2009-10-25

Kurz gefasst: Broder, Claude Lanzmann und 1989







Henryk M. Broder: Meine Kippa liegt im Ring [Tagesspiegel]

Ich habe nach reiflicher Überlegung beschlossen, mich um das Amt des Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland zu bewerben. Das Procedere ist nicht ganz einfach, man muss der Repräsentantenversammlung einer jüdischen Gemeinde angehören und von dieser nominiert werden. Nachdem mir aber zwei kleine Gemeinden ihre Unterstützung zugesagt haben, sind das keine unüberwindlichen Hindernisse. In zwei Jahren werde ich 65, ich habe immer das getan, was ich tun wollte. Jetzt ist die Zeit gekommen, das zu tun, was ich tun sollte.

Die offizielle Vertretung der Juden in Deutschland befindet sich in einem erbärmlichen Zustand. Die Präsidentin – intern „Tante Charly“ genannt – scheint von dem Job überfordert. Wer die Pressemitteilungen liest, die von ihrem Büro herausgegeben werden, erfährt, dass ein Besuch bei der Frau des Bundespräsidenten zu den wichtigsten Erfahrungen ihres Lebens gehört. Ihre Stellvertreter belauern sich gegenseitig und warten darauf, wer als Erster aus der Deckung geht.

[...]

Der Zentralrat vertritt eine kleine Minderheit, etwa 100 000 Juden, von denen die meisten nach 1989 aus der ehemaligen Sowjetunion in die Bundesrepublik gekommen sind, sein Wort hat aber Gewicht. Besser gesagt: Es hatte Gewicht. Inzwischen werden dessen Stellungnahmen kaum noch wahrgenommen, weil er sich inflationär zu allem und jedem äußert. Den Rücktritt eines Ministerpräsidenten zu fordern, weil dieser sich in der Wortwahl vergriffen und von einer „Pogromstimmung gegen Manager“ gesprochen hat, ist nicht nur unangemessen sondern auch dumm. Man soll keine Forderungen erheben, zu deren Durchsetzung man nicht in der Lage ist. Es sei denn, man will sich vorsätzlich blamieren.

Der Zentralrat versteht sich als eine Art Frühwarnsystem gegen politischen Extremismus und andere aufziehende Gefahren. Das war die Rolle, die den kapitolinischen Gänsen im alten Rom zukam. Dennoch haben sie den Untergang Roms nicht verhindern können. Es kann nicht die Aufgabe des Zentralrates sein, sich als das gute Gewissen Deutschlands aufzuführen. Es bringt auch nichts, „Wehret den Anfängen!“ zu schreien, wenn eine Handvoll Neonazis durch Möllenhagen in Mecklenburg-Vorpommern marschiert, und das Verbot der NPD zu fordern, was die Partei, die im Begriff ist, sich selbst zu zerlegen, nur in ihrer Scheinbedeutung bestätigt. Ebenso ist es nicht die Aufgabe des Zentralrates, den übrigen 79,9 Millionen Deutschen vorzuschreiben, wie sie mit ihrer Geschichte umgehen sollten. Liebesbeweise, die erzwungen werden, sind keine.

Der Zentralrat tritt als Reue-Entgegennahme-Instanz auf und stellt Unbedenklichkeitserklärungen aus, wobei es weder nach oben noch nach unten eine Schamgrenze gibt. Der Zentralrat hat seine Beziehungen zum Vatikan und zur deutschen Bischofskonferenz im Zuge der „Williamson-Affäre“ zeitweise abgebrochen; wenn ein Theater in der Provinz Fassbinders Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ aufführen will, eilt der Generalsekretär persönlich hin, um den Theaterleuten zu sagen, was sie machen beziehungsweise nicht machen sollen. Wenn das keine Beschäftigungstherapie ist, dann ist es nur lächerlich.

Mariam Lau: Claude Lanzmann, ein Muskeljude [Die Welt]
Als Theodor Herzl den Zionismus erfand, gegen Ende des 19.Jahrhunderts, stand ihm ein Pariser Arzt zur Seite, der die Idee sofort verstand. Damit der Judenstaat überleben könne, so dachte jener Arzt – Max Nordau war sein Name –, brauche es nicht nur „Nervenjuden“, nicht nur „Talmudjuden“, sondern einen Menschenschlag, den er „Muskeljuden“ nannte: Juden, die sich nichts gefallen lassen, die auch physisch zu kämpfen bereit sind und Felder beackern können, keine „nebbichten“ Gettojuden, keine Lämmer, sondern Löwen.

