2009-08-17

Hertie - In Memoriam

[caption id="" align="alignnone" width="607" caption="Eine der ersten Hertie-Filialen: Das Warenhaus Tietz in Berlin um 1900."]Eine der ersten Hertie-Filialen: Das Warenhaus Tietz in Berlin um 1900.[/caption]

Am 15. August 2009 schlossen die letzten Türen der Kaufhauskette Hertie und mit ihr auch die Geschichte eines vormals jüdischen Kaufhauses. 1896 gründete der aus einer jüdische Kaufmannsfamilie stammende Hermann Tietz das erste Warenhaus in Gera, wo er zuvor ein kleines Weißwarengeschäft betrieben hatte. Breite Auswahl, Niedrigpreise und prunkvolle Aufmachung sollten das Konzept des Kaufhauses im deutschen Kaiserreich und bis in die heutige Zeit prägen.

Das Konzept sprach sich rum und wurde zum erfolgsversprechenden Modell für viele weitere Kaufhäuser. Leonhard Tietz legte den Grundstein für den Kaufhof-Konzern, Salman Schocken (später Verleger der israelischen Tageszeitung Haaretz) gründete 1901 in Zwickau seine Schocken-Kaufhäuser (die durch die Arisierung der Nationalsozialisten in die Merkur AG eingegliedert wurden.  Adolf Jandorf, ebenfalls jüdischer Kaufmann, eröffnete 1907 in Berlin das "Kaufhaus des Westens" (Kadewe), das damals größte und eleganteste Warenhaus Deutschlands.

Erst während des Nationalsozialismus wurde der Name "Hertie" (Abkürzung für Hermann Tietz) zum offiziellen Namen der Kaufhauskette, da Tietz als jüdischer Name für den Namen eines Kaufhauses nicht mehr annehmbar war. 1939/40 übernahm Georg Kark in der Arisierungswelle den Hertie-Konzern aus jüdischer Hand. Nach der großen Krise und den Filialschwund während und auf Grund des Zweiten Weltkrieges, konnte der Konzern erst 1952 in Deutschland mit zahlreichen Filialneubauten wieder Fuß fassen.

Auf Grund des Erfolgs und der Expansion des Kaufhof-Konzerns in den 70er Jahren sanken die Umsätze der Hertie-Filialen in den 80er Jahren rapide. 1994 wurde Hertie schließlich von der Kaufhof AG übernommen und in diese eingegliedert. Einzig und allein das Münchner Kaufhaus behielt den Namen Hertie bis 2007.

Eine kurze Wiederbelebung der Marke Hertie erfolgte 2005 mit dem Verkauf kleinerer Warenhäuser der Karstadt AG an die britischen Finanzinvestoren Danway. Ab 1. Juli 2007 trugen diese Filialen wieder den Namen Hertie. Allerdings nur mit mäßigem Erfolg. Am 31. Juli 2008 meldete das Unternehmen Insolvenz an. Am 20. Mai 2009 beschloss die Gläubigerversammlung alle Hertie-Filialen in Deutschland zu schließen. Am 15. August 2009 schloßen die letzten 20 Filialen ihre Türen.

Bedeutet dies auch das Aus des Erfolgsmodells Waren- oder Kaufhaus? Zu mindest die deutsch-jüdische Geschichte vieler deutscher Warenhäuser scheint, wenn man auf die offiziellen Unternehmenportraits im Internet schaut so gut wie ausgelöscht zu sein.

Es ist eigentlich traurig, dass mehr als 60 Jahre nach dem Holocaust und der Enteignung jüdischem Besitzes zumindest dieser Teil der Geschichte noch nicht vollständig aufgeklärt ist. Denn unsere heutigen Warenhäuser haben wir zu oft jüdischen Kaufmännern und Geschäftsleuten zu verdanken. Ihre Geschichte sollte gerade heute in Ehren gehalten werden und nicht vergessen bleiben.