2009-04-18

Antisemitismus - Geschichte eines umstrittenen Begriffs (3/3)


Titelblatt der deutschen Ausgabe der von Henry Ford herausgegebenen anitsemitischen Aufsätze

Titelblatt der deutschen Ausgabe der von Henry Ford herausgegebenen anitsemitischen Aufsätze


5 Begriffsgeschichte


Im ersten Teil meiner Antisemitismusreihe erklärte ich die verschiedenen Definitionen des um 1879 geprägten und kurz darauf popularisierten Begriff Antisemitismus. Im zweiten Teil beschäftigte ich mich mit der Funktion und Bedeutung des Begriffs, sowie mit den verschiedensten antisemitischen Strömungen. Im Folgenden soll es nun um die Begriffsgeschichte gehen, von der Entwicklung des Antisemitismus im deutschen Kaiserreich, seine stark praktische Instrumentalisierung und Umsetzung während des Nationalsozialismus und dessen Benutzung in Deutschland nach 1945.

5.1 Entwicklung im Kaiserreich


Nachdem der Begriff seit 1879 und 1880 starken Wiederhall in der deutschen und europäischen Gesellschaft gefunden hat, folgte in einem nächsten Schritt die Entstehung antisemitischer Parteien und Sammlungsbewegungen in Deutschland. 1879 gründete Wilhelm Marr im Anschluss an seinen Bestsellererfolg seines Buches Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum die erste antiemanzipatorische Partei, die Antisemitenliga, die das Schlagwort Antisemitismus in ihr Programm erhob, allerdings 1880 selbst wieder ihr politisches Ende zu verzeichnen hatte. 1884 entstand der Deutsche Antisemitenbund und die vom kaiserlichen Hofprediger Adolf Stoecker gegründete Christlich-Soziale Partei.

Theodor Fritsch (1852-1933), Gründer des Deutschen Müllerbunds (1888) und des Hammer-Verlags, der neben zahlreichen antisemitischen Schriften auch deutsche Übersetzungen der Protokolle der Weisen von Zion veröffentlichte, schuf mit der Zeitschrift Antisemitische Correspondenz 1885 ein zentrales Diskussionsorgan für Antisemiten zahlreicher coleur. Seine 1907 unter dem Titel Handbuch der Judenfrage veröffentlichte Erweiterung des Antisemiten-Katechismus (1887) stellt über die NS-Zeit hinaus bis heute eine Fundgrube für Neonazis, Nationalsozialisten und Revisionisten dar.

1888 entsteht das Central-Organ der deutschen Antisemiten und 1886 der erste provisorische Dachverband der zahlreichen antisemitischen Vebände Deutschlands, die Deutsche Antisemitische Vereinigung. Otto Böckel (1859-1923), deutscher Bibliothekar, Volksliedforscher und Politiker, verewigte sich 1887 als Erster Antisemit im Reichstagsallmanach. Der Bauernkönig aus Marburg, der sich als Leiter des 1890 gegründeten Mitteldeutschen Bauernvereins unter anderem für judenfreie Viehmärkte einsetzte und den Leitspruch Deutschland den Deutschen prägte, musste 1894 Marburg auf Grund eines unehelichen Kindes und der Veruntreuung von Geldern aus der Kasse des Bauernvereins für Wahlkampfzwecke verlassen und konnte trotz vielfacher Versuche seit dem nicht mehr in dem antisemitisch-politischen Lager Fuß fassen.

Der Bochumer Deutsche Antisemitentag 1889 setzte zum ersten mal den Gedanken einer Antisemitenpartei durch,woraufhin die Antisemitische deutsch-soziale Partei gegründet wurde. Otto Böckel gründete daraufhin 1890 die Antisemitische Volkspartei und im gleichen Jahr entstand die Fraktion der Antisemiten. 1891 wurde der Verein zur Abwehr des Antisemitismus gegründet und 1893 die Deutsche Reformpartei, die sich stark an der Lebensreformbewegung des Kaiserreichs orientierte und durch die Modernisierung des Bildungs-, Sozial- und Bankensystems (Raiffeisen- und Volksbanken) und mit der Betonung der Naturverbundenheit des Menschen ein neues Lebensgefühl begründen wollte.

