2009-03-04

"Netanjahu war schon einmal Ministerpräsident und hat den Palästinensern mehr Land abgegeben als Rabin und Peres zuvor"- Nahostkorrespondent Ulrich W. Sahm im Interview

Secretary Clinton before her meeting With Israeli Prime Minister-Designate
Creative Commons License photo credit: U.S. Department of State
Es war eine rein spontane Idee der Readers Edition eine Reihe zu Bloggern aus aller Welt zu starten. Erster Anlaufpunkt sollte Israel sein und so wurde ich als Autor der Bürgerjournalistenplattform und als Israelkenner gebeten ihnen bei der Suche nach Interviewpartner zu helfen. Doch dies erwies sich nicht immer als einfach: Das erste entworfene Konzept sah vor direkt Blogger aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis als Interviewpartner oder Blogautoren zu gewinnen. Dies wurde auf Grund des Mangels an Kandidaten so umgestellt, dass ich zwei mir bekannte deutschsprachige Blogbetreiber, die in Israel leben, als Kandidaten dem Redaktionsteam vorschlug. Doch auch hier war nur eine(r) bereit Interviewfragen zu beantworten.



Schlussendlich entschloss sich Felix Kubach, einer der Redakteure, mit mir gemeinsam Fragen zur aktuellen Situation in Israel zu konzipieren. Hinzu kam dann die Debatte um den Piusbruder und Holocaustleugner Richard Wiliamson, in dessen Zusammenhang ich auch Fragen zu der aktuellen Entwicklung im Fall des Naziverbrechers Aribert Heim und den weiter steigenden Antisemitismus auf globaler Ebene entwarf.Auch die Frage nach der weiteren politischen Entwicklung nach den Wahlen empfand ich als sehr spannend. Wird Israel weiter Siedlungen im Kernland der Westbank abbauen, so wie es Ariel Sharon politisch und vor ihm Professor Aron Soffer von der Universität Haifa wissenschaftlich forderten, um den jüdischen Charakter des Landes und dessen Sicherheit zu stärken.



Interessanterweise scheint dies allerdings unter dem designierten Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu wieder in umgekehrte Richtung, d.h. in Form von einer verstärkten Siedlungspolitik in der Westbank und in der Ablehnung eines Palästinenserstaates, zu verlaufen. Ganz sicher ist zu verstehen, wie es zu dieser konträren Ansicht kommt, die nicht nur etwas mit der Geschichte der Likudpartei zusammen hängt, die sich auf dem revisionistischen Zionismus bezieht, sondern vor allem mit den Erfahrungen, die Israel nach dem Gazaabzug gesammelt hat. Raketen aus dem Libanon und aus Gaza, zwei Kriege und der Aufstieg der Hamas in Gaza, sowie das Machtbestreben des Irans im Nahen Osten, sind aus israelischer Sicht wie Faustschläge ins Gesicht zu bewerten. Denn ursprünglich hatte man sich mit dem Siedlungsabzug etwas anderes vorgestellt: einen autonomen, friedlichen und gemäßigten Palästinenserstaat an der Seite Israels.



Inwieweit man diese sehr schwierige und komplexe Situation, die man eben nicht so einfach erklären kann, wie es einige selbst ernannte und berufen fühlenden Leichtmatrosen des sinkenden Schiffes der seriösen Nahostberichterstattung immer wieder versuchen zu tun, war nun auch Ziel meiner persönlichen Fragen an die möglichen Interviewpartner der Readers Edition. Sehr schnell und recht spontan konnten wir hierfür nun innerhalb eines Tages den Nahostkorrespondenten Ulrich Sahm gewinnen, der mit mehr als 30 Jahren in Israel aus einem sehr reichhaltigen Repertoire an Wissen und Erfahrungen heraus der wohl beste Interviewpartner zu diesem Thema ist. Zudem hat er wie ich Jüdische Studien studiert, was ihn sicher noch sympathischer macht. Aber um es kurz zu halten folgt nun das Interview.



