2009-04-16

Antisemitismus - Geschichte eines umstrittenen Begriffs (2/3)

Eine antisemitische Karikatur, die einen Juden mit der Weltkugel in der Hand zeigt. Quelle: C. Léandre, Rothschild, Frankreich 1898.
Eine antisemitische Karikatur, die einen Juden mit der Weltkugel in der Hand zeigt. Quelle: C. Léandre, "Rothschild", Frankreich 1898.


3 Entstehung


Während ich im ersten Teil auf die verschiedensten Definitionen des Begriffs Antisemitismus im 19. Jahrhundert eingegangen bin, möchte ich mich nun mit der Entstehungsgeschichte beschäftigen, die im Spätsommer 1879 ihren Anfang und ihre zentrale Bedeutung findet. So ist in dieser Zeit ein außergewöhnliches Anschwellen der judenfeindlichen Bewegung, vor allem in Berlin, zu vermerken.

Am 19. September hält der protestantische Hofprediger des deutschen Kaisers Adolf Stoecker (1835-1909) zum Thema Unsere Forderungen an das moderne Judentum die erste judenfeindliche Rede und im November veröffentlicht Heinrich von Treitschke den ersten Artikel zur Judenfrage, macht die judenfeindliche Bewegung zum Thema allgemeiner Diskussionen und somit gesellschaftsfähig.

Am 2. September 1879 finden sich erste Belege für den Begriff Antisemitismus in der Allgemeinen Zeitung des deutschen Judentums, die sich in ihrem Beitrag auf eine Ankündigung eines "antisemitischen Wochenblatts" durch Wilhelm Marr bezog. Marr selbst sprach allerdings von einem "socialpolitischen" oder "antijüdischen" Wochenblatt, sodass bis heute nicht definitiv geklärt ist, ob der Begrifff Antisemitismus durch Mitarbeiter der Zeitung oder im Frühherbst 1879 im Berliner Umfeld Marrs entstand. Ein eindeutiger Beleg fehlt.

Die Popularisierung und der Erfolg des Begriffs Antisemitismus lässt sich in seiner raschen Verwendung in der Sprache ermessen. Während im Spätjahr 1879 die Verwendung des Begriffs antijüdisch noch üblich war, so änderte sich dies innerhalb eines Jahres mit dem Ersetzen des Terminus in antisemitisch im Jahr 1880. Festzuhalten ist, dass der Begriff Antisemitismus im Gegensatz zum Begriff Semitismus nicht aus der Wissenschaft stammte, sondern aus der Gesellschaft, die diesen sofort als politisches Schlagwort verwendete und prägte.

1879 schon ging der Begriff als Selbstbezeichnung einer Parteirichtung in die Gesellschaft ein. So wurde schon kurz nach seiner Veröffentlichung im September, am Ende des gleichen Monats ein Aufruf zur Bildung des Vereins einer Antisemiten-Liga kund getan, die die Popularisierung der Idee einer Sammlungsbewegung gegen den Semitismus zum Ziel hatte. Diese erste politische Partei macht den Begriff in wenigen Wochen populär.

Im Jahr 1880 gelang nun der endgültige Durchbruch des Begriffs Antisemitismus. Ausdrücke wie "Feldzug der Antisemiten", "ein richtig verbissener Antisemit" oder "Philosemit" als Gegenbegriff zu "Antisemit" waren in diesem Jahr Gang und Gebe. Der Historiker Mommsen sprach im Angesicht dieser besorgniserregenden Entwicklung von einer "pro- und antisemitischen Stimmung". Treitschke entgegnete und bezeichnete den Liberalismus als "blinden philosemitischen Eifer der Fortschrittspartei"

1880/81 setzten die deutschen Wähler schlussendlich den Gipfel auf den Eisberg: In der sogenannten Antisemitenpetition stimmten über 250000 Bürger gegen die rechtliche und soziale Stellung der Juden, also gegen deren Gleichstellung als Vollmitglied der deutschen Gesellschaft. Diese Petition sorgte in ganz Deutschland für eine starke Beschäftigung mit der Judenfrage und den Forderungen der Antisemiten. 1881 wurden die ersten Publikationen mit dem Begriff Antisemitismus im Titel veröffentlicht und 1884 entstand die erste Geschichte des Antisemitismus. Im selben Jahr gründete sich Die antisemitistische Bewegung in Deutschland und die Bezeichnung aller Vertreter antijüdischer Tendenzen als Antisemiten bürgerte sich ein.

