2009-07-23

Medienberichte über Randale in Jerusalem einseitig und konstruiert



[caption id="" align="alignnone" width="560" caption="Rabbi Rabinowitz, Admor der Mishkenois HaRoim (links). In der Mitte Rabbi Avrohom Yitzchok Ulman der "Edah HaChareidis"."]Rabbi Rabinowitz, Admor der Mishkenois HaRoim (links). In der Mitte Rabbi Avrohom Yitzchok Ulman der Edah HaChareidis.[/caption]



Seit Tagen füllen sich die Nachrichten in Israel und der Welt mit Bildern und Berichten über randalierende religiöse Juden in Jerusalem. Als Hauptursache der Gewaltausschreitungen zwischen säkularen und religiösen Israelis wurden zum einen die Öffnung eines oder mehrerer Parkhäuser oder Parkplätze am religiösen Ruhetag Schabbat genannt, sowie die Verhaftung einer 30-jährigen religiösen Mutter, die im Verdacht steht ihr 3 Jahre altes Kind seit mehreren Jahren vernachlässigt und Schuld an dessen Unterernährung zu haben.







Im Folgenden soll analysiert werden, wie die Medien die Ausschreitungen in Jerusalem in den letzten Tagen und Wochen charakterisiert haben, welche Ursachen sie für den Konflikt benennen und welche involvierte Gruppen sie benennen. Dies soll am Beispiel jeweils eines Berichts aus der Welt, dem Focus, N-TV, der Schweizer Neuen Züricher Zeitung (NZZ), der israelischen Tageszeitung Jediot Aharonot und dem ZDF Heute Journal skizziert werden. Die Analyse hat auf Grund der mangelnden Quellen keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit.

Die Welt

…glänzt in ihrem Bericht „Mutter soll ihr Kind jahrelang ausgehungert haben“ vom 15. Juli 2009 über die Ausschreitungen mit Fachwissen und Detailgenauigkeit. Sie charakterisiert den Konflikt als religiös, anti-zionistisch und sieht die Ursachen der Ausschreitungen in dem Missbrauchsvorwurf gegen die 30-jährige streng-orthodoxe Mutter.

Als involvierte Gruppierungen benennt sie zum einen die Mutter und ihr missbrauchtes Kind aus der anti-zionistischen und streng-orthodoxen Organisation "Eda Haredit", zum Zweiten die Jerusalemer 'Eda Haredit', die die Mutter vor allen Vorwürfen schützt und freispricht, wie auch zum Boykott des Hadassa-Krankenhauses aufruft, und zum Dritten das Hadassa-Krankenhaus selbst, welches vermutet, dass die Mutter unter dem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom leidet und die Unterernährung ihres Sohnes durch absichtliche Misshandlung verursachte, was auch die Überwachungskameras im Patientenzimmer bestätigen sollten.

Der Focus (dpa)

…beschränkt in seinem Beitrag „Orthodoxe Mutter festgenommen: Unruhen in Israel“ vom 16. Juli 2009 die Art des Konflikts im Vergleich zur Welt auf die religiöse Sphäre, während sie als Ursache der Ausschreitungen gleichermaßen die „Verhaftung der 30-jährigen Mutter aus dem Orthodoxenviertel Mea Schearim in Jerusalem“ benennt.

Zu den involvierten Gruppierungen zählt der Focus wiederum die Mutter und das dreijährige Kind, welche beide schon seit Jahren im Krankenhaus auf Grund der Unterernährung des Kindes in Behandlung waren, und das Hadassa-Krankenhaus, in dem das Kind untersucht und behandelt wurde und welches die Missbrauchsvorwürfe gegenüber der Mutter hegt, die auch in diesem Bericht „unter dem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom leidet“ und die Unterernährung durch absichtliche Misshandlung verursachte.