Der absolute Höhepunkt des parteipolitischen Antisemitismus des 19. Jahrhunderts bildete die relativ hohe Wahlbeteiligung in den Reichstagswahlenvon 2,9% der Stimmen für das antisemitische Lager dar. Doch in diesem Zusammenhang muss wiederum geklärt werden, wer überhaupt die Antisemiten waren. Zum einen herrschte die Auffassung Otto Böckels, dass jeder der gegen die Judenemanzipation und für wirtschaftliche und soziale, antikapitalistische und antifeudale Reformen war als Antisemit zu bezeichnen sei. Theodor Fritsch hingegen sah den Antisemitismus als eine parteipolitisch nicht gebundene Weltanschauung.

Diese Aufsplittung in verschiedene Lager mag wohl auch eine Erklärung bieten,weshalb letztlich ab 1907 ein starker Rückgang der antisemitischen Parteien zu verzeichnen ist. Reinhard Rürup, auf dessen Aufsatz ich mich hier hauptsächlich beziehe, nennt drei mutmaßliche Gründe für das zu nächst politische Ende des parteipolitischen Antisemitismus. Zum einen scheint die geringe Integrität der Führer ein Hauptgrund für die Uneinigkeit und Zersplitterung des antisemitischen Lagers zu sein, die dann in Parteispaltungen resultierte, aber auch die Wirtschaftsentwicklung, die auch den kleinen Mittelständler die Anpassung an das industriell-kapitalistische System erlaubte und so den Antisemiten den Nährboden für ihre antiliberale, antikapitalistische und antijüdische Sammelbewegung entzog.

Im Anschluss an ihren Niedergang entwickelten sich die antisemitischen Gruppen immer mehr zu sektenähnlichen Gebilden, die ein umfassendes System mit eigener Erklärung und Lösung von Weltproblemen darstellten, die Rasselehre weiter spezifizierten und nicht zu letzt in ihren radikalisierten Zielen die Ausweisung oder Vernichtung der Juden forderten. Zu dem verstärkten sie ihre antisozialistische Komponente. Die Reaktion des überwiegenden Teils des deutschen Bürgertums war eineutig die strikte Distanzierung vom sektiererischen Antisemitismus.

Trotzdem war dieser Prozess begleitet von einer Stärkung antisemitischer Verbände, in denen sich Antisemitismus mit mittelständischer Wirtschafts- und Sozialpolitik oder mit Nationalismus und Imperialismus verband, wie zum Beispiel im Bund der Landwirte (1893), im Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband (1893/1895), in den Verejnen deutscher Studenten, im Alldeutschen Verein oder im Offizierskorbs.

Reinhard Rürup sieht die Ausbreitung des Antisemitismus begünstigt durch die sich parallel entwickelnden Ideologien der Zeit, wie die Kulturkritik von Lagarde und Langbehn, die Rassenntheorie, dem Sozialdarwinismus oder die Veröffentlichung von H.St.Chamberlains Buch "Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts" (1899). F. Naumann, der zu jener Zeit lebte, sprach von einer "antisemitischen Gesellschatsstimmung".

