen, die durchaus die Rolle von mir auf dieser Pressekonferenz als Versuch respektieren, die Spaltung zwischen Ost und West zu überwinden. Darüber freue ich mich. Die Linkspartei ist der Meinung, dieser Schabowski ist ein Verräter und Schweinhund. Aber es gibt auch hinreichend viele Menschen, die zu mir sagen: Schabowski, ich drücke Ihnen die Hand, ich bin beeindruckt davon, dass Sie sich zu diesem Zeitpunkt aufgerafft haben, diesen Schritt zu vollziehen. Und das, obwohl alles darauf Folgende für manchen durchaus negative Auswirkungen hatte. Aber es ist ein Stück Anerkennung für mich, die mir gut tut.

Im Vorfeld des 9. November hatte die SED ja noch einmal versucht, das Ruder kräftig herumzureißen, indem der Mann an der Spitze von Partei und Staat, Erich Honecker, gestürzt wurde ...

Honecker wurde am 17. Oktober 1989 abgesetzt. Das war der entscheidende Punkt des Wandels in der Führung der SED. Und es war der Beginn dessen, was sich später als Katastrophe für die SED herausstellte, weil es nämlich ihren Einbruch und den Untergang der DDR einleitete.

Weil Krenz nicht die Lösung war, die man dem Volk anbieten konnte ...

Krenz war auch in der Runde des Politbüros nicht beliebt. Er war in seinem Verhältnis zu Honecker ein eher devoter Typ.

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Interview mit Matthias Gehler: „Es gab keinen westlichen Wissensvorsprung“ (Cicero)

Matthias Gehler war der letzte Regierungssprecher der DDR. Im Interview mit Cicero Online spricht er darüber, wie er den Mauerfall erlebte und Chef von Angela Merkel wurde. Außerdem erklärt Gehler, weshalb er nicht in der Politik bleiben und lieber wieder als Journalist arbeiten wollte.

Herr Gehler, vom Pfarrer zum letzten Regierungssprecher der DDR. Wie kamen Sie zu dem Job?

Es gab natürlich noch Zwischenstationen. 1987 musste ich aus der Kirche ausscheiden, weil ich als Pfarrer nicht ganz konformgetreu gearbeitet hatte. Ich hatte unter anderem Bibeln mit nach Russland geschmuggelt. Und im gleichen Jahr ging ich dann zur „Neuen Zeit“, der CDU-Zeitung in Ostdeutschland. Und so bin ich Schritt für Schritt in den Journalismus gewechselt. Später wurde ich dann Referent des CDU-Ost-Generalsekretärs Martin Kirchner. Als sich herausstellte, dass Kirchner in der Stasi war, habe ich von ihm viele Termine wahrgenommen. Nachdem wir dann am 18. März die Wahl gewonnen hatte, fragte mich Lothar de Maizière, ob ich Regierungssprecher und Staatssekretär werden wolle.

Als Liedermacher in der Vorwende-Zeit texteten Sie mal: „Immer haarscharf am Auftrittsverbot entlang“. Wie sehr haben Sie unter dem DDR-Regime gelitten?

Ich habe mich damals nicht als Revolutionär gefühlt, sondern einfach gemacht, was mir in den Sinn kam. Erst viel später habe ich dann gemerkt, dass das nicht ohne war. Irgendwann wurden mir sogar die Räder vom Auto locker geschraubt. In einer Kirche hatte ich damals einen Auftritt, bei dem die Stasi nur auf ein Lied von mir wartete, um etwas gegen mich in der Hand zu haben. Dieses Lied mit dem Titel „Grau“ habe ich dort dann nicht gespielt, sondern ein anderen Song, der aber ebenfalls kritisch war. Bei einem Vorentscheid zu einem Chanson-Festival im Frühjahr 1989 habe ich dann keine Rücksicht mehr genommen, sang meine Lieder und bekam anschließend Auftrittsverbot.

Und dann gingen Sie auf die Straße und demonstrierten gegen das DDR.

Ja, am 7. Oktober lief ich in Berlin mit vielen anderen in Richtung Gethsemanekirche, wo ich am eigenen Leib die Gewalt des Regimes zu spüren bekam. Ich schrieb dann einen Artikel darüber, wie 40 Männer eingekerkert und eine Frau vor ihren Augen verprügelt wurde. Der Chefredakteur von der „Neuen Zeit“ hatte mir die Geschichte zuerst nicht geglaubt. Ich bin dann mit ihm zum stellvertretenden CDU-Ost-Vorsitzenden Wolfgang Heil gefahren, der die Geschichte schon kannte. Und Heil sagte dann, dass auch jemand von der CDU betroffen war, weshalb man die ganze Sache einem Anwalt übergeben habe. Und dieser Anwalt hieß Lothar de Maizière. So bin ich erstmals überhaupt mit dem Namen in Verbindung gekommen.