Als dritte Partei werden hier die „Demonstranten aus dem Orthodoxenviertel Mea Schearim in Jerusalem“ benannt, die die Mutter für unschuldig halten und ihre Freilassung fordern. Zudem wären sie Schuld an den gewaltigen Auseinandersetzungen mit der Polizei und für die Verletzung eines Mitglieds der Stadtverwaltung. Im Welt-Artikel ignoriert, erscheint im Focus-Beitrag nun auch die Familie der Mutter, die die Missbrauchsvorwürfe dementiert und stattdessen die These aufstellt, dass das Kind an Krebs leide und deshalb unterernährt wäre. In einem Versteck der Familie befinden sich die vier weiteren Kinder der Mutter.

Der N-TV (gho/dpa/AFP)-Bericht

… „Parkplatzöffnung am Sabbat: Randale in Jerusalem“ vom 28. Juni 2009 charakterisiert den Konflikt wie der Focus als rein religiös. Als Ursache sieht dieser einige Wochen früher verfasste Beitrag die Pläne des Jerusalemer Bürgermeisters einen Parkplatz am Schabbat zu öffnen.

Dementsprechend fallen auch die involvierten Gruppierungen anders aus. So benennt N-TV zum einen den (säkularen) Bürgermeister Jerusalems (Nir Barkat), der einen Parkplatz am Schabbat öffnen möchte, zum Zweiten die ultra-orthodoxen Haredim, die durch die Parkplatzöffnung eine Verletzung ihrer "strengen Religionsgesetze"sehen und deshalb gewalttätig gegen Polizei und säkulare Demonstranten protestieren, und zum Dritten Tausende nicht strenggläubige Einwohner, die die Pläne des Bürgermeisters durch Demonstrationen unterstützen, aber genau durch diese in die Ausschreitungen mit den Haredim verwickelt werden.

Die NZZ

…skizziert und analysiert in seinem Bericht „Jerusalems schwarzer Block macht Randale: Lautstark und gewalttätig protestieren ultraorthodoxe Juden gegen den Staat Israel“ vom 19. Juli 2009 am Besten die Ereignisse. Sie beschreibt die Art des Konflikts wie schon die Welt als religiös, anti-zionistisch ("Konflikt der Ultraorthodoxen mit dem Staat Israel"), beschreibt allerdings die Ursache des Konflikts als sehr komplex und zudem als nicht neu („Proteste ultraorthodoxer Juden sind in Israel keine Seltenheit“).

Schon 2005 kam es zu einer Messerattacke eines Ultra-orthodoxen bei Demonstrationen gegen die Schwulenparade am Christopher-Street-Day in Jerusalem. Seit vier Wochen gibt es zudem Randale auf Grund der Öffnung eines Parkhauses in der Nähe der Jerusalemer Altstadt am Schabbat. Nicht zuletzt darf auch die Reaktion auf die Verhaftung der 30-jährigen Mutter auf Grund erhobener Missbrauchsvorwürfe nicht unerwähnt bleiben.

Am Beispiel des Falles der streng-religiösen Mutter nennt der NZZ-Autor folgende involvierte Gruppierungen: Zum ersten die streng religiöse Jüdin, die „offenbar am Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom leidet“ und Schuld an der Unterernährung ihres 3-jährigen Kindes sei, zum Zweiten die ultraorthodoxe Gemeinde in Israel, die die Anschuldigungen gegen die Mutter für haltlos erachtet und  "den Aufstand probt", zum Dritten der „ultraorthodoxe Mob“, der nach der Polemik des Autors ähnlich dem "schwarzen Blocks der linksautonomen Szene" sei und die Polizei und Mitarbeiter städtischer Einrichtungen bedroht und als "Unreine Zionisten!" und "Nazis" bezeichnet, und zum Vierten die säkularen Israelis, die den Ultraorthodoxen vorwerfen keine Steuern zu zahlen, den Militärdienst zu verweigern und „mit ihrer Kinderschar von Sozialleistungen“ des Staates leben würden. „In den Augen der meisten säkularen Israeli nehmen sie viel und geben nichts."