 

"So dürften die Palästinenser kaum zufrieden zu stellen sein": Nahost-Experte im Interview


Interview: Felix Kubach/ Lukas Lehmann


Nach den Wahlen in Israel herrscht in Europa Besorgnis über den dabei stattgefundenen Rechtsruck. Für den deutschen Journalisten und Nahost-Spezialisten Ulrich W. Sahm gibt es dringlichere Problemfelder, so etwa die Teilung der Palästinenser oder die Aufrüstung von Hisbollah und Hamas durch Iran. Die Chancen zur Verwirklichung eines palästinensischen Staates beurteilt er im Interview so: “Keine israelische Regierung dürfte wohl jemals einem völlig souveränen palästinensischen Staat zustimmen, und so dürften die Palästinenser kaum zufrieden zu stellen sein.”

RE: Sehr geehrter Herr Ulrich W. Sahm, Hillary Clinton weilt derzeit zu Gesprächen in Israel. Was ist aus diesen Gesprächen Ihrer Meinung nach hinsichtlich des Friedensprozesses zwischen Israelis und Palästinensern zu erwarten, gerade nach dem Krieg in Gaza?


Ulrich W. Sahm: Clinton hat erklärt, dass die Aufbauhilfe für den Gazastreifen nur fließen kann, sowie die Hamas ihren Raketenbeschuss auf Israel beendet. Diese Raketenangriffe seien etwas, was kein Staat der Welt akzeptieren könne. Damit stellt sich Clinton “zusammen mit Präsident Obama” voll hinter die Sicherheitsbedürfnisse Israels. Die Hamas reagierte schon und erklärte, dass die USA damit Israel grünes Licht gäben, gegen die Palästinenser zu hetzen und im Gazastreifen Krieg zu führen.


RE: Israels Außenministerin Tzipi Livni überraschte jüngst mit einer Äußerung, als sie vor Vertretern amerikanischer Juden große territoriale Zugeständnisse für die Palästinenser forderte, d.h. die symbolische Abgabe von mehr als der Hälfte des biblischen Landes Israels (heute Israel, Westbank und Gaza). Ist das ein realistischer Lösungsvorschlag?


Ulrich W. Sahm: Das ist die alte Position der Kadima Partei, wie sie Scharon beim Rückzug aus Gaza und dem ganzen Norden des Westjordanlandes im August 2005 entworfen hat. Überrascht ist da nur, wer die israelische Politik verkennt.


RE: Wäre Frieden und Koexistenz zwischen Israelis und Palästinensern auch ohne Palästinenserstaat denkbar, so wie es Livnis Konkurrent von der rechtsnationalen Likudpartei Benjamin Netanjahu vorsieht?

Ulrich W. Sahm: Netanjahu redet davon, dass die Palästinenser sich selbst beherrschen sollen, ohne Israel zu gefährden. Das läuft letztlich auf Vorstellungen linker Politiker wie Rabin oder Peres hinaus, die seinerzeit von einem entmilitarisieren palästinensischen Staat redeten, der keine Militärbündnisse mit fremden Mächten eingehen dürfe. Wenn die Palästinenser heute schon ihre Autonomie als “Staat” bezeichnen, “Palästina” bei vielen Organisationen als “Staat” aufgeführt wird, scheinen das alles eher nur leichte semantische Unterschiede zu sein. Keine israelische Regierung dürfte wohl jemals einem völlig souveränen palästinensischen Staat zustimmen, und so dürften die Palästinenser kaum zufrieden zu stellen sein.

RE: Die stattgefundenen Wahlen in Israel haben einen deutlichen Sieg des religiös-nationalen Lagers hervorgebracht. Hierzulande wird vielerorts mit Besorgnis auf den stattgefundenen Rechtsruck geblickt und was dieser für den Friedensprozess im Nahen Osten bedeutet. Wie beurteilen Sie den Ausgang der Wahlen in Israel? Ist die Besorgnis in Europa aus Ihrer Sicht gerechtfertigt?

