2009-04-14

Antisemitismus - Geschichte eines umstrittenen Begriffs (1/3)



[caption id="" align="alignnone" width="501" caption="Titelblatt von Wilhelm Marrs 1879 erschienenen antisemitischen Schrift "Der Weg zum Siege des Germanentums über das Judentum""]
Titelblatt von Wilhelm Marrs 1879 erschienenen antisemitischen Schrift Der Weg zum Siege des Germanentums über das Judentum

[/caption]


1 Einleitung


Antisemitismus ist nicht zu letzt in Verbindung mit dem Nahostkonflikt und dem Holocaust heutzutage in aller Munde. Während eine Hand voll linker Israelkritiker meinen, dass der Zentralrat der Juden jede Kritik an Israel mit der Antisemitismuskeule beantworten würde, andererseits die aktuelle Wirtschaftskrise die Furcht der Politiker nach einem neuen politischen Rechtsdruck ansteigen lässt, debatiert die Wissenschaft, ob der seit den 1870er Jahren beginnende Moderne Antisemitismus so modern überhaupt sei, oder ob dieser doch nur eine Fortsetzung des historischen Antijudaismus ist.

Der folgende Artikel soll in sehr abgespeckter Form Ansätze zur Beantwortung dieser Fragen bieten, wobei ich mich hierbei ausschliesslich auf die begriffsgeschichtliche Methode stützen möchte, von der ich mir erwarte, dass diese eine Hilfestellung zur Unterscheidung der unterschiedlichen Deutungsmuster des heutige als Antisemitismus verstandenen Begriffs von dem des Ursprungsbegriffs im 19. Jahrhundert bieten kann. Zu dem ermöglicht diese eine Übersicht über die Entwicklungsgeschichte des Begriffs, von seiner Entstehung bis zum heutigen Tag. Der Schwerpunkt dieser Arbeit wird allerdings das 19. Jahrhundert sein. Wissenschaftliche Basis ist ein Aufsatz des Historikers Reinhard Rürup mit dem Titel Antisemitismus: Entstehung, Funktion und Geschichte eines Begriffs.

2 Der Begriff


2.1 Antisemitismus


Der Begriff Antisemitismus ist recht neu und entstammt dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Er bezeichnet grundsätzlich eine neue judenfeindliche Bewegung, die sich seit dem Ende der 1870er-Jahre von dessen Ursprungsland Deutschland aus über Österreich, Ungarn, Frankreich und Russland in weitere ost- und südosteuropäische Staaten verbreitete. Als Schöpfer des Begriffs gilt der deutsche aus Berlin stammende Schriftsteller Willhelm Marr (1819-1904), der den Begriff 1879/80 durch seine Hetzschrift Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum publizierte und popularisierte.

Marr gilt sowohl in Deutschland, als auch in Frankreich als Begriffsschöpfer. Die ersten Belege für den Begriff Antisemitismus gehen aber noch weiter zurück: Dieser wird parallel schon 1865 im Rotteck/ Welckerschen "Staatslexikon" und in Bluntschli/ Braters "Staatslexikon" verwendet, sowie von Ernest Renan (1823-1892), einem französischen Schriftsteller, Historiker, Archäologen und Religionswissenschaftler.

2.2 Semitismus


Der Begriff Semitismus entstammt der theologisch-historischen Literatur des späten 18. Jahrhunderts. 1771 gebraucht ihn August Ludwig von Schlötzer (1735-1809) im Anschluß an die Völkertafel in 1 Mo 10, in der der Name eines von Noahs Söhnen Shem überliefert ist. 1787 führt Johann Gottfried Eichhorn (1752-1827) den Begriff in die Sprachwissenschaft ein. Gleichzeitig wurden die Begriffe Arier, Indogermanen, Indo-Europäer in die allgemeine Terminologie der Geisteswissenschaft aufgenommen.

Semitismus galt vor allem in der Orientalistik der Zeit als Basis des Antijudaismus. Paul de Lagarde (1827-1891) und Adolf Wahrmund (1827-1913) benutzten ihn als dunkles, "primitives" Gegenstück zu den Indo-Europäern und arischen Völker, die sich nach ihrer Auffassung nach im Volks- und Rassecharakter, in Begabung und Leistung unterscheiden würden. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Begriffe aus der Ethnologie und Philologie in den allgemeinen Sprachgebrauch der Gebildeten und in die politischen Diskussionen übernommen.

2.3 Jude/ Judentum


Bis Ende des 18. Jahrhunderts definierte man unter dem Begriff Jude eine Religionszugehörigkeit und Religionsgemeinschaft, eine Lebens- und Abstammungsgemeinschaft. Seit dem Mittelalter wurde der Begriff auch als Schimpfwort für eine spezifische Art von Geschäftsgeist verwendet, der unter dem Stichwort beschnittener - unbeschnittener Jude auch Nichtjuden einbezog.

Seit dem späten 18. Jahrhundert wurden Juden im Zusammenhang mit der Haskalla, der jüdischen Aufklärung, als Nation bezeichnet. Befürworter der Judenemanzipation stellten die besondere Nationalität als Folge der jahrhundertelangen Unterdrückung heraus, während die Gegner der Emanzipation zeitweise Nationalismus über die Religion stellten oder sogar eine Abspaltung des Nationalismus von der Religion in ihren Ideologien debatierten. So war es nicht ungewöhnlich, dass Humanisten wie Hegel oder Schoppenhauer die Juden als Volk im Volk, Staat im Staat oder Nation in der Nation bezeichneten, um somit ihre Fremdheit und grundlegende Verschiedenheit von den Deutschen zu charikieren.