Die israelische Tageszeitung Yediot Aharonot

…ähnelt in ihrem Bericht von vergangener Woche denen von Welt und NZZ. Sie charakterisiert die Art des Konflikts als religiös und anti-zionistisch, datiert die Ursprünge des Konflikts zwischen religiösen Antizionisten und säkularen Jerusalemer Bürger  allerdings im Gegensatz zur NZZ auf das Jahr 2002. Sie nennt dabei die Vorkommnisse bei den Protesten gegen die Jerusalemer „Gay-Pride“, gegen die Mordvorwürfe gegen den Thora-Schüler Israel Valas, gegen die Öffnung der Bar-Ilan-Straße oder zweier Parkhäuser (Safra und Karta) am Schabbat und zuletzt gegen die Missbrauchsvorwürfe gegen eine 30-jährige religiöse Jüdin. Ursache für den Autor ist somit ein von den Haredim künstlich geschaffener Konflikt, in dem es immer wieder nach der Suche nach Verletzungen des 1948er "Status-Quo"-Abkommens zwischen David Ben-Gurion und dem religiös-orthodoxen Sektor geht.

Als involvierte Gruppierungen nennt der Artikel somit zum einen die Haredim, besonders die Bewohner Mea Shearims und Geulas, die sich als Opfer des "zionistischen Regimes", des Staates Israel, sehen und der Staat Israel selbst, der von den Haredim als "Zionist regime" bezeichnet wird.

Das ZDF

…glänzte wohl mit dem außergewöhnlichsten Beitrag zu den Ereignissen der letzten Wochen. Im Heute-Journal vom 17.7.2009 bezeichnet dieser die Art des Konflikts als religiös, wobei die Ursachen der Ausschreitungen auf Grund der Missbrauchsvorwürfe gegen die religiöse Mutter und des Konflikts zwischen orthodoxen Juden und säkularen Israelis liegen würden.

Die involvierten Gruppierungen seien somit die orthodoxen Juden, die sich vom Staat Israel verfolgt fühlten, die Mutter als unschuldig ansehen würden und ihre Freilassung durch Demonstrationen und dem Boykott gegen Israel und dessen Krankenhäuser fordern würde. Die säkularen Israelis auf der anderen Seite sehen die orthodoxen Juden als Nutzniesser des Staates, die dem Staat Israel für seine Leistungen nichts zurückgeben würden.

Fazit

Zusammenfassend kann folgendes gesagt werden: Als Art des Konflikts nennen die meisten Medien einen Religiösen, während nur die Welt, die NZZ und die Jediot Aharonot auch den Antizionismus in religiösen Kreisen des israelischen Judentums erwähnt. Als Ursache des Konflikts nennen alle die Verhaftung der 30-jährigen Mutter bzw. die Öffnung eines Parkplatzes am Schabbat, während nur die NZZ und Jediot Aharonot weiter differenzieren und den Konflikt in einer Reihe von Ereignissen seit 2002 bzw. 2005 sehen.

Dementsprechend verteilen sich auch die jeweiligen benannten beteiligten Gruppierungen: So ist zumeist die 30-jährige Mutter und ihr Kind, das Hadassa-Krankenhaus in Jerusalem wie auch die orthodoxe bzw. anti-zionistische Gemeinschaft in Israel zu nennen. Allein die Welt und Jediot Aharonot nennt hier spezifisch die anti-zionistische „Edat Haredit“ als Spannungspol des Konflikts während die anderen Medien pauschalisieren und entweder von einem orthodoxen Mob oder religiösen Israelis im Allgemeinen sprechen, die mit säkularen Israelis, dem Hadassa-Krankenhaus oder dem Jerusalemer Bürgermeister im Konflikt stehen.

