2009-01-02

Sch(m)ock der Woche

Besser konnte es Henryk M. Broder in seiner Schmockparade auf seiner Webseite nicht zusammenfassen:
Der zweite Drittelschmock ist Franz Alt, Moderator, Moralist und Alimenteverweigerer, bekannt aus Funk und Fernsehen und von evangelischen Kirchentagen. Alt hat von 1972 bis 1992 "Report" im SWF moderiert und leitet heute die "Zukunftsredaktion" im Südwestrundfunk, denn was einer hinter sich hat, davon versteht er besonders viel. Daneben schreibt er auch, zuletzt einen Aufsatz über "Frieden durch Gerechtigkeit" oder wie die Bergpredigt "als Antwort auf den 11. September" dienen könnte. Man wisse nicht, "ob die USA in ihrer Trauer wüten oder in ihrer Wut trauern werden", in jedem Falle wäre es zu wünschen, wenn sie "statt einer militärischen Anti-Terrorkoalition eine weltweite Anti-Hungeraktion" starten würden. Donuts für alle! Dazwischen, er kann nicht anders, sinniert er über das "alttestamentarische 'Auge um Auge, Zahn um Zahn'" und macht sich so seine Gedanken über "zionistische Kreise" und "heilige Kriege". Das Beste aber kommt zum Schluss: Franz Alt fordert ein Ende des Nahost-Konflikts, einen "gerechten Ausgleich zwischen Israel und Palästina". Das wäre noch nicht verkehrt, wenn er nicht gleich dazu setzen würde: "Ohne Nahost-Lösung kein Weltfrieden!"

Neben all der Polemik scheint allerdings klar zu sein, dass Broder die tiefe linke Seele des Journalisten, Friedenskämpfers und Freunds des Dalai Lama auf die Schippe nehmen will. Sicher, irgendwie wollen alle linken Friedensaktivisten eine heile, bessere und kosmopolitische Weltordnung herstellen, allerdings hört der Kosmopolitismus immer wieder da auf, wo ein Staat anderen Staaten niedriger gestellt wird, sprich: Während Toddenhöfer, Nehberg und Co. sich in 1001 Nacht den Honig um den Bart schmieren lassen, sich unter ständiger Lebensgefahr in den Irak und sogar nach Palästina reisen, um dort der armen und unterdrückten Zivilbevölkerung zu helfen, macht man um den kapitalistischen Klassenfeind – Israel und USA – gern mal einen Extrabogen rum. Mit Kriegsverbrechern und Finanzschmarotzern will man sich dann doch nicht anlegen.

Zum Dialog gibt es keine Alternative


Das Prinzip “Auge um Auge, Zahn um Zahn” beziehungsweise. “David gegen Goliat” scheint auch heute wieder auf Alts Menüliste praktischer Friedenslösungen zu stehen. Auf der Readers Edition beweist er wiederum dass für ihn der Schwächere die arabische Welt und die armen mit Steine bewaffneten Palästinenser sind und David der Musterisraeli mit seinen Appache-Helikoptern und F16-Bombern ist:
Über 400 Tote und mehr als 2.000 Verletzte hat Israels Angriff auf den Gazastreifen bisher gekostet. Kann so Frieden entstehen? Oder Sicherheit? Israels Militärpolitik schafft nicht mehr, sondern weniger Sicherheit. Jedes palästinensische Todesopfer wird die radikale Hamas stärken und noch mehr radikalisieren.

Von den Quassam- und Gradraketen der Hamas, die schon seit acht Jahren und allein 2007 mehr als 2,550 mal in Südisrael einschlugen, von den Toten und Verletzten in Sderot, Ashkelon, Netiwot oder Beer Schewa und mehrere Tote und Verletze zurücklies, wird nichts erwähnt. Stattdessen bläst Alt die polemische Kriegsposaune:
Israels heutiger Kriegsminister Ehud Barak wurde einmal gefragt, was er täte, wenn er Palästinenser wäre. Seine undiplomatische, aber ehrliche Antwort:  “Ich würde gegen Israel kämpfen.”

und
Natürlich sagt auch Barak, er wolle Frieden. Das sagen alle israelischen Politiker seit 60 Jahren.

