2009-11-08

Bizarres Mauergedenken

[caption id="" align="alignnone" width="614" caption="Unverkennbar, wer hinter der Mauerpropaganda steckt"][/caption]

Pünktlich zum 20 jährigen Jubiläum des Mauerfalls darf auch in den Medien der Vergleich zwischen der Berliner Mauer und der "Mauer in Palästina" nicht fehlen. Gestern abend nach Wetten dass...?, also zur besten Sendezeit, strahlte das ZDF-Heute-Journal einen Bericht über ein bizarres Mauerprojekt des Goethe-Instituts aus mit dem Namen Mauerreise aus, welches künstlerisch gestaltete Mauern aus den Orten der Welt für eine Ausstellung nach Berlin holt, wo auch heute noch Mauern stehen. Zu diesen, so Klaus Kleber, gehörten Mauern aus "Zypern, Yemen, Palästina und Korea". Am 9. November sollen diese wie Dominosteine in sich zusammen fallen. Es sei eine "schöne Idee und eine Gelegenheit unsere eigene Geschichte mit den Augen Anderer zu sehen", so Kleber weiter.

Der Bericht fängt mit einer Ortsbesprechung in Südkorea an und geht weiter nach Palästina, wo die Mauer für die Palästinenserin Rana wie ein Gefängnis sei, die sie von den Dingen trennen würde, die sie liebe. "Es ist etwas, das wir nicht mögen und dem wir nicht zustimmen", so Rana. "Unser Konzept war es, Ähnlichkeit zwischen der Mauer in Palästina und der Mauer in Berlin zu zeigen, die bereits gefallen ist". Die Reporterin resümiert, dass Rana und ihre Freunde den Stein nach Berlin schicken, da sie sich wünschen, dass die Mauer, die sie umgibt fällt und es keine Grenzen zwischen ihren Familien mehr gäbe.

Ein Blick auf die Projektseite des Goethe-Instituts deckt auf, dass die Berichte von ZDF und Goethe-Institut sehr ähnlich sind. Nicht nur wurde das Bildmaterial des Instituts verwendet, sondern auch die politische Botschaft, die in dem Video vermittelt werden soll: Reisst die Mauer in Palästina ein. Man kann davon ausgehen, dass das ZDF keine eigene Recherche zu dem Projekt eingeleitet hat und unkritisch die verzerrten "Liebesgrüße aus Palästina" übernahm. Doch über die Konsequenzen solch einer Forderung waren sich weder die Verantwortlichen von ZDF und Goethe-Institut bewusst.

"Reisst die Mauern in Palästina ein" bedeutet meines Erachtens Israel das Recht auf Selbstverteidigung und Schutz vor Terror abzusprechen, denn der Grund für den "Mauerbau" war nicht die Trennung eines Volkes, die Verhinderung von Flüchtlingsströmen nach Palästina, die Einmauerung von Menschen, sondern die Prävention von Terroranschlägen, die während der Planung der Sicherheitsanlage fast täglich in Israel stattfanden. Zudem, auf politischer Ebene, symbolisiert die "Mauer" die Begrenzung Israels auf ein bestimmtes Territorium - und dies geplant und ausgeführt ausgerechnet von der Likud-Partei, deren Wurzeln auf der revisionistischen Idee bestand, das Territorium Israels um die östlichen Gebiete des Jordans zu erweitern. Sharons Plan ist somit auch ein Einschnitt für den Likud selbst gewesen, ein Richtungswechsel, der sich an den Visionen des Philosophen Jeshajahu Leibowitz orientiert.

Die "Mauer" zwischen Israel und der Westbank ist lebensnotwendig. Sie schützt israelische Bürger vor weiteren Terroranschlägen (auch wenn dies in Zeiten von Terror durch Buldozer und Raketen auch umgangen wurde), sie markiert einen Richtungswechsel in der israelischen Gesellschaft sich entgültig von erträumtem Territorium zu verabschieden und stattdessen auch auf Grund demographischer Entwicklungen (Rückgang der jüdischen Bevölkerung) sich auf ein Land zu begrenzen, welches zu verteidigen und zu schützen ist und welches zudem den Palästinensern die Möglichkeit gibt in ihrem Territorium einen friedlichen und prosperierenden Palästinenserstaat aufzubauen.

Ich hoffe deshalb, dass beide Institutionen statt dieser bizarren und geschichtsverzerrenden Medienberichte, sich besser mit der ostdeutschen Geschichte befassen würden. Statt der Ironie am 20. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer weitere Mauern (nicht nur physisch, sondern auch psychisch) aufzubauen, sollten beide mit Fakten und kritischer Berichterstattung und Arbeit vor Ort lieber dafür sorgen, dass Mauern in den Köpfen abgebaut werden. Aber dazu bedarf es scheinbar erst die eigenen geistigen Mauern einzureißen, eh so etwas überhaupt möglich ist.

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Ergänzung

Ulrich W. Sahm: Mauer ist nicht gleich Mauer:
Nicht die Mauer ist ein Hindernis für den Frieden, sondern der Krieg. Die Mauer hatte zu einem Ende der Intifada geführt und nach mehrjährigem Blutvergießen wieder Gespräche zwischen der Autonomiebehörde und Israel unter Ehud Olmert ermöglicht.

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Deutsche Botschaft Tel Aviv (Medienspiegel): Die Mauer zerstören (2)
Das Festival internationaler Ereignisse zum 20. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer, das schon begonnen hat, verleiht der gut geölten palästinensischen Propaganda-Maschine einen neuen Anstoß gegen die Existenz des Trennzauns zwischen Israel und den Gebieten – einem System das weltweit breite Anerkennung findet.

Der Trennzaun ist schon längst im vereinfachten Bewusstsein vieler Europäer eine Neuauflage der Berliner Mauer geworden, und so entstand ein ziemlich breiter Konsens, zum Sturz der „israelischen Mauer“ aufzurufen, im Namen der Prinzipien der Bruderschaft zwischen den Völkern und der Freiheit der Menschen.

Angesichts dieses globalen Angriffs ist es eine Pflicht, eine Sache zu betonen, die eigentlich selbstverständlich sein müsste, die jedoch von vielen Menschen auf der Welt lieber ignoriert wird: Außer einer gewissen visuellen Ähnlichkeit gibt es und wird es keine Verbindung zwischen der Berliner Mauer und dem Trennzaun geben.

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Englisches Original >>

BBC: Mauern der Welt

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