2009-04-26

Fremde Federn: Lila, Jeder Mensch hat einen Namen

Ich möchte heute die Geschichte von Henriette F. erzählen, einer jüdischen Deutschen oder deutschen Jüdin - ich weiß nicht, wie sich selbst bezeichnet hätte. Es wäre ihr wohl nicht sehr wichtig gewesen, denn ihre Familie war assimiliert, ja deutsch-patriotisch.

Die Geschichte ist nicht kurz. Sie ist auch noch nicht zu Ende.

Henriette war mit einem erfolgreichen Unternehmer verheiratet, hatte zwei Töchter, Grete und Lotte,  und litt  schon als junge Mutter unter MS. Sie konnte sich nicht selbst um ihre beiden Töchter kümmern, die Anfang des 20. Jahrhunderts geboren wurden. So hatten sie immer Kindermädchen und viele Tiere, damit die Kinder trotzdem eine schöne Kindheit hatten. Die jüngere Tochter erinnerte sich später noch an jede Schildkröte, die durch den elterlichen Garten kroch. Henriette war keine demonstrative Mutter, sie umarmte nicht, ich weiß nicht, ob sie es nicht konnte oder es  sich versagte.

Die Familie lebte in Essen, und beide Mädchen erhielten eine gute Schul- und hinterher auch Berufsausbildung.  Die jüngere Tochter, Lotte, war technisch sehr begabt und wurde Zahntechnikerin. Sie verließ  Deutschland schon in den frühen 30er Jahren, als ganz junge Frau, nachdem sie auf einer NS-Veranstaltung war und sich das Ganze angeguckt hatte. Ihr war klar, daß für sie und ihresgleichen in Deutschland nichts mehr zu erwarten war. Sie war zwar keine glühende Zionistin, aber sie wollte Palästina wenigstens mal ausprobieren. Sie geriet in einen Kibbuz und verliebte sich dort in einen klugen jungen Mann. Sie blieb dort.

Ihre Schwester Grete kam zu dem gleichen Schluß, daß in Deutschland für Juden nichts zu erwarten war, aber da sie Kommunistin war, flohen sie und ihr Mann irgendwann in den 30er Jahren nach Moskau. (Wo ihr Mann später erschossen wurde, doch das ist eine andere Geschichte).

Zurück in Essen blieben also die alternden Eltern, die schwerkranke Mutter. Sie hatte, weil sie sonst ja nicht viel tun konnte, Brailleschrift gelernt und unterrichtete Blinde darin, damit sie sich nicht nutzlos fühlen mußte. Schreiben konnte sie selbst gar nicht mehr, nur noch mit der Schreibmaschine. So schrieb sie auch ihren letzten Brief an ihre Tochter mit der Schreibmaschine.

Die bewegende Geschichte geht weiter auf Letters from Runghold