2009-06-21

Mehr Bildung statt Bildungsstreik

Warum ich im Hörsaal saß und nicht das Rektorat besetzte.



Es war schon recht amüsant, wer sich da alles vor dem Rektorat der Uni Heidelberg letzte Woche versammelte: Linksradikale, Altachtundsechziger, Schaulustige, Studenten und Schüler, die zum einen in Nostalgie schwelgen oder ihre Freizeit genossen.

Als heute die Polizei das „besetzte“ Rektorat räumte, teilweise einige Unverbesserliche aus dem Gebäude heraustragen musste, war mir persönlich bewusst, dass es richtig war, bei dieser niveaulosen Veranstaltung nicht dabei gewesen zu sein.

Aber was machte diesen Bildungsstreik eigentlich aus? Was lockte einige Kommilitonen aus der Uni auf die Barrikaden? Was waren ihre Gründe und Leitmotive? Weshalb standen sie allerdings nur als Minderheit da, während die Mehrheit der Studenten dem Unialltag nachfrönten?

Bildung statt Bildungsstreik


Vielleicht werden mich am Montag einige Mitstudenten für den folgenden Satz verurteilen, aber primär denke ich, sollte das Anliegen von Schülern und Studierenden die Bildung sein und nicht der Bildungsstreik. Was heißt das im Klartext?

Bildung hat sicherlich viele Definitionen. Für mich persönlich bedeutet sie allerdings zu aller erst einmal Denken und Offenheit für das Lernen, bekannter, unbekannter und kontroverser, pluraler Theorien. Im Zusammenhang dieser Ausbildung sollte zudem die Bereitschaft für Diskussionen und Auseinandersetzung mit diesen verschiedenen Theorien stehen.

Bildungsstreik hingegen ist das Aussetzen von Bildung in Form einer eigenen Distanzierung von dieser und der durch die Bildung vermittelten Theorien, das Aussetzen des Lernens an offizielen Bildungseinrichtungen und das Schaffen von alternativen Bildungsformen, im Streik, im Besetzen von Bildungseinrichtungen, in alternativen Diskussionsrunden.

Bldung kostet. Dies ist nicht nur den Eltern bewusst, sondern auch denjenigen Studenten, die ihr Studium nicht durch Stipendien oder familiäre Zuwendungen bezahlen können. Qualität kostet allerdings auch, wie wir zum Beispiel beim Kauf von Qualitätsprodukten im Handel jeden Tag erfahren können.

„Studiengebühren sind ein vergleichsweise kleiner Betrag, den die Studenten zur Finanzierung ihrer Ausbildung leisten.“, meint Annette Schavan im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Mit Blick auf Gleichaltrige, die früher Steuern bezahlen und etwa für eine Meisterprüfung selbst bezahlen müssen, halte ich das für gerecht“.

Recht hat sie mit dieser Äußerung, bedenkt man, dass zum Beispiel Friseure für einen Meistertitel allein für 5-6 Monate Ausbildungszeit mehr als 7000 Euro bezahlen müssen. Da sind 500 Euro Studiengebühren pro Semester vergleichsweise noch passabel.

Liberalismus statt Sozialismus


Ein weiterer Grund für das Fernbleiben vom Bildungsstreik war die hohe Präsenz linker und linksradikaler Gruppierungen, die sich nicht für eine Verbesserung der Studienbedingungen einsetzen, sondern gleich die ganze Welt nach ihrem sozialistischen, vormodernen Einheitsbrei umstülpen wollen.

Ich hingegen verorte mich im konservativ-liberalen Lager. Es kommt nicht von ungefähr, dass gerade dieses Lager in der Geschichte immer wieder für Fortschritt, Praxisnähe, Offenheit und Freude am Denken, Schaffen von Alternativen, Demokratie und Freiheit steht.

Der Sozialismus hingegen ist in seiner ursprünglichen Form ein Konstrukt, welches den Rückschritt in idealisierte vergangene Gegebenheiten zum Ziel hat, sei es in die vorindustrielle Zeit, der agrarischen, antikapitalistischen Gesellschaft oder im Denken, welches charakterisiert ist von Abschaffen und Rückgängigmachen bestehender Verhältnisse.

