2009-02-20

Jeckes - Deutsche Juden in Israel

Die Jeckes, das sind nicht die Karnevalisten aus dem Rheinland, sondern in diesem Fall 55.000 deutsche Juden, die entweder von 1933 bis 1939 während der fünften Einwanderungswelle (Alija) auf Grund der Naziherrschaft nach Palästina kamen oder nach dem Holocaust Zuflucht in Israel fanden.

Wortherkunft
Zur Herkunft des Begriffs gibt es verschiedenste Theorien: Eine besagt, dass „Jecke“ eine Verfälschung des deutschen Wortes "Jacke" sei und entweder als Spott der osteuropäischen Juden für ihre deutschen Brüder zu verstehen sei, die sich weigerten, den Kaftan oder Rock der orthodoxen Juden zu tragen und stattdessen eine kurze Jacke trugen, oder als Spott für die "Jeckes", die auch bei starker Hitze im Sommer mit Anzug und Jacke auf der Straße herum liefen.

Eine andere Theorie führt uns wieder zum rheinländischen Karneval. Sie besagt, dass „Jecke“ eine Ableitung vom aus dem Kölner Raum stammenden Wort "Jecke" (also Clown oder Narr) sei. Eine letzte Theorie wiederum besagt, dass „Jecke“ ein Akronym für die hebräische Bezeichnung "Jehudi kasche Chavana" - ein geistloser Jude – sei. Doch im großen und ganzen und trotz der zahlreichen Theorien ist bis heute die Wortherkunft unbekannt.

"Jeckes" in Israel
Die Mehrheit der deutschsprachigen Einwanderer lebte in den großen Städten Palästinas: Tel Aviv, Jerusalem oder Haifa. Nur sehr wenige wagten es, sich auch in das recht ungewohnte landwirtschaftliche und puritanische Leben in den sozialistischen Kibbuzim nieder zu lassen. Doch es gab auch deutsche Kibbuzgründungen, wie dem Kibbuz Givat Brenner.

Als nun diese eigensinnigen, ordnungsbewussten und schwer integrierbaren "Jeckes" nach Palästina/ Israel kamen, so bildeten sie schnell eine eigene Subkultur in der palästinensischen und späteren israelischen Gesellschaft. Charakteristisch für diese Gruppierungen waren Disziplin, Pünktlichkeit, Höflichkeit, Gewissenhaftigkeit und Ehrlichkeit.

„Jeckes“ waren bekannt für ihr legalistisch, steifes Auftreten, für ihren hohen Bildungsgrad und ihre Kulturverbundenheit. Sie waren meist zu elegant oder hoffnungslos unpassend gekleidet und legten zwischen 2 bis 4 Uhr Nachmittags die so genannte "Schlafstunde" ein. Sie repräsentierten alle Richtungen des politischen und religiösen Denkens – vom Zionismus bis zum orthodoxen Judentum.

Die deutschen Juden brachten zum ersten mal eine urbane (west)europäische Kultur nach Palästina. Dies war nicht nur ideologisch gemeint, sondern ganz wortwörtlich: So kamen ganze Schiffsladungen an Mobiliar, Bibliotheken mit deutscher Literatur, Klaviere, Grammophone, Kunstwerke und sogar Autos in das aus Sicht der „Jeckes“ unterentwickelte und unkultivierte Israel.

„Jeckes“ hebten sich gerade deshalb von der zionistisch-sozialistischen Gesellschaft der osteuropäisch geprägten jüdischen Gesellschaft und ihrer Lebensweise ab. Und genau deshalb sahen sich die deutschen Juden in ihrer neuen Heimat gezwungen und privilegiert den selben Lebensstandart zu schaffen, den sie von Deutschland gewohnt waren. Nach Dr. Laurence Weinbaum waren sie so die einzige Einwanderergruppe in Israel, die an ihrer eigenen Kultur und Identität festhielt und die die Anpassung im israelischen Schmelztiegel verweigerte.

Selbst der Holocaust schaffte es nicht die emotionale Bindung nach Deutschland völlig zu brechen. So war es nicht ganz ungewöhnlich, dass Jeckes in Israel zur deutschen Botschaft gingen, um sich nach Verordnung der Nationalsozialisten den Zwangsnamen "Sara" oder "Israel" in den Pass eintragen zu lassen.

Ihre starke Bindung zu Deutschland und ihr Wille die vorgefundene zionistische Mehrheitsgesellschaft nach ihren Wert- und Lebensmassstäben zu ändern, verschaffte den „Jeckes“ das Unbehagen, die Verachtung und den Spott ihrer osteuropäischen Mehrheitsgesellschaft ein, die bis kurz nach der Staatsgründung die deutschen Juden massiv im Berufs- und Alltagsleben benachteiligten, was kurze Zeit später dann doch zu einer kleinen Anpassung an die israelische Gesellschaft führte -in Form der Hebraisierung der deutschen (Vor-)namen.