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Tobias Kaufmann: Das deutsche Datum (Leverkuser Anzeiger)

Der 9. November scheint in der deutschen Geschichte ein besonderer Schicksalstag zu sein. An dem Datum rief Philipp Scheidemann die Republik aus, putschte Hitler in München und fand die Reichspogromnacht statt. Zufall oder Schicksal?

Schicksalstag. Mit diesem Begriff ist der 9. November in Deutschland beladen, zugleich hoffnungsvoll pathetisch und unheilschwanger. Dabei ist es weniger das Schicksal als menschliches Wirken, das dieses 365stel eines Jahres zum deutschen Datum gemacht hat. Dass es der 9. November 1848 war, an dem der in Köln geborene Demokrat Robert Blum in Wien als Fanal der scheiternden bürgerlichen Revolte erschossen wird, ist reiner Zufall.

Ebenso, dass Reichskanzler Max von Baden nicht am 8. oder 10., sondern am 9. November 1918 eigenmächtig beschließt, den Kaiser abdanken zu lassen. In den Mittagsstunden ruft der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann die Republik aus, den ersten wirklich großen Demokratie-Versuch auf deutschem Boden. Wenig später greift Karl Liebknecht ein, indem er die Räterepublik für geboren erklärt. Da schon, mit Rückblick auf 1848 und in der Dämmerung des endenden ersten Weltkriegs scheint der 9. November symbolisch zu werden für den Kampf zwischen freiheitlichem Ideal und rechts- und linksextremer Reaktion in Deutschland.

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Ulrich W. Sahm: 20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer: Israels Mauer und Zaun (Hagalil)

Die Berliner Mauer war einst eine Touristenattraktion wie kein anderes Monument in der geteilten Hauptstadt Deutschlands. Heute begrüßt das israelische Tourismusministerium Pilger und Touristen auf dem Weg zur Geburtskirche in Bethlehem mit einem 10 Meter hohen Plakat an der Mauer mit dem Spruch: „Friede sei mit Euch.“ Nicht minder geschmacklos sind Graffiti, mit denen „Künstler“ die Mauer schmücken…

Neben meterhohen Portraits von Arafat gibt es praktische Hinweise „Hier die Bombe ansetzen“ oder „Gott wird die Mauer zerstören“ und „Jesus weinte“. Palästinensische Geschäftemacher lassen sich Liebesverse und Protestparolen zuschicken und spritzen die gebührenpflichtig auf die graue Betonmauer. Die Mauer machte den ehemaligen palästinensischen Ministerpräsidenten Ahmad Qureia zum Multimillionär. Er lieferte den Zement für die 10 Meter hohen Segmente.

Die DDR nannte ihre Mauer seinerzeit zynisch „anti-faschistischer Wall“, als ob faschistische Westdeutsche in das sozialistische Paradies stürmen wollten. Genauso reden Palästinenser von einer „Berliner Mauer“, als ob der jüdische Staat seine Bürger bremsen müsse, in das palästinensische Paradies, etwa im Gazastreifen, zu fliehen. Auch Bezeichnungen wie „Apartheidmauer“ sind keine Reflektion der Wirklichkeit. Mit Rassismus hat der Wall wenig zu tun. Östlich der Mauer leben neben den von Israel ausgesperrten palästinensischen Bürgern der Autonomiebehörde auch 300.000 israelische Siedler, die meisten von ihnen Juden. Westlich der Mauer gibt es neben der jüdischen Mehrheit Israels auch noch 1,2 Millionen arabische Bürger des jüdischen Staates.

Katholische wie protestantische Bischöfe aus Deutschland lassen sich gerne vor den Propagandakarren rund um die „Mauer“ spannen. Ebenso Politiker aus aller Welt. So wurde Ramallah mit dem „Warschauer Ghetto“ verglichen, während zu Weihnachten aus dem „ummauerten Bethlehem“ berichtet wird. Dabei ist die Trennmauer zwischen Jerusalem und Bethlehem gerade mal einen Kilometer lang, während nach Osten und Süden alles offen ist. Inzwischen sind auch die meisten Straßensperren weggeräumt. Als eine deutsche Journalistengruppe zu einem Treffen mit der palästinensischen Tourismusministerin Choulud Daibes kam, ohne die Mauer zu passieren, und Daibes mit ihrem Klagelied über das „völlig ummauerte Bethlehem“ anhob, meinte eine Journalistin, dass sie gar keine Mauer gesehen habe. Daibes fragte den ortskundigen Reiseleiter, über welchen Weg die Gruppe zu ihrem Büro gelangt sei. Der antwortete: „Über Walladsche“. Daibes konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, meinte jedoch: „Das ist aber nicht nett.“

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