Anstatt Bestehendes zu Reformieren und dem Prozess der Moderne, den sozialen, politischen und ökonomischen Entwicklungen anzupassen, möchten die Sozialisten ohne jede Alternative und ohne konstruktive Auseinandersetzungen Probleme durch Revolutionen lösen – was fatal ist, da sie dadurch im Grunde nur den aufgekommenen Problemen aus dem Weg gehen.

Auch hierzu äußerte sich unsere Bildungsministerin: „Die Forderung, auf den Bologna-Prozess zu verzichten, finde ich „gestrig“. Er ist in einer Welt, die immer internationaler ausgerichtet ist, ohne Alternative. „

Man muss sich also fragen, was überhaupt die Alternativen der Forderungspunkte des Bündnisses Bildungsstreik sind, ob sie überhaupt Ziele und realistische Konzepte haben, oder ob sie wie Tagträumer starr und unflexibel der sozialistisch-marxistischen Revolution nacheifern wollen.

Ein weiterer gefährlicher Zündstoff in dieser Ideologie ist die Gleichstellung von Juden mit dem Gegner, dem Kapital, den Bankern und Unternehmen, den Kaufhäusern und so weiter. Denn genau diese waren in diesen Branchen im 19. Jahrhundert stark vertreten und sorgten auch deshalb für den weiteren Aufschwung und ein besseres Leben im Kaiserreich. Dies machte sie aber auch zu idealen Sündenböcken von Antisemiten aus antiliberalen Parteien, Vereinen und Bündnissen.

Diese Verbindung von Sozialismus und Antisemitismus erklärt auch die Zerstörung einer Ausstellung über das Judentum an der Humbold-Universität im letzten Jahr – wohlgemerkt von denjenigen, die für mehr Bildung auf der Straße waren, allerdings anscheinend selbst noch Nachhilfebedarf in genau dieser haben.

„Diejenigen, die die Proteste organisiert haben, beschäftigen sich vermutlich eher weniger mit Bildungstheorien als vielmehr mit der Durchsetzung der Interessen der Gruppen und Verbände, die hinter ihnen stehen.“, so Schavan weiter. Ganz klar ist, allein aus Zwecken des Studiums geht keiner auf die Straße, stattdessen geht es um sozialistische Grundprinzipien.

Dialog statt Konfrontation


Was mir des Weiteren am Bildungsstreik auffällt, sind dessen Protestformen wie Demonstration, Bankenüberfälle, Hausbesetzungen, Straßensperren, Inszenierungen. Alle dienen zum Zweck Aufmerksamkeit zu erlangen, allerdings nicht auf Basis von Gesprächen, sondern um Konfrontation mit den Dämonisierten, mit der Wirtschaft kollaborierenden Personen und Institutionen zu suchen.

Dialog sieht in meinen Augen anders aus. Dieser besteht grundsätzlich in der Bereitschaft für den gemeinsamen Austausch von Worten und Ideen auf einer gleichen wertneutralen Ebene. Sie besteht aus dem Gespräch und nicht im Protest.

Konfrontation demgegenüber ist die bewusste Ablehnung des Dialogs und die Abgrenzung von einer Einzelperson oder Gruppe durch Polarisierung und negative Zuschreibungen des Gegners, während auf der anderen Seite die eigene Gruppe positive Eigenschaftenzugeschrieben bekommt. Konfrontation ist also niemals wertfrei und Basis wertneutraler Austauschprozesse.

Genau hier liegt meines Erachtens auch das Problem des Bildungsstreiks: Statt den Dialog mit den Instituten, der Universität und dem Land zu suchen, also genau denjenigen Institutionen, die auf verschiedenen Ebenen für eine bessere Bildung auf Basis gemeinsamer Kompromisse und Lösungsansätze sorgen könnten, sucht man durch Konfrontation einen gewaltsamen Weg des Ungehorsams, um durch diesen primär eigene Positionen durchzusetzen – wie ein bockiges Kind, welches nicht Ruhe lässt, bis es seinen Willen durchgesetzt hat.