Nicht ganz unbedeutend ist auch die Haltung der Sozialdemokratie zum Antisemitismus. Im Grunde genommen hatte sie nämlich Keine. Stattdessen schwankten die Genossen vorerst stark zwischen einer Sympatisierung des Antisemitismus und deren Ablehnung. 1890, also 10 Jahre nach dem Beginn der Popularisierung des Begriffs lehnte die SPD den Antisemitismus als antimoderne Reaktion nur zögerlich ab, was kurze Zeit später wieder zu dessen Sympatisierung führte. Franz Mehring (1846-1919), bedeutenster marxistischer Historiker seiner Zeit, sprach im Zusammenhang mit der doppeldeutigen Politik der Sozialdemokraten von einer Relativierung des Antisemitismus. Einerseits wandte man sich gegen Antisemitismus, andererseits wollte man die Früchte des Antisemitismus einsammeln. Erst 1893 kam es zur eindeutigen Ablehnung des Antisemitismus auf einem SPD-Parteitag und zu einer Konstruierung eines reinen Sozialismus als einzige immune Gegenkraft zum Antisemitismus.

Während des Ersten Weltkriegs 1914-1918 kam es zum Verschwinden der radikalen Antisemitenparteien, der wilden Versammlungen und Medienkampagnen, sodass die Emanzipation ungestört während der Zeit der Weimarer Republik fortgesetzt werden konnte. Trotz der vollständigen Auflösung des parteipolitischen Antisemitismus, wurde der latente Antisemitismus allerdings praktisch in der Bevölkerung fortgesetzt.

5.2 Antisemitismusbegriff im Nationalsozialismus


Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg und dessen Folgen, verursachten die hohen Separationszahlungen, der Verlust von Ländereien und der kaiserlichen Monarchie, sowie die separat stehende Wirtschaftskrise von 1929 die Suche nach neuen Sündenböcken. Die einfache und für einige Kreise plausibelste Lösung bestand im latenten Antisemitismus, der sich mit dem deutschen Nationalismus verband.

Adolf Hitler (1889-1945), der wie bekannt 1933 Reichskanzler wurde, verwandelte den schon bestehenden epigonalen Antisemitismus in einen planmäßigen Antisemitismus. Dies vollzog sich vor allem mit der Systematisierung der Antisemitismustheorie, die Konsequenz und Praxis des Antisemitismus der nationalsozialistischen Politik und einen neuen Stellenwert für den Antisemitismus selbst darstellte.

Der Jude wurde zum wichtigsten Antisymbol der nationalsozialistischen Propaganda, die nun den nationalen, wirtschaftlichen, kulturellen, biologischen Antisemitismus mit dem liberal-demokratischen System bündelte. Die Judenfrage des 19. Jahrhunders wurde zum treibenden Motiv einer großen Volksbewegung und der Antisemitismus ein Bestandteil eines umfassenden politischen Konzepts, welches eine weltgeschichtliche Dimension und ein manichäisches Weltbild umfasste.

1935 geschah eine unerwartete Wendung in der Begriffsgeschichte des Antisemitismus. Die nationalsozialistische Führung ordnete die Vermeidung des Begriffs Antisemitismus in der Presse an. Antisemitisch wurde mit antijüdisch ersetzt und arisch mit deutschblütig.

Trotz dieser terminologischen Änderung war der Antisemitismus als Weltanschauung integraler Bestandteil der nationalsozialistischen Weltanschauung, denn dieser ist als politische Bewegung schlussendlich in der nationalsozialistischen Bewegung aufgegangen.

Im Zusammenhang mit der Vernichtung des deutschen und europäischen Judentums spielte der Begriff Antisemitismus somit keine Rolle mehr. Stattdessen sprach man von Kampf/ Aktionen gegen Juden, der Endlösung der Judenfrage oder von Sonderbehandlung. Erst später wurde der Versuch unternommen Endlösung und Antisemitismus vorsichtig zu trennen.

5.3 Renaissance des Begriffs "Antisemitismus"


In den Jahren nach 1945 war der Begriff Antisemitismus häufiger in Gebrauch als in den zwölf Jahren zuvor. Er erfuhr zudem eine außerordentliche Erweiterung in seiner Begriffsbedeutung. Im Unterschied zu der antijüdischen Bewegung seit dem 19. Jahrhundert bezeichnet dieser nun alle judenfeindlichen Äußerungen, Strömungen und Bewegungen in der Geschichte und wurde zum Synonym für unfreundliche oder feindselige Haltungen gegenüber Juden.