Beitrag zum Staat Israel
Ohne die „Jeckes“ wäre der Staat Israel sicher nicht das, was er heute ist. Da sind sich viele einig. Ihre Leistungen sind unersetzlich und von höchster Bedeutung. Im Folgenden soll nur eine kleine Auswahl der Errungenschaften deutscher Juden in Israel aufgezeigt werden, die bis heute hohe Bedeutung für den Staat und die Gesellschaft selbst haben:

  • Die Gründung des Palestine Symphony Orchestra 1936 unter der Leitung von Bronislaw Huberman (1882-1947). 1948 wurde dieses in Jerusalem Symphony Orchestra umbenannt.

  • Die Revolutionierung des maroden  Bankwesens des Landes, welches sich zuvor noch an die Banken des osmanischen Reiches und die des britischen Mandats orientierten. 

  • Errichtung der Tel Aviver Börse, die „Bursa“, und des Diamantenmarkts im heutigen Ramat Gan.

  • Auch in der Architektur waren „Jeckes“ Vorreiter. In Tel Aviv erbauten Sie ein ganzes Stadtteil mit weissen Häusern im Bauhausstil. welche der "weißen Stadt" 2003 die Ehrerbringung als Weltkulturerbe brachte. In Jerusalem (z.B. in Rehavia) und Haifa bauten sie elegante Häuser aus Jerusalemer Stein.

  • Aufbau der touristischen Infrastruktur in Israel. Naharija, die Stadt, die bis heute einen Wiener Flair besitzt, wurde als Bade- und Ferienort ausgebaut und als bald bekannt als “bester Badeort Israels".

  • Auch in der Wissenschaft waren die „Jeckes“ hoch gefragt. Die Einstellung deutscher Wissenschaftler an der Hebräischen Universität Jerusalem sorgte dafür, dass in den 30er Jahren diese zionistische Vorzeigeinstitution in der Öffentlichkeit zur "Deutschen Universität" umgetauft wurde.

  • Aufbau der Industrie: Die Milch- und Jogurtfabrik der Familie "Strauss" in Naharija, die seit den 70er Jahren zu Danone gehört, ist bis heute Nummer 1 in Israel. Auch die Fleischereien am gleichen Standort, die wie die Milchproduktion zu erst von der einheimischen Industrie als Bedrohung für "jüdische Produkte 'Made in Israel'" angesehen wurde, sind heute nicht mehr aus der israelischen Industrielandschaft wegzudenken. Die Metallindustrie wurde von der aus Süddeutschland stammenden Familie Wertheimer aufgebaut. Stef Wertheimer gilt heute nicht nur als einer der reichsten Israelis, sondern auch als einer der reichsten Unternehmer der Welt.

  • Aufbau des Verlagswesens. Die bis heute existierende israelische Tageszeitung Haaretz wurde 1919 von deutschen Juden gegründet und ist bis heute wichtiger Bestandteil des Schocken-Verlags, der vor dessen Zwangsschliessung 1938 durch die Nazis seinen Standort in Berlin hatte und die Anlaufstelle für jüdische Literatur war. Später, nach Salman Schockens Emigration nach Palästina und USA gründete er seinen Verlag in neu - mit den Standorten New York - Jerusalem.

  • Revolutionierung des Gerichtswesens.


„Jeckes“ waren und sind ein wichtiger und nicht mehr wegzudenkender Bestandteil der israelischen Gesellschaft. Trotz ihrer anfänglichen Integrationsschwierigkeiten – aber vielleicht auch deshalb- sorgten sie in Israel für einen kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Aufschwung.
Der wohl wichtigste Beitrag war in der Politik. In den Anfangsjahren des Staates Israel waren sie auch in der Arbeit in Ministerien und Regierungen beteiligt, obgleich ihr Engagement niemals einen jeckischen Präsidenten oder Ministerpräsidenten hervor rief.

Unvergessen sind sie aber trotzdem nicht, denn sie waren hauptverantwortlich für die Verhandlungen mit Deutschland für Wiedergutmachungszahlungen und für die politische Annäherung beider Staaten, die 1965 zur Aufnahme der deutsch-israelischen Beziehungen führten.

Weiterführendes:

  • Greif, Gideon & Diner, Dan 2000. Die Jeckes: Deutsche Juden aus Israel erzählen. Köln: Böhlau. Online im Internet: URL: http://www.gbv.de/dms/bs/toc/306973421.pdf

  • Irgun Jeckes - Vereinigung der Israelis mitteleuropäischer Herkunft (Hg.). Geschichte des Irgun [Stand 2009-02-20]. Tel Aviv. URL: http://www.irgun-jeckes.org/?CategoryID=255&ArticleID=184 [Stand 2009-02-20]

  • Rappe, Jennifer 2008. Jeckes in Israel: Der Beitrag der deutschen Juden. Nürnberg. URL: http://www.irgun-jeckes.org/_Uploads/dbsAttachedFiles/JeckesinIsrael.pdf [Stand 2009-02-19]

  • Schlör, Joachim 2003. Endlich im Gelobten Land?: Deutsche Juden unterwegs in eine neue Heimat. 1. Aufl. Berlin: Aufbau-Verl.