2009-03-27

Fremde Federn: Liora Minka über den Wochenabschnitt "Wajikra" (Leviticus 1,1-5,26)


Der Beginn des Buches Leviticus, in Hebräisch Wajikra. Auffallend ist der verkleinerte Endbuchstabe Alef des ersten Wortes, welcher auch in der Auslegung der Parascha, des heutigen Wochenabschnitts, eine Rolle spielt.

Der Beginn des Buches Leviticus, in Hebräisch "Wajikra". Auffallend ist der verkleinerte Endbuchstabe "Alef" des ersten Wortes, welcher auch in der Auslegung der Parascha, des heutigen Wochenabschnitts, eine Rolle spielt.


Wenn Sie in der Tora blättern, werden Sie entdecken, dass der letzte Buchstabe des erstes Wortes "Wajikra“ in einer kleineren Schriftgröße geschrieben ist. Dies ist nicht die einzige ungewöhnliche Stelle in der Tora. Das erste Wort des Buches der Chroniken, das Wort „Adam“, welches sich auf den ersten Menschen bezieht, hat auch ein ungewöhnliches Alef. Die Mehrzahl der Buchstaben, die in der Tora sind, sind allerdings in einer einheitlichen Größe. Für unsere Zwecke, betrachten wir sie als mittlere Schriftgröße - weder zu groß noch zu klein.



Der Lubavitch-Rabbi stellte die folgende Idee auf: Die Tora lehrt uns, dass der Mensch die allgemeine Aufgabe hat sich auf ein mittleres Niveau zu begeben, was so viel heißt, dass er sich seiner Fehler auf der einen Seite und seiner Tugenden auf der anderen Seite bewusst sein soll, ohne eine von beiden überzubetonen. Das große Alef in den Chroniken will die Größe Adams des Menschen zum Ausdruck bringen - über dessen Weisheit G-tt selbst bezeugt hatte, dass sie größer gewesen sei als die Weisheit der ihm dienenden Engel. Das kleine Alef in unserem Teilabschnitt ist des weiteren ein Hinweis auf die Demut Mosches, der trotz seiner vielen Tugenden demütiger war "als alle Menschen, die auf dem Erdboden waren" (Nummeri 12,3).

Adam repräsentiert auch den Fall des Menschen durch die Sünde des Essens vom Baum der Erkenntnis. Dies lehrt uns, dass man den Wert der Selbstkenntnis als einer der guten und wichtigen Tugenden nicht übertreiben darf. Jeder Mensch hat sowohl positive als auch negative Merkmale. Dies gilt auch für Mosche. Mit all seinem Gefühl der Demut war er auch für seine guten Qualitäten bekannt. Mit "Und er rief Moshe" („Wajikra“) beginnt unser Abschnitt, der damit den Ausdruck der Zuneigung G-ttes ausdrückt mit dem dieser ihn rief. Moshe weiß, dass er einerseits die Tora auf dem Berg Sinai erhält und ist andererseits sich bewusst, dass er seine spirituellen Kräfte, die ihm für den Erhalt der Tora verdient gemacht haben, nicht unterschätzen darf.

Jeder Jude hat einen Teil des Geistes Adams und auch einen Funken von Mosches Seele. Somit ist es klar, dass jeder sich seiner eigenen Werte, seiner Fähigkeiten, seiner Einzigartigkeit und seiner guten Qualitäten bewusst sein muss. Jeder sollte diese Vorteile nutzen, um größere Höhen im Leben zu erreichen, aber ohne sich selbst zu übernehmen und mit ihnen zu prahlen. Umgekehrt darf der Mensch nicht vergessen "von wo er herkam und wohin er geht und vor wem er verpflichtet ist Zeugnis abzulegen". Dies ist kein Fall nach dem Motto "Meine Stärke und die Kraft meiner Hand“.

Daher muss er demütig und bescheiden in seinen eigenen Augen sein. Mit Demut und mit dem Konzept des Durchschnitts zwischen dem unter dimensionierten Alef und dem übergroßen Alef, kann der Mensch bis zur wahren Perfektion gelangen, wobei er sich verdient gleichermaßen mit Zuneigung gerufen zu werden, wie G-tt Mosche zu Beginn des Abschnitts.

Liora Minka ist Vorsitzende der jüdischen Frauenbewegung Emunah. Übersetzung des englischen Originaltextes durch Lukas Lehmann.

Liora Minka is chairperson of Emunah. The English original text of the Weekly Torah Portion can be found here. German translation by Lukas Lehmann.