Ulrich W. Sahm: Es hat eindeutig das rechte Lager gesiegt, nicht aber das religiöse Lager. Lieberman ist extrem antireligiös eingestellt. Netanjahu war schon einmal Ministerpräsident und hat den Palästinensern mehr Land abgegeben als Rabin und Peres zuvor. Der “rechte” Scharon ist noch weiter gegangen. Menachem Begin hatte den ganzen Sinai aufgegeben. Falls in Europa allein Territorium ein Kriterium für Frieden ist, so ist die Sorge nicht ganz zu verstehen. Europa könnte oder sollte über ganz andere Dinge besorgt sein, wie etwa die Teilung der Palästinenser, die Aufrüstung von Hisbollah und Hamas durch Iran und vieles mehr. Bei diesen Entwicklungen dürften sich die israelischen Regierungen nicht wesentlich unterscheiden. Im Gegenteil, die inzwischen weitgehend zusammengebrochene israelische Linke erwies sich etwa unter Barak als ratlos und gewalttätiger gegenüber den Palästinensern als rechte Regierungen.

RE: Für viel Sorge, Empörung und Aufmerksamkeit hat der Fall des Holocaustleugners Williamson in Deutschland gesorgt. Wie haben Sie die Haltung des Vatikans in der Frage der Rücknahme der Exkommunion des Holocaust-Leugners Williamson wahrgenommen? Was bedeutet der Fall für den Dialog zwischen Juden und Christen?
Ulrich W. Sahm: Dank der sehr klaren Haltung des Vatikans und einer schriftlichen Verpflichtung gegenüber israelischen Rabbinern, Williamson nicht wieder in die Kirche aufzunehmen, solange er das Leugnen des Holocaust nicht ablegt, geht der Dialog schon in einer Woche wieder weiter.


RE: Ist Holocaustleugnung und Antisemitismus heutzutage wieder salonfähig?
Ulrich W. Sahm: Ich halte Antisemitismus und Holocaustleugnung für ein extrem gefährliches Phänomen.


RE: Wie kürzlich durch eine Reportage der New York Times und dem deutschen Sender ZDF bekannt wurde(*), war es dem als “„Dr. Tod” bekannten KZ-Arzt Aribert Heim möglich, 30 Jahre mit nur dürftiger Verschleierung seiner Identität unbehelligt im ägyptischen Kairo zu leben (bis zu seinem dortigen Tod 1993), obwohl die deutsche Botschaft schon 1981 bei dessen Verlängerung seiner Aufenthaltsgenehmigung von seinem Aufenthaltsort erfahren haben hätte müssen. Wie wichtig ist heute, mehr als 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts, die Jagd und Ergreifung von Naziverbrechern?

Ulrich W. Sahm: Aus rein moralischen Gründen ist es wichtig, die Massenmörder zur Rechenschaft zu ziehen, auch wenn es rein praktisch heute kaum mehr durchführbar ist. Das sollte vor allem für die Deutschen ein wichtiges Anliegen sein.

RE: Was für einen Stellenwert hat dies heute in der jüdischen Gemeinschaft und in Israel?
Ulrich Sahm: In Israel wird das sehr aufmerksam verfolgt.


RE: Vielen Dank.
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(*) Interessant in diesem Zusammenhang auch: siehe
 ZDF-Mediathek: zweistündiges Interview mit Rüdiger Heim über den Verbleib von Dr. Aribert Heim (mit Suche zu finden, Stichwort: “Rüdiger Heim”)

Ulrich W. Sahm (Website: www.usahm.info) lebt seit mehr als 30 Jahren in Israel und berichtet als Nahost-Korrespondent für diverse deutsche Medien, so etwa für den Nachrichtensender n-tv oder die Berliner Morgenpost. Der Artikel wurde zuerst auf www.readers-edition.de veröffentlicht, der ersten deutschsprachigen Bürgerjournalistenplattform. Einzelne Links wurden von mir aus dem Interview gelöscht oder abgeändert.