Seit dem 19. Jahrhundert vollzog sich die Säkularisierung des Begriffs und dessen Erlangung einer nicht-ständischen Bedeutung. In Zeiten Intensivierter theologischer Auseinandersetzungen mit dem Judentum war besonders die protestantische Theologie der Aufklärung, des Idealismus und des Liberalismus bemüht, alle Abwegigkeiten des Christentums als Erbe des Judentums abzuschweifen, um somit durch die Absonderung jahrhunderte alter historischer Lasten zum Ursprung der Religion zurück zukehren, zum so genannten Urmonotheismus.

Die antijudaistische Theologie Semlers, Hegels, Fichtes, Schleiermachers und Lagardes begann das Judentum nicht mehr allein als Religion zu verstehen, sondern erweiterte ihre Bedeutung als anthropologische Kathegorie. Dies bedeutet vor allem die Konstituierung eines jüdischen Geists, der auch den politischen, sozialen und kulturellen Bereich einschloss. Der Geist des Judentums galt als Volks- und Nationalgeist oder (und) als weltgeschichtliches Prinzip.

Der Sozialismus wiederum säkularisierte den Begriff und wendete ihn nun allein auf das kapitalistische Bürgertum an. Dies geschah in Frankreich durch Fourier, Toussenel und Leroux, in Deutschland durch Karl Marx. Dieser beschrieb 1844 in seiner Schrift Zur Judenfrage den "Semitismus "als Inbegriff jedes Negativem, in dem viele in der abendländischen Tradition der Judenfeindschaft erwachsene Vorstellungen eingingen.

In den Folgejahren gewannen vereinzelte Ansätze zur Identifikation von Judentum und Modernität erheblich an Gewicht und Resonanz und führten zur Bildung eines einheitlichen Vorstellungskomplexes. Dieser definierte den Semitismus vom ethnologischem Standpunkt aus betrachtet als Judentum, als Zerrbild der Moderne und Ursache für den Kapitalismus, als Synonym für die zu befreiende bürgerliche Gesellschaft und als Ursache fürden  Mangel an nationaler Integrität. Tatsächlich könnte man vorsichtig gesagt von einem Spiegel demographischer Wirklichkeit sprechen, denn oberflächlich gesehen bestand ein hoher Anteil am kapitalistischen System, am kritischen Journalisten- und Literatentum und an politisch linken Führungsgruppen größtenteil demographisch und historisch bedingt aus Juden.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts vollzog sich nun entgültig eine Bedeutungsänderung des Begriffs, parallel zu den Termini Semit, Arier und Indogermane. Terminologisch wurde nun im allgemeinen Sprachgebrauch zwischen Judentum und Israeliten unterschieden, wobei für die Religionsgemeinschaft ausschliesslich der Terminus Israelitentum verwendet wurde. Juden und Christen benutzten allerdings häufig weiterhin die Bezeichnung Judentum. Semitismus hingegen war die Bezeichnung des Judentuma als Rasse. Seit 1870 wurde Semitismus als modisches, halbwissenschaftliches Synonym für Jude verwendet. So definiert die zeitgleiche Ausgabe des Brockhaus Semitismus als "Bezeichnung für das ausschließlich vom ethnologischen Standpunkt aus betrachtete Judentum".

Zugleich ist der Begriff Ausdruck einer Fundamentalkritik an den Prinzipien und Erscheinungsformen der modernen liberalen Gesellschaft:

• So gibt der Historiker Heinrich von Treitschke (1834-1896) 1879 dem Semitismus Mitschuld am Materialismus und Kapitalismus der Zeit.

• Die vier Jahre zuvor entstandenen "Ära-Artikel" von 1875 bezeichnen hingegen die Reichspolitik als "Judenpolitik", als "Banquiersliberalismus unter semitischer Führung".

• Wilhelm Marr trieb es 1879 auf die Spitze und warnte vor einer drohenden oder wirklichen Herrschaft des Judentums über Deutschland und die Welt.

• Constantin Frantz definiert 1876 den Semitismus hingegen als "allgemeinen Materialismus", als "Kultus des Erfolgs" und als "Verdrängung des Christentums".

2.4 Zwischenbilanz


Der Begriff Semitismus findet in Zeiten der Wirtschaftskrise, des Kulturkampfs und des Niedergang des Liberalismus vor allem an Verbreitung in Form einer Kritik am Kapitalismus, an der Moderne und der ihr begleitenden Industrialisierung, die alle im Zusammenhang mit dem sich emanzipierenden und assimilierenden Judentum verstanden wurden. Zudem wurde der Liberalismus attackiert, der sich stark für die Schaffung einer Bürgergesellschaft, einer Republik und einer Emanzipation der sozialen Randgruppen einsetzte.

Dass das Judentum selbst mit innerjüdischen Konflikten zu Recht kommen musste, auch hier nicht immer die Moderne und Emanzipation in einem Staat als selbstverständlich erachtete, sie selber sich vor den Gefahren der neuen Wellen von Judenhass und Pogromen (vor allem in Frankreich, Russland un Rumänien) selbstbehaupten mussten, spielte für die sich später selbst bezeichnenden Antisemiten der Kaiserzeit keine Rolle. Für sie galt allein das Sündenbockprinzip, mit dem sie all ihre Probleme in dieser sich rasch verändernden Zeit abwelzen konnten.