2009-03-16

Disinformation



"Am Anfang war das Wort und nicht das Geschwätz, und am Ende wird nicht die Propaganda sein, sondern wieder das Wort." So schrieb 1956 der deutsche Arzt und Schriftsteller Gottfried Benn. Auch Nahostkorrespondent Andre Marty schrieb. Letzte Woche auf der Readers Edition informierte er die Leser über den neuen Google-Krieg der israelischen PR-Maschinerie.
Der Krieg geht in die nächste Runde. Nach der “Army of Blogger‘s” gerät jetzt Google ins Schussfeld - respektive soll das Blickfeld auf Google etwas entschärft werden. […] Saranga lässt sieben Medienexperten nach Israel fliegen, die das Land ins rechte Licht zu rücken haben; Fotos, Videos, von den schönen Seiten Israels. “Wir wollen das Internet überflutet sehen mit dem tatsächlichen Image des schönen Israel, frei für jederman”, heißt dass dann in der sPRache des Herrn Konsul. Die Fotos von der schönen Seite Israels, so der Plan der Werber, werden bald auf Wikipedia, Wikimedia, Facebook, Twitter und Flickr – Seiten zu sehen sein.

Doch warum wird dies gemacht? Marty meint: Googlesuchergebnisse zu Israel würden schlimme Bilder des Nahostkonflikts an das Tageslicht bringen. Die israelische PR wolle diese aber nach hinten verschieben und durch schöne Landschaftsbilder ersetzen. Ganz schlimm!, sagt da der Schweizer, würde diese Aktion doch die israelischen Kriegsverbrechen in die Vergessenheit verdonnern. Ganz anders sieht das aber das israelische Außenministerium:
The ministry found that if one types the word "United Kingdom" into a search engine a picture of London's Big Ben appears; "France" results in the Eiffel Tower and Notre Dame Cathedral in Paris and "Jordan" in scenic views of Petra; but type in "Israel" and unsightly images of bombarded housed in Gaza, or the nuclear facility in the southern city of Dimona, pop up on the screen. Not exactly vacation hotspots.

Israel geht es also um schmackhafte Bilder, um Videos und Alltagszenen, die Touristen wieder in dieses besondere Land am Mittelmeer locken sollen. Also quasi das gleiche Prinzip, was Bilder von Schweizer Schokolade oder Werbung für Ricola-Bonbons in die Schweiz locken soll, oder leckeres Bier und vollbusige blonde Frauen im Dirndl nach Deutschland. Warum, Herr Marty, sollte dieses Prinzip für Israel nicht legitim sein?

Aber auch für Forscher, Wissenschaftler, Judaisten und Kunstgeschichtler bietet dieser mediale Vorstoß der Israelis Vorteile: Statt Bilder des israelischen Holocaust an den Palästinensern, dem Ghetto Gaza und dem blutrünstigen Zionismus, liefert die Bildersuche nun relevantes und verwertbares Material. Schluss wären die Tage des stundenlangen Suchens nach dem richtigen Bild.

"Am Anfang war das Wort und nicht das Geschwätz, und am Ende wird nicht die Propaganda sein, sondern wieder das Wort." Hat Marty diese Weisheit Benns schon verinnerlicht? Lassen wir uns überaschen, wenn es denn wieder heißt: Disinformation aus dem klimatisierten Pressebüro aus Tel Aviv, mit hübscher Lage in der Nähe des Strandes.
 

Bild:  velozipedist [affected by censoring], Lizenz: Creative Commons.