2009-11-04

Identitätssuche

[caption id="" align="alignnone" width="689" caption="Ein sehr beeindruckender Stammbaum der Familie Šternberg"]Stammbaum[/caption]

Schon in der Kindheit wollte ich herausfinden, woher ich komme und was meine Vorfahren getan haben. Das Ritterspielen und das begeisterte Schauen von Ritterfilmen führte mich ins Mittelalter. Und mit dem ersten Jugendbuch entdeckte ich auch den ersten Hinweis auf die Bedeutung meines Namens: Lehmann kommt von Lehnsmann und war jemand, der im Mittelalter von einem Lehnsherrn ein Gut (Lehen) entliehen bekam und als Abfindung seinem Herrn ewige Treue schwor. In der Fachsprache nennt man dieses Verhältnis Lehenswesen.

Als Jugendlicher bildete ich mir ein, dass jemand, der ein Gut besaß, auch automatisch adelig sein müsste. So machte ich mich auf die Suche nach Namen und der Ahnentafel meiner Familie. Mit Enttäuschung musste ich allerdings feststellen, dass väterlicherseits die Linie der Lehmänner nur bis ins Jahr 1886 zurück verfolgt wurde.  Eine weitere Untersuchung und Archivarbeit in Annaberg (Sachsen) wollte ich mir allerdings zur damaligen Zeit nicht anlasten.

Während meiner Zivildienstzeit in Israel bekam ich überaschender Weise eine andere Deutung meines Namens: Deine Vorfahren waren bestimmt Juden, wurde mir von vielen israelischen Bekannten und Freunden gesagt. Ganz perplex habe ich dies verneint, musste allerdings mit der Zeit feststellen, dass Lehmann tatsächlich ein jüdischer Name ist.

Erst letzte Woche hat mich das Fieber nach dem Ursprung meiner Familie wieder gepackt und so lieh ich mir verschiedenste Bücher und Lexika aus der Universitätsbibliothek und der neu eingerichteten Bibliothek der Hochschule für Jüdische Studien aus. Die Erscheinungsjahre der Bücher schwankten von 1933/34 (Gerhard Kessler, Familiennamen der Juden in Deutschland, in: Mitteilungen der Zentralstelle für Deutsche Personen- und Familiengeschichte, Leipzig 1934) und 2005 (Jürgen Udolph/ Sebastian Fitzek, Professor Udolphs Buch der Namen, München 2005).

In Kaganoffs A Dictionary of Jewish Names and their History (4. Auflg., 2003) entdeckte ich nun erstaunliche Hintergründe über die Bedeutung meines Familiennamens:
"Lehman(n) is a technical term from the Middle Ages and means a vasal of a feudal lord. As a Jewish family name it is derived from the profession of banking or money lending. In German leihen means "to lend", and Leihenhaus is a pawnshhop and Leihman was the pawnbroker. This became Lehman(n). The name may also be a disguised name for a Levite. Lehman was understood as Levi-man." (Kaganoff, S.170)

Neben der sehr häufig auftauchenden Bedeutung des Familiennamens Lehmann als Vasall oder Lehnsmann, kann der Ursprung des Wortes auch von Leihman(n) oder Levi-man(n) herkommen, was eindeutige Bezüge zu jüdischen Wurzeln ziehen würde, da zum einen im Mittelalter nur Juden im Pfandverleih/ Geldwechsel tätig waren, da dies für Christen vom Papst verboten wurde, und zum anderen der Stamm der Leviten eindeutig auf die fünf Bücher Moses (Tora)  und dem jüdischen Stamm Levi (Priestergeschlecht des Aharon) verweist.

Waren meine Vorfahren also Juden? Eindeutige Belege hierfür gibt es nicht. Hierzu wäre ganz sicher Archivarbeit angesagt. Vorstellbar wäre es allerdings schon. Gerade im Zeitalter der Emanzipation kam es zu starken Taufwellen und Assimilationsversuchen deutscher Juden, um in für Juden nicht zugänglichen Berufssparten arbeiten zu können oder ganz als Deutsche zu gelten. Heinrich Heine ist nur ein Beispiel hierfür.

Dies würde erklären, warum mein Ur-Urgroßvater Otto Lehmann (1886-1975) eben kein Jude war, sondern Protestant. Dies hieße allerdings nicht, dass Generationen vor ihm nicht doch auf Grund der Zeitumstände zum Christentum konvertierten, so wie es eben viele assimilierte Juden taten. Ganz sicher würde solch eine verifizierbare Erkenntnis ein ganz neues Licht auf meine eigene Familie werfen, sowie meine persönliche Identität und meinen Bezug zu Israel.