2009-10-04

Kurz gefasst: Fall Sarrazin und das Verbot offen zu Denken

Thilo Sarrazin ist sicher kein politisch Korrekter. Vielmehr kennzeichnet ihn eine ungemütliche und aufrüttelnde Art aus, die mit provokanten Äußerungen Misstände in der Gesellschaft offen legen will. Dass dieser Berliner Moralapostel kein Blatt vor dem Mund nimmt, hat er diese Woche wieder bewiesen. Doch die als ausländerfeindlich von den Medien dargestellten Äußerungen scheinen mehr über die Probleme unserer Gesellschaft auszusagen, als der Mehrheit wohl Recht ist. Genau deshalb halten es diese Interessengruppen für sinnvoll  Sarrazin einen Maulkorb überzuziehen, anstatt über die angesprochenen Probleme offen und sachlich zu diskutieren. Mit diesem Verhalten gefährden sie nicht nur die Meinungsfreiheit in Deutschland, sondern auch eine offene und lebendige Gesellschaft - so wie sie in jeder gesunden Demokratie zu finden sein sollte.

Folgende zwei Beiträge decken diese makabren gesellschaftlichen Misstände und demokratiefeindlichen Denkmuster in Teilen der deutschen Gesellschaft auf:

Peter von Becker: Prüfen statt Prügeln (Der Tagesspiegel)

Nein, politisch korrekt hat sich Berlins Ex-Finanzsenator Thilo Sarrazin nicht ausgedrückt in seinem so schnell skandalisierten Gespräch mit der in Berlin erscheinenden Kulturzeitschrift "Lettre international". Doch die Äußerungen, die sehr stammtischnah klingen, seien"empirisch" nachzuvollziehen, sagte Sarrzin.

Nun kursieren in den Medien allerlei anstößige Sätze, vor allem über die „unproduktiven“ Berliner „Unterschichten“, zu denen der jetzige Bundesbankvorstand Sarrazin neben Hartz-IV-Empfängern die Mehrzahl der angeblich integrationsunwilligen türkischen und arabischen Immigranten in der Hauptstadt zählt.

Das riecht nach starkem Tobak, und dieser ist naturgemäß braun. Auch Sarrazin meint, dass manche seiner Äußerungen „sehr stammtischnah“ klängen. Aber, so fügt er an, man könne, was er etwa über die Probleme der Berlin-spezifischen Integrationspolitik äußert, „empirisch sehr sorgfältig nachzeichnen“. Nun sind auch empirische Befunde oft unterschiedlich interpretierbar, und der Ton macht die Musik, zumal bei empfindlichen Themen. Doch zur Wahrheit muss auch gesagt werden: Es wirkt ziemlich pornografisch, sich bei Sarrazin bloß auf möglicherweise pikante „Stellen“ zu stürzen – oder nur diese Stellen zu zitieren, ohne den ganzen Text zu kennen.

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Volker Zastrow: Kopftuchmädchen (FAZ)

Der Nächste bitte. Diesmal ist es Thilo Sarrazin, der ehemalige Berliner Finanzsenator. Sarrazin hat in einem langen, gedankenreichen, wilden Interview in der Intellektuellen-Zeitschrift „Lettre International“ eine Art Summa seiner Berliner Jahre gezogen – es war einer von zahlreichen Beiträgen in einem der Hauptstadt gewidmeten Sonderheft. Inzwischen ist der Sozialdemokrat in Frankfurt, im Vorstand der Bundesbank, deren Präsident ihn kaum verblümt zum Rücktritt aufgefordert hat. Auch die Staatsanwaltschaft prüft schon, ob Sarrazin beispielsweise hätte sagen dürfen: „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.“ Und da gab es noch eine ganze Reihe ähnlicher drastischer Sätze.

Natürlich ist das provozierend; kein Wunder, Sarrazin hat sich noch nie den Schnabel verbiegen lassen und dabei so manches Mal Grenzen überschritten: solche des guten Geschmacks vielleicht, der Höflichkeit, womöglich auch nur die Grenzen der gepflegten Gleichgültigkeit und des tiefempfundenen Desinteresses, das in dieser Republik unter Toleranz firmiert. Wie Sarrazin sich ausdrückt, kann verletzend wirken, es wäre nicht das erste Mal; doch kann man überhaupt Unwillkommenes aussprechen, ohne zu verletzen? Und sei es den inneren Frieden, die Gewohnheiten, die Gewissheiten derer, die vor allem nicht gestört werden wollen? Kann man über Verdrängtes sprechen, ohne zu verletzen? Kann man Missstände benennen, die Wahrheit sagen, ohne zu verletzen?

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Robin Alexander: Sarrazins Reise an die Klippen der Meinungsfreiheit (Die Welt)


Seine Aussagen sind enorm heikel. Doch wer sich die Mühe macht, das Interview von Thilo Sarrazin komplett zu lesen, wird feststellen, dass er weder pöbelt noch populistisch daherredet. Doch darum geht es jetzt auch gar nicht mehr. Denn nun wird die Meinungsfreiheit scheibchenweise verhandelt.

Dies ist ein Rat, den Journalisten nicht gerne geben. Wenn Sie diesen Artikel zu Ende gelesen haben, gehen Sie bitte zur Bahnhofsbuchhandlung und kaufen Sie sich ein Magazin.

Verlangen Sie das aktuelle Heft „Lettre International“ und lesen Sie ein sehr langes Interview mit Thilo Sarrazin. Die Viertelstunde, welche die Lektüre wohl dauert, ist eine Reise an die Grenzen der gelebten Meinungsfreiheit in Deutschland.

Seine Mitgliedschaft in der SPD und seinen Posten im Vorstand der Bundesbank soll Sarrazin jetzt verlieren. Seine öffentliche Reputation ist schon vernichtet. Im Internet kursieren Zitate aus dem Gespräch, die Politikern und Interessenvertreter als Empörungsanlass nutzen.

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Auszüge des Gesprächs mit Thilo Sarrazin finden Sie hier und hier.
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