2009-08-08

Offener Brief an Jörg Rupp, Kreisvorstand Karlsruhe (Bündnis 90/ Die Grünen)

Sehr geehrter Herr Rupp,

ich habe die Diskussion um Frau Langer mit Interesse verfolgt und bin ganz zufällig auf Ihren Blog und diese Diskussion gestossen. Ich kann den Herren Dahlenburg, Heplev und BillBrook in Ihrer Kritik an der Verleihung des BVK an Frau Langer nur beipflichten. Was Frau Langer tut ist das Schaffen von Feindbildern, hier dem Feindbild des brutalen, morallosen Juden, der die Palästinenser mit seiner Aggressionspolitik bedroht und die ideale zionistische Gesellschaft Frau Langers behindert aufzukeimen (Der Zionismus in Israel ist ein Produkt sozialistischer.Einwanderer wie Ben Gurion und hat mit dem Zionismus Herzls in Westeuropa nicht viel zu tun).

Auch Antisemiten haben Juden in Deutschland seit Beginn des Kaiserreichs 1875 immer wieder vorgeworfen unmoralisch, aggressiv, besonders sexuell aktiv zu sein- Die Motive sind Ihnen sicherlich aus dem Stürmer der Nazizeit bekannt. Hitler konnte den Antisemitismus der Kaiserzeit und Weimarer Republik in der Staatspolitik hoffähig machen. Die Nürnberger Gesetze sind ein Exempel, wie antisemitische Forderungen (siehe z.b. Antisemitien-Petition 1880/81) gesetzlich verankert wurden und Staatspolitik wurden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Shoah trat in Europa ein neues Phänomen auf: Der "Antisemitismus ohne Juden". Ein Exempel hierfür mag zum Beispiel der Wiederaufbau Frankfurts sein, bei dem die Baupläne der Nationalsozialisten für eine "judenreine" Stadt verwirklicht wurden. Das jüdische Museum am Börneplatz wurde in den 80er Jahren nur mit Protesten der Bevölkerung errichtet - und zwar über einer Tiefgarage im Erdgeschoß der damaligen Gaswerke.

Antizionismus ist eine weitere Form, die mit dem Antisemitismus der Nachkriegszeit eins gemeinsam hat: Die Projektion eigener (Identitäts-)Probleme auf die Juden. bzw. Israelis, als so genannte erste und zweite Generation der in Nazideutschland verfolgten und ermordeten Juden. Ihnen kann man getrost die eigenen Schuldgefühle auf Grund der Shoah anlassten, in dem man die eigene Kritik als Kritik gegen Israel tarnt und sich mit den Palästinensern uneingeschränkt und kritiklos identifiziert.

Die Spitze solch einer verzerrten und eindimensionalen Kritik ist die Aussage, dass Israel gegen die Palästinenser das gleiche tun würde, wie die Nazis gegen die Juden. Ein anderes Beispiel im ähnlichen Muster ist der Vorwurf gegen Israel eine Apartheidpolitik zu betreiben wie die Behauptung der Antizionisten, dass Kritik an Israel tabu wäre, obwohl gerade auf gesellschaftlicher Ebene in Israel und in der Wissenschaft und auf international-politischer Ebene das Gegenteil der Fall ist ("Neue Historiker" Benny Morris, Avi Shlaim; Joschka Fischers Israelpolitik etc.).

Diese gängigen Klischees des Antizionismus sind in der Fachliteratur eingängig diskutiert wurden. Wolfgang Benz geht in seiner Monographie "Was ist Antisemitismus" sehr detailnah auf die Entwicklung von der Gründerzeit bis in aktuelle Debatten in Deutschland und der Welt ein ("Holocaustindustrie", Fall Möllemann und Hohmann, Antisemitismus und Antizionismus, Israelkritik). Ein Essayband Shulamit Volkovs "Antisemitismus als kultureller Code" geht auf die gleichen Themen ein.

Ich möchte Ihnen mit Verlaub keinen Antisemitismus vorwerfen, würde Sie aber bitten sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Wenn dies in Zukunft zu einer sensibleren Umgangsform mit der Thematik führen würde (in Bezug auf Ihre Wortwahl bzgl. der israelischen Politik und in Entscheidungen wie im Fall Langer), so wäre uns allen in dieser Diskussionsrunde mehr als geholfen.

Mit freundlichen Grüßen,

Lukas Lehmann