4 Bedeutung und Funktion


Trotz dieser starken Popularisierung des Antisemitismus, die sich in den Veröffentlichungen und den Gründungen zahlreicher politischer Parteien ausdrückte, hat es eine eigentliche Diskussion um den Begriff nicht gegeben. Indessen breitet sich der Begriff von Deutschland in andere Länder aus. Mitte der 70er Jahre taucht in Ungarn der Begriff zum ersten mal auf. Zu Beginn der 1880er gewinnt er auch in Österreich und Frankreich an Beliebtheit. Die Begriffsbedeutung blieb in Deutschland wie auch in den übrigen Ländern sehr wage. Grob konnte man zwischen vier verschiedenen Variationen des Antisemitismus zu jener Zeit unterscheiden:

  • Der nationale Antisemitismus sah Juden als autonome Nation, als Staat im Staat, an und zielte darauf ab. Juden auf Grund ihrer anderen nationalen Herkunft aus der eigenen Nation auszuschließen.

  • Der rassische Antisemitismus bezeichnete die Juden als niedere “semitische Rasse” und unterschied diese von der höher stehenden “arischen” oder “indogermanischen Rasse”.Auch diese Form war gegen jegliche Integration der Juden in den eigenen Staat.

  • Der klassisch religiöse Antisemitismus sah die Juden als verstocktes Gottesvolk an, die den Messias Jesus Christus noch nicht gerkannt hätten und zu dem Schuld an seinem Tod wären.

  • Der soziale Antisemitismus stellte die Juden als Kollektiv gleich mit Kapitalismus, Industrialisierung, Moderne und Liberalismus und benutzte sie als Sündenbock für ihre eigenen durch die in der Zeit entstandene soziale Umschichtung verursachten Probleme.


Zu diesen vier Formen werden zusätzlich der radikale Antisemitismus, der vernünftige Antisemitismus, der konservative Antisemitismus Stöckers und der radikal antikonservative, demokratische Antisemitismus Henricis gezählt.

Der amerikanische Historiker Salo Wittmayer Baron schlussfolgert auf Grund dieser Formenvielfalt, dass vor allem in seiner Unbestimmtheit die Kraft und politische Funktion des Antisemitismus lag. Der Konsens der verschiedenen Anhängergruppen beschränkte sich somit nur auf eine Minimaldefinition des Antisemitismus als Feindschaft gegenüber Juden und dem Judentum, der verschieden von der traditionellen Judenfeindschaft sei und die Religionsfrage und theologische Legitimation an sekundärer Stelle platzierte.

Sie verstanden sich selbst ausschließlich als Reaktion auf die durch die Emanzipation der Juden veränderte Judenfrage, als post-emanzipatorische Bewegung, die sich vor allem gegen eine nicht voll assimilierte Gruppe richtete. Ihr gemeinsames Ziel war die Verdrängung der Jude aus öffentlichen Ämtern und ihre Rückführung in den traditionellen Sektor (bis hin zur völligen Vertreibung).

4.1 Zwischenbilanz


Die sich auf Grund der Terminologie vermuten lassende prätendierte Wissenschaftlichkeit des Begriffs hat sich im allgemeinen Sprachgebrauch nicht durchgesetzt. Vielmehr war Antisemitismus vor allem ein Wort der Massen und antiliberaler, antimoderner und antikapitalistischer politischer Gruppierungen. Träger des Begriffs kamen somit aus unterschiedlichen Bevölkerungsschichten:

• Gruppen, die sich durch das liberal-kapitalistische System benachteiligt fühlten, wie Handwerker, Kleinhändler, Landwirte, Angehörige der Führungs- und Bildungsschicht

• Vom integralen Nationalismus, von der romantisch-pessimistischen Kulturkritik, von der Sorge um die christliche Lebensgestaltung des Volkes oder vom Antiliberalismus und Antikapitalismus motivierte Kräfte

Antisemitismus verstand sich als Reaktion auf die moderne Judenfrage und war eine Protestbewegung gegen die Ideen von 1789 (Emanzipation) und gegen die liberale Staats- und Gesellschaftsordnung und die mit ihr verbundene kapitalistische Ordnung. Der Nährboden war der Gründerkrach, die Wirtschafts- und Sozialkrise um 1875 und der Kampf gegen Bismarck und die Nationalliberalen.

In diesen schwierigen mit Problemen behafteten Zeiten verflochten sich traditionelle Vorurteile gegen Juden mit dem Kampf gegen den Liberalismus. Die bestimmende Faktoren des Antisemitismus waren hauptsächlich die Angst und Sorge um die Nation, um die überlieferte Kultur, um die monarchische Verfassung und um die traditionelle Sozialordnung (Feudalwesen und Ständeordnung). Antisemitismus war somit eine wesentlich demokratisch-revolutionäre, nationale und antisozialistische Bewegung.