Was allerdings in den deutschsprachigen Berichten nicht genannt wird ist die politische Dimension des Konflikts, sprich der seit 1948 anhaltende Konflikt zwischen Haredim bzw. orthodoxen Judentum und säkularen oder zionistischen Gruppierungen. Ausgangspunkt ist hierbei das Status-Quo-Abkommen des ersten israelischen Ministerpräsidenten David Ben-Gurions mit der orthodoxen Agudat Israel.

Trotz dem zu meist areligiösen Charakter des (sozialistischen) Zionismus (religiöse Zionisten wie die Mizrachi oder die national-religiösen Zionisten Rabbi Abraham Isaak Kooks, dem ersten aschkenazischen Oberrabbiner im vorstaatlichen Jischuw bilden hier die Ausnahme), erforderte der Unabhängigkeitskrieg Israels 1948 jede Unterstützung- vor allem auch von den zahlreich ins Land Einwandernden zu meist streng-religiösen und dem Zionismus abgewandten Immigranten aus Osteuropa. Zu dem suchte man den Kontakt der streng-religiösen jüdischen Gemeinden aus dem Ausland (v.a. in den USA), die ihre Regierungen zur Anerkennung des neu gegründeten Staates Israels drängen sollten.

Mit dem Status-Quo-Abkommen vom 24. April 1949 sollte somit die Basis für ein Zusammenleben zwischen säkularen Israelis und religiös-antizionistischen Juden im Land gelegt werden und zum anderen die Gunst der jüdischen Gemeinden in der Diaspora gewonnen werden. Zu den vereinbarten Grundsätzen gehören:

  • Die Einhaltung des Schabbats und der jüdischen Feiertage als gesetzliche Ruhetage in Israel. Nicht-Juden haben das Recht je ihre eigenen Feier- und Ruhetage auszuüben,

  • Das Einhalten der jüdischen Reinheitsvorschriften, Kaschrut, in staatlichen Küchen in Israel,

  • Die Befriedigung religiöse Bedürfnisse durch nationale, städtische und lokale Gremien und die Nichteinmischung des Staates in religiöse Belange,

  • Die Garantie für Religions- und Gewissensfreiheit,

  • Die Gleichstellung der Frauen mit den Männern im Staat Israel,

  • Der Verzicht auf ein Gesetz für eine Zivilehe und –scheidung,

  • Die Autonomie verschiedenster pädagogischer Bildungsansätze im Bildungssystem des Staates Israel.


Die Ursache des gegenwärtig wieder sichtbar werdenden Konflikts ist also kein Religiöser sondern Politischer und Rechtlicher, ein Streit über juristische Definitionen des Schabbats als „Ruhetag“, d.h. eben nicht unbedingt als religiöser Ruhetag, sondern auch definierbar als säkularer Ruhetag, der nicht unbedingt an die Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, gebunden ist. Zudem besteht der Konflikt zwischen dem Konzept eines politischen und religiösen Judenstaats. Während politisch der Staat Israel faktisch 1948 gegründet wurde, ist nach streng religiösen Ansichten die Rückkehr in das biblische Land „Erez Israel“ erst mit der Ankunft des Messias möglich, d.h. nur durch göttlichen und nicht menschlichen Einfluss möglich.

Die Berichterstattung der Medien ist also in doppelter Hinsicht problematisch: Zum einen in der fast monotonen antireligiösen Haltung der Autoren, die künstlich einen Konflikt zwischen religiösen und säkularen Israelis konstruieren, der eine moralische Überlegenheit der säkularen Israelis vor den religiösen Juden vorgibt und den es faktisch in dieser vereinfachten Form nicht gibt, und zum Zweiten in der (bewussten) Ausblendung des politisch-historischen Problems in Verbindung mit dem Status-Quo-Abkommens von 1949, was nicht nur Unwissenheit und Unprofessionalität der untersuchten Medien in ihrer Recherchearbeit vermuten lässt, sondern auch die mediale Konstruktion eines religiösen Konflikts stärken sollte. (Vgl.: Dudi Zilbershlag: Persecuting the haredim)