Inhalt statt Inhaltslosigkeit


Ein Erlebnis von letzter Woche macht deutlich, wie unorganisiert und konzeptlos die Protestler im Bildungsstreik vorgehen. Während einer Vorlesung stürmen zwei Kommilitoninnen den Hörsaal und versuchten uns für die Grundsatzdiskussion im besetzten Rektorat zu gewinnen.

Statt solche übergreifenden Debatten vor dem Bildungsstreik zu führen, versucht man von Seiten der Protestler vehement alle Studierenden während des Streiks dazu aufzurufen, ihre eigenen Ideen für eine bessere Universität und ein besseres Studentenleben einzubringen.

Im Stil der 1968er versucht man ein großes Happening zu organisieren, in dem dann erst alle Forderungen der Studierenden gesammelt, verfasst und abgestimmt werden sollen. Allein die Veranstaltung im schon längst besetzten Rektorat zeugt den von Grund auf ungewollten Dialog in den eigenen Reihen, denn ich bezweifel, dass alle Studenten der Besetzung der Alten Universität durch gerade einmal 100 reaktionäre Mitstudenten zugestimmt hätten.

Auch zu dieser Alleinaktion einer Minderheit passt die Äußerung Annette Schavans, die besagt, dass „diejenigen, die die Proteste organisiert haben, sich vermutlich eher weniger mit Bildungstheorien [beschäftigen] als vielmehr mit der Durchsetzung der Interessen der Gruppen und Verbände, die hinter ihnen stehen.“

„Deutsche Universitäten sind auch heute noch Schatztruhen für jeden, der intellektuell interessiert ist.“, sagt Schavan weiter und deutet zu Recht darauf hin, dass Bildungserwerb nicht unbedingt nur von der Universität abhängig ist, sondern auch vom Willen der Studierenden etwas zu lernen.

Auch dies klammern die Initiatoren des Bildungsstreiks ganz aus, denn eine Forderung nach Bildung kann im Forderungspapier des Bildungsstreiks nicht gefunden werden. Stattdessen geht es um den Austritt aus dem Projekt "Deregulierte Hochschule", was so viel heißt, dass Managementstrukturen an der Hochschule wieder abgeschafft werden sollen und jede Ökonomisierung, d.h. Einfluss der Wirtschaft auf die Universität, unterbunden werden soll.

Neben der Abschaffung des Bachelor- und Masterstudiengangs, soll auch die Studiengebühr abgeschafft werden. Wie die Einnahmeverluste der Universität und Fakultäten alternativ eingebracht werden sollen, auch in dem Fall, dass das Land Baden-Württemberg die Refinanzierung von Fördergeldern an Universitäten ablehnen würde, kann man auf dem Thesenpapier genauso wenig finden, wie konstruktive Möglichkeiten Studiengebühren besser innerhalb der Institute und der Universität einzusetzen.

Inhaltslosigkeit scheint also ein Prinzip dieser unorganisierten und uneinigen sich selbst als Vertreter der Studenten ausgerufenen Minderheit zu sein, die nicht durch real ausführbare Konzepte glänzt, sondern durch Ideologie, linke Lobbyarbeit und Dämonisierung des Liberalismus, vor allem in Form des Protests gegen die Wirtschaft und den Universitätsrektor.

Reform statt Revolution


Die einzige vernünftige Alternativezur Revolution von Unten ist die Reform, dass heißt die Verbesserung bestehender Zustände in der Gesellschaft durch Dialog, Selbstkritik und Problembewusstsein.

Die Revolution, d.h. der Bildungsstreik, geht hingegen den Probleme der Studierenden aus dem Weg, und versucht stattdessen durch einen Systemumsturz, durch die Forderung nach Abschaffung der Studiengebühren, des Bachelor-/Masterstudiengangs und Rücktritt Rektor Eitels bestehende Zustände durch die Installierung idealisierter sozialistischer Gesellschaftszustände zu erreichen.

