2009-08-13

Antwort an Jörg Rupp, Kreisvorstand Karlsruhe (Bündnis 90/ Die Grünen)

Nachdem ich vor ein paar Tagen in einem Offenen Brief mich in die Diskussion um die Verleihung des BVK an Felicia Langer auf dem Blog Jörg Rupps (Kreisvorstand Karlsruhe, Bündnis 90/ Die Grünen) eingeschaltet habe, möchte ich heute auf die Reaktion Rupps Antwort geben:
Hallo Herr Rupp,

ich möchte einige Dinge nochmals klarstellen: Ich denke nicht, dass irgendjemand die Kritik an Israel je verboten hätte. Dies ist ein Konstrukt, welches in Realität nicht gibt. Ein Kritiktabu an Israel ist vielmehr ein kultureller Code des eher linken Milieus in Europa, um sich als solches erkennen zu geben. Wer also ein wirklicher Linker sein will, muss Israel in einem unverhältnismäßigen Maße kritisieren, während man den Palästinensern oder Arabern uneingeschränkte Solidarität zollt (Vgl.: Shulamit Volkov, Antisemitismus als kultureller Code, 2. Auflage 2000, S. 82ff.)

Andererseits haben Sie mit der Behauptung recht, dass Israelkritik in einigen Fällen schnell mit der Antisemitismuskeule beantwortet wird. Volkov beschreibt dies als Phänomen der linken israelischen Regierung  während der 1967er Jahre, wo zu oft die Kritik am Verhalten des Staates während des Sechstagekriegs mit der Antisemitismuskeule beantwortet wurde. Das heißt allerdings nicht, dass diese Kritik in vielen Fällen nicht antisemitisch gewesen wäre (Volkov, S. 77.).

Ich möchte mich von Ihrer Behauptung allerdings distanzieren, dass ich Sie antisemitisch genannt hätte. Wenn Sie meinen Beitrag genau durchgelesen hätten, wäre Ihnen aufgefallen, dass ich methodisch zwar Formen des Antisemitismus und Antizionismus in einem vereinfachten Rahmen dargestellt habe, Sie und Ihre Kritik an Israel allerdings nicht als antisemitisch bezeichnet habe.

Mit was Sie allerdings leben müssten wäre der Verdacht einer antizionistischen Haltung, die wie Volkov beschreibt ein typisches Phänomen des linken Milieus ist. Wie ich zu Anfang schon beschrieben habe dient dieser Antizionismus, der zu oft in Israelkritik getarnt ist, als identitätsstiftendes Element der wie Volkov beschreibt "Neuen Linken". Der Inhalt der Kritik hat somit wenig mit der Realität in Israel zu tun, sondern dient allein dazu sich als Anhänger dieses linken Milieus kenntlich zu machen (Volkov, S.83-87.).

Genau dies ist auch der Fall bei Felicia Langer, die als (ehemalige) Anhängerin der Kommunistischen Partei Israels Anti-Zionismus und eine unausgewogene Israelkritik dazu benutzt, um sich als Anhängerin dieses linken Milieus kenntlich zu machen. Dies scheint ihr in Deutschland noch wichtiger zu sein, da sie hier nicht nur als Kommunistin sondern auch als Jüdin gleich zwei Identitäten gegen eine christlich geprägte Mehrheitsgesellschaft verteidigen muss.

Und genau hier fängt die Kritik der Kritiker Langers an, die ihr Anti-Zionismus und jüdischen Selbsthass vorwerfen. Beide Elemente sind typische innerjüdische Phänomene, die zum Ende des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf den Zionismus entstanden sind und zwar nicht nur als Abwehrhaltung und Schutz der Judenemanzipation und liberaler jüdischer Identität, sondern auch als typisches Phänomen des jüdischen Sozialismus (Volkov, S.78-81.).

Die Israelkritik der heutigen Linken ist somit nicht neu. Sie tritt schon Ende des 19. Jahrhunderts in einem innerjüdischen Kontext auf und ist somit vom Antisemitismus stark zu trennen. Die Israelkritik in diesem Gesamtkontext ist heute oft ein Element der kollektiven Identität der "Neuen Linken". Sie hat die Funktion der eigenen Kennzeichnung und schafft linke Identität. Andererseits sagt sie wie der Antisemitismus auch nichts über die Charakterzüge des Kritisierten und die Situation im Staat Israel selbst aus. Linke Israelkritik ist somit keine Kritik am Staat Israel, sondern die beibehaltende fortgeführte [Änderung durch Verfassser] Kritik am Zionismus.

Mit freundlichen Grüßen,

Lukas Lehmann