2009-06-14

Vom "Slumdog" zum Millionär - Ein Film verzaubert die Welt

[caption id="" align="alignnone" width="635" caption="Die schöne Latika aus dem Film Slumdog Millionair, (cc) Saravanan07"] Die schöne Latika,(cc) Saravanan07[/caption]

22. Februar 2009. Die Oscarverleihungen stehen unter dem Einfluss der Wirtschaftskrise und der Wahl des ersten Afroamerikaners zum amerikanischen Staatspräsidenten. Die Show selbst steht auf Sparflamme und viele Stars kommen umweltbewusst mit spritsparenden und umweltfreundlichen Autos zum Kodak Theatre. Unter diesen Umständen war es dann nicht verwunderlich, dass ausgerechnet ein indischer Film mit dem Titel "Slumdog Millionair" unter der Regie des Briten Danny Boyle der diesjährige Höhepunkt des Abends sein sollte.

Ganz ehrlich gesagt war mir persönlich dieser Sieg gar nicht Recht. Meine ganze Hoffnung setzte ich auf den israelischen Konkurrenzfilm "Waltz with Bashir", der mir inhaltlich in Teilen zwar zu links war, andererseits unter Berücksichtigung der israelischen "neuen Historiker" (Segev, Morris, Shlaim, Pappe) eine interessante Kritik am bisherigen zionistischen, das heißt wiederum linken, Geschichtsbild Israels bietet. Vor allem Sabra und Shatila und die erstmaligen Kämpfe israelischer Soldaten in zivilen Gebieten, die zu meist durch Hochhäuser und als Ballungsgebiete charakterisiert sind, schienen damals in den 80er Jahren in Israel zum einen ein Novum zu sein und zum anderen eine nicht ganz unkritisch rezipierte Zeitgeschichte gewesen zu sein.

Eine indische Erfolgsgeschichte

Um nun aber nicht ganz vom Thema abzuschweifen, wende ich mich wieder dem indischen Film "Slumdog Millionair" zu. Der Oscargewinner in insgesamt acht Rubriken (Bester Film,Beste Regie, Bestes adaptiertes Drehbuch, Beste Kamera, Beste Filmmusik, Bester Ton, Bester Schnitt, Bester Song („Jai Ho“)) war für mich in dem Sinne eine Eintagsfliege, dem ich nur sehr wenig Interesse geschenkt habe. Im Nachhinein war dies zu gegebener Maßen ein Fehler. Wie kann ich einen Film beurteilen, mit dem ich mich noch nicht auseinandergesetzt habe, geschweige denn gesehen habe?

Das Desinteresse an dem Film beruhte sicher noch auf einen anderen Grund. Im Sommer 2008 besuchte ich zum ersten mal Indien, was ein ziemlicher Kulturschock für mich war - trotz der vielen guten Eindrücke, die ich von Mensch, Natur und prachtvollen Palästen gesammelt habe. Das Land gefiel mir einfach nicht. Hatte dies mit der schrecklichen Armut zu tun, die ich zum ersten Mal so hautnah in meinem Leben sehen und erfahren konnte? Waren es die Kinder und Frauen, die an den Hauptverkehrsknoten der Stadt an die Fensterscheibe unseres Autos kamen, um um Geld zu betteln? War es das Essen, der Gestank und unerträgliche Smok Delhis, der die Fantasien von 1001 Nacht wie Seifenblasen zerplatzen ließen?

Ein Aspekt war sicher die Sehnsucht nach Israel, welches ich seit 2003 regelmäßig, also jedes halbe oder ganze Jahr, besucht habe und lieben gelernt habe. Die Enttäuschung dieses Jahr Israel nicht zu besuchen, alte Freunde wieder zu treffen, in gewohnter Athmosphäre die freie Zeit zu verbringen und zu dem für mein Studium wieder neue Erfahrungen und Aspekte zu sammeln schmerzte zu tiefst - bis heute. Zu dem scheine ich selbst zu sehr an die westliche Kultur gewöhnt und angepasst zu sein, dass ich fremde Kulturen längerfristig zu wenig verstehen kann oder irgendeine Verbindung mit dieser aufbauen könnte.

Als ich vor einer Woche mein Geburtstagsgeschenk aufmachte, entdeckte ich eine DVD-Hülle. Ich öffnete sie und was entdeckte ich? Ja richtig, den FIlm "Slumdog Millionair" und zudem digitale Urlaubsfotos meiner letzten Indienreise. Nachdem ich in dieser Woche ein wenig mehr Zeit hatte, wollte ich die Bilder und den Film natürlich gleich sehen. Inspiriert von den Fotos, kamen mir während einzelner Filmsequenzen eigene Erinnerungen an meine Erlebnisse in Indien wieder hoch.

Der Film selbst handelt von den Brüdern Jamal und Salim Malik, die gemeinsam mit Latika aus dem Slum Mumbais (Bombay) flüchten, um je ihr eigenes Glück in der ständig wachsenden und sich industrialisierenden indischen Metropole zu suchen. Während Salim sich dem Verbrecherkartell der Stadt anschließt, Latika mit dem Boss des Verbrecherkartells zwangsliiert ist, versucht Jamal sein Glück in der indischen Fernsehshow "Wer wird Millionär". Diese ist Zentrum des Films: Sie bildet Anfang und Ende der Handlung und begleitet den Zuschauer mit jeder neuen Frage durch die Lebensgeschichte der drei Hauptpersonen.

Wie es nicht anders sein kann, verlieren sich die Hauptprotagonisten aus den Augen und treffen sich ein paar Jahre wieder, genau in dem Zeitpunkt als Jamal am Quiz teilnimmt. Er verliebt sich in Latika und versucht sie mit allen Mitteln aus den Fängen seines Bruders Sunil und ihres launischen Ehemannes zu befreien.

Die Befreiung geschieht genau in dem Augenblick, als Jamal seine letzte 20 Millionen Ruppies Frage beantworten muss und dazu per Telefonjocker das Handy seines Bruders anruft. Doch in diesem Augenblick befindet sich dies in den Händen Latikas, die in letzter Sekunde das Gespräch annimmt, allerdings Jamal nur sagen kann, dass sie in Sicherheit befindet. Das Happy End besteht aus dem zufälligen Sieg Jamals beim Millionenquiz und der letztendlichen Vereinigung der Liebenden am Bahnhof Mumbais.

Inspiration für die westliche Filmszene

Im Großen und Ganzen fand ich den FIlm trotz meiner anfänglichen Skepsis sehr gelungen und unterhaltend. Nicht nur das Thema Slums in Indien finde ich sehr originell und interessant, sondern auch der Bezug zur aktuellen Lage in Indien, ein Land welches immens im Wachsen ist und viel Potential für Neuerungen aufweist - wie die Filmindustrie des Landes und dessen Rezeption im "Westen" zeigt.

Zudem finde ich es gut, dass gerade solche eher unbekannten Filme des öfteren in unseren Kinos gezeigt werden und zu dem auch an Filmwettbewerben berücksichtigt werden. Vielleicht kann so das angestaubte Image der westlichen Filmszene wieder ein wenig mehr Inspiration gewinnen, wie auch die hiesigen Zuschauer, die ein anspruchsvolles Kino und Fernsehen teilweise nicht mehr gewohnt sind.