Statt der Universität und der Mehrheit der Studierenden ein sozialistisches Werte- und Weltsystem aufzuzwingen, können wirkliche Problemlösungsansätze nur durch Gespräche an einem runden Tisch geschehen, durch Klärung herrschender Probleme, Findung von Kompromissen und schließlich durch Reform im Bildungs- und Universitätssystem. Zudem muss die naive Dämonisierung und Polarisierung der Besatzer und Protestler aufhören, die weder uns Studenten nützt, noch der Verbesserung der Bildung.

Selbst Annette Schavan weiß von den Problemen der Studierenden und ist entgegen den Äußerungen des Bildungsstreiks dialogbereit, indem sie ein gemeinsames Treffen mit den Studierendenvertretern Anfang Juli vorgeschlagen hat und alle Interessierten einladen ließ.

„Es gibt Schwachstellen.“, so Schavan. „ Dazu gehört die Fixierung auf sechs Semester bei den Bachelor-Studiengängen ebenso wie mancher „alte Wein in neuen Schläuchen. […] Deshalb sollten wir den Streik jetzt auch als Chance sehen, Erfahrungen auszuwerten und Korrekturen vorzunehmen.“ Dem schließe ich mich an.

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Nachgehakt

Im Folgenden folgt die Präambel des Bildungsstreiks 2009 in Heidelberg, die eindeutig zeigt, dass nicht die Verbesserung der Bildungsbedingungen für die Initiatoren ausschlaggebend ist, sondern ihr Entwurf einer sozialistischen Universitätslandschaft, die als Ersatz zur liberalen Volluniversität steht:
1. Präambel
Kraft mündiger Vernunft und gesunden Menschenverstands, auf dem Fundament der freiheitlich
demokratischen Verfassung, der Grund- und Menschenrechte, geben sich die Lernenden und Lehrenden als Bürgerinnen und Bürger aus Heidelberg und der Welt folgende Ordnung:

§ 1 Sämtliche Satzungen und Rechtsordnungen der Landesbildungs- und Universitätspolitiken, die
den Grund- und Menschenrechten (Art. 1-20 GG) gemäß einer dem natürlichen Sprachgebrauch folgenden Auslegung widersprechen, werden mit dieser Deklaration für nichtig erklärt. Die Grundordnung und mit ihr sämtliche Gremien der "Ruprecht-Karls-Universität" sind ungültig.

§ 2 Die Universität Heidelberg trägt den Namen "Freie Universität Heidelberg". Sie folgt den Devisen: "Demokratische Bildung als Menschenrecht" und "Der Menschheit eine Zukunft" und führt ihr bisheriges Wappen. Ihre Farben sind die Regenbogenfarben.

§ 3 Die Bürgerinnen und Bürger der Freien Universität Heidelberg nehmen sich zur Aufgabe, als Gemeinschaft der Wissenschaften das Wissen vom Menschen und der Natur für alle Menschen zu bewahren, nutzbar zu machen, weiterzugeben und zu mehren. Diese Aufgabe erfüllen sie in der Einheit als Lehrende und Lernende. Sie befördern gegenseitig die Fähigkeit zu eigenständigem Denken, zur wissenschaftlich fundierten Reflexion gesellschaftlicher Entwicklungen und zur Bewältigung der geistigen, sozialen und technischen Herausforderungen unserer Zeit.

§ 4 Die Freie Universität Heidelberg setzt sich für ein kostenfreies Studium sowie für die Förderung einer allgemeinen Urteilsbildungsfähigkeit der Bevölkerung ein. Jegliche Rüstungs- oder sonstige Gewalt fördernde und den Frieden der Menschen und Völker gefährdende Forschung lehnt die Universität ab.

§ 5 Die Freie Universität Heidelberg ordnet ihre inneren Verhältnisse im Rahmen der Menschenrechte in freier Selbstbestimmung und unter demokratisch-legitimierter Beteiligung aller Mitglieder der Gesellschaft unabhängig von Alter, Religion, Herkunft und Hautfarbe. Verwaltungstechnische Maßnahmen dienen den Bürgerinnen und Bürgern, nicht umgekehrt.

Gut, dass sich die Mehrheit der Studenten von dieser Ideologie unter dem Deckmantel des Bildungsstreiks  nicht instrumentalisiert haben lassen.