6 Fazit


Rückblickend kann festgehalten werden, dass Antisemitismus ein Neologismus, eine Wortneuschöpfung, aus der Mitte des 19. Jahrhunderts ist. Terminologisch ist er ein Gegenbegriff zu dem in der Geisteswissenschaft verwendeten Begriff des Semitismus entstanden, der allerdings rein politische Funktionen hatte und sich gegen die Juden als Kollektiv wandte. Diese wurden in Zeiten des Umbruchs von einer feudalen, religiös geprägten Agrar- und Ständegesellschaft zu einer säkularen, kapitalistischen und liberalen Industrie- und Bürgergesellschaft vor allem aus religiösen, antiliberalen und sozialistischen  Kreisen als Bedrohung und Ursache für diesen Umschwung empfunden. Antisemitismus war also das Synonym für eine antijüdische Haltung, die sich schon damals streng antijudaistisch, nationalistisch, rassisch und völkisch verstand.

Aus heutiger Sicht ist die alleinige Beschränkung des Antisemitismus auf das emanzipierte Judentum nur schwer zu verstehen, da sich der Begriff vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg einer erneuten Bedeutungserweiterung unterzog. So vwird heute zu meist die ganze im Verlauf der Geschichte des Jüdischen Volkes entstandene Feindschaft als antisemitisch definiert. Zudem gibt es die Annahme, dass Antisemitismus auch die Araber als Volk oder Sprachgruppe mit impliziere, was allerdings von der Ursprungsdefinition des Wortes und dessen Unwissenschaftlichkeit nicht haltbar ist.

Allerdings bleibt bis jetzt die Beantwortung der Anfangsfrage offen, ob Antisemitismus eine moderne und andere Form der Judenfeindschaft sei, die von einer Strömung in der Antisemitismusforsschung auf Grund ihrer explizit politischen, rasssischen und völkischen Elemente vom Antijudaismus der Antike, des Mittelalters und der frühen Neuzeit unterschieden wird, oder doch eine Fortsetzung des Antijudaismus sei und sich nur terminologisch unterscheide.

Zu dem müsste der Antisemitismus der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der heutigen Zeit etwas näher betrachtet werden, sowie dessen Auswucherungen in anderen europäischen (Frankreich, Österreich, Russland, Posen und Schlesien) und außereuropäischen Staaten, wie den USA, Südamerika, Japan oder in der arabischen Welt. Eine weitere zu behandelnde Frage wär, inwiefern der mit der Staatsidee und der Gründung des Staates Israel aufgekommene Antizionismus Elemente des Antisemitismus enthält und inwieweit seine Gewichtung im heutigen Antisemitismus verläuft.

Ganz sicher ist, dass Antisemitismus kein banales Delikt darstellt, sondern vor allem im Angesicht des Nationalsozialismus, welcher zur Massentötung von Juden auf Grund einer Ideologie, die das Judentum durch sichtbare, gesetzliche und wirtschaftliche Ausgrenzung hin in die Vernichtung führte, als ernst zu nehmendes Phänomen zu betrachten ist, welches bis heute trotz Vergangenheitsbewältigung in der BRD und einer antifaschistischen Politik in der DDR immer noch Bestandteil und Sympatie in mehr als 2/3 unserer Bevölkerung findet. Dass Antisemitismus nicht nur Sache der Skinheads und Neonazis auf den Straßen ist, sondern seine Ausbreitung bis heute in verschiedensten Schichten unserer Gesellschaft hat, sollte wieder in das allgemeine Bewusstsein treten.

Literatur


Rürup, Reinhard. Emanzipation und Antisemitismus. Studien zur Judenfrage der bürgerlichen Gesellschaft. Fischer-TB.-Vlg.,Ffm, 1991.