Claude Lanzmann – Regisseur, Herausgeber, Journalist – mag inzwischen über 80 Jahre alt sein, aber wenn es in Frankreich jemanden gibt, auf den die Bezeichnung „Muskeljude“ zutrifft, dann ist er es. Dabei ist ihm sein Judentum nicht in den Schoß gefallen, er hat es sich erkämpft, zäh und eigenwillig. Seine Erinnerungen, die jetzt unter dem Titel „Le Lièvre de Patagonie“ (Der Hase aus Patagonien) beim französischen Verlag Gallimard erschienen sind, wirken gelegentlich, als sei Elie Wiesel auf Dean Martin getroffen, und man habe die Nacht in einer Hotelbar verbracht: finster und lebenshungrig, oft verblüffend lustig und voller politischer und amouröser Abenteuer. Als 14-Jähriger verdienten er und sein Bruder erstes eigenes Geld als Erntehelfer im Süden, diszipliniert bis zur Selbstverleugnung. Der Vater, ein Dekorateur, hatte den Kindern das lautlose, blitzschnelle Anziehen beigebracht, sollte die Gestapo vor der Tür stehen. Als 18-Jähriger wurde Claude Kommandeur einer kommunistischen Zelle der Résistance am Lyzeum in Clermont-Ferrand, beteiligte sich an Partisanenkämpfen in der Haute-Loire oder transportierte Waffen zusammen mit einer Freundin namens Hélène Hoffnung. Auch sein Vater war in der Résistance; die beiden wussten lange Zeit nichts voneinander. Aber als die Kommunisten ihn zum Bruch mit der Organisation des Vaters zwingen wollten, bekannte Lanzmann sich zu ihm, worauf die Genossen einen Mordbefehl gegen ihn ausriefen. Sein Vater wiederum rettete ihm das Leben, als die Gestapo ihn stellte.

20 Jahre Mauerfall: Erinnerungen und Nachwirkungen

A. Dowideit, K. Haak, J. Wildermann: War damals in der DDR wirklich alles schlechter?
Jeder hatte einen Job, Wohnungen waren billig, alle waren gleich reich, Autos aber schwer zu bekommen – das sind gängige Ansichten über die Deutsche Demokratische Republik. Was davon stimmt? Tatsache ist: Der Staat wollte alles regeln, und nicht nur die Planwirtschaft machte den Menschen das Leben schwer.

Guido Knopp, Paul van Dyk, Hans-Dietrich Genscher, Johannes B. Kerner u.a.: Glück ohne Grenzen
An der Mauer sitzt der berühmte Cellist Rostropowitsch und gibt ein spontanes Konzert. Ein Taxifahrer nimmt „seine ersten Ossis“ mit zum Lieblingsitaliener am Ku’damm. Ein Neunjähriger darf mit zum Brandenburger Tor und sieht in der Menge erstmals seine Tante. Der 9. November 1989 birgt unvergessliche Erlebnisse. Menschen aus Ost und West erzählen sie.

Rübergemacht - und dann? Sechs Lebensgeschichten (1989-2009)

"Mutti, mach's gut, bis bald habe noch Katzenfuttergeld hingelegt", schrieb Andreas im September 1989 auf einen Zettel und verschwand. 20 Jahre später findet er diesen Zettel durch einen Zufall wieder. Für die Autorin Susanne Bausch ist es der Anknüpfungspunkt an einen Film, den sie 1994 über DDR-Flüchtlinge beendet hat.

1989 hatte Susanne Bausch Andreas und fünf weitere DDR-Flüchtlinge in einem Auffanglager kennen gelernt. Szenen aus einem aufgeheizten Herbst, abenteuerliche Fluchten, Ostdeutsche zum ersten Mal auf westdeutschem Boden. Über fünf Jahre hat das SWR-Team die Flüchtlinge, die in den Südwesten wollten, begleitet.

15 Jahre sind vergangen. Jahre, in denen sich Spuren verwischen, sich im Zickzack der Schicksalsschläge und Neuanfänge verlieren. Aber Susanne Bausch ist es gelungen, alle sechs Lebensgeschichten fortzuschreiben. Andreas, zum Beispiel. Er war aus der DDR geflohen, weil er dort nicht studieren durfte. In der BRD vergaß er seinen Studienwunsch. Es ging um Geldverdienen, Existenzsicherung. Er schuftete, erlebte Pleiten, schuftete.
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