Aber sie wollen Frieden immer nur zu ihren Bedingungen. Doch solange Israel auf palästinensischem Gebiet israelische Siedlungen und Mauern baut und die Palästinenser aushungern lassen will, wird es einen gerechten Frieden nicht geben können.

Dass Alt seinen eigenen Emotionen wieder freien Lauf lies, ausnahmsweise seine journalistische Neutralität und Sorgfaltspflicht außer Acht ließ, alte Stereotype über den kriegslüsternen jüdischen David wieder aufwachen lässt, scheint in Anbetracht israelischer “Kreueltaten” in Gaza für ihn selbst legitim zu sein. Einseitig wird Israel als Bedingungssteller und Quälgeist dargestellt, der Frieden nicht nur diplomatisch, sondern auch praktisch durch Mauern (die den jüdischen Staat erfolgreich vor Terroristen schützte undnur 3% der ganzen von Alt angesprochenen Sicherheitsanlage ausmacht) und Siedlungen (die illegal und größtenteils von rechtsgerichteten fundamentalistischen jüdischen Siedlern der Gusch Emunim erbaut wurden und nicht wie Alt behauptet von Israel) blockiert.

Wenn das aber noch nicht genug wär, wird in einem Satz zu vor Israel sogar das Recht auf Humanität aberkannt:
Je aussichtsloser  und verzweifelter  die Lage der palästinensischen Menschen wird, desto mehr werden sie denen zujubeln, die auf Israel mit Raketen schießen.

Wenn die Palästinenser Menschen sind, dann sind die Israelis blutrünstige Juden – so scheint hier auf dem ersten Blick die Logik Alts zu sein. Wie man mit diesen "Unmenschen" einen Dialog führen kann und wie man vor allem mit der Hamas einen Dialog führen kann, die in ihrer Charta Israels Existenzrecht nicht anerkennt und immer wieder zur Vernichtung des Judenstaats aufruft, möchte Alt allerdings nicht verraten. Vielleicht hilft da nur Beten oder der göttliche Geist, der diese Situation verändern kann?

Stell dir vor es ist Krieg - und einer geht hin


So die Selbstschau Andre Martys, Alts Kamerad aus der Schweiz, der regelmäßig für das Schweizer Fernsehen aus Israel und Nahost berichtet und fast ganz zufälig gestern zur gleichen Zeit seinen Erlebnisbericht von der israelischen Feindesfront auf der Readers Edition hineinstellte - fern ab vom zionistischen Tel Aviv, der ersten hebräische Stadt der Zionisten:
Siebter Tag der israelischen Krieges gegen den Gaza-Streifen. Sieben Nächte und Tage lang Luft- und Seeangriffe auf einen der dichtest besiedelten Orte der Welt. 426 tote Palästinenser, 2 000 Verletzte, vier tote Israeli und dutzende Schockierte in Spitälern. Das der Stand der Todesliste Freitag Mittag, Tendenz asymetrisch rasch steigend.

Neben all den abenteuerlichen Gefahren, die sich so ein Kriegsreporter ausgesetzt fühlt, wie sich mit dem befreundeten Kollegen der Al-Jazeera im Schlamm sudeln, wenn eine Rakete mal wieder vom Gazastreifen auf den "israelischen Aggressor" einschlägt, gibt Marty zudem eine wichtige Neuigkeit an seine Leser weiter:
Israels oberstes Gericht zwingt die israelische Regierung, endlich die Grenzen zum Gaza-Streifen für Journalisten zu öffnen.

Die Regierung der Herren Olmert, Barak und Dame Livni sehen das ganz anders: Trotz Richterspruch sind ausländische Journalisten immer noch aus dem Gaza-Streifen ausgesperrt – “berichtet lieber über die armen Kinder in den Bunkern im Süden Israels”, meint der Chef des israelischen Government Press Office. Das also die offizielle Begründung für die israelische Medienzensur. Eine Zensur, die als nächster Schritt des israelischen Propaganda-Krieges noch zu schreiben geben wird; keine Sorge.

Dass der sich scheinbar den Steinewerfern verbunden fühlende Schweizer trotz sichtbar einschlagender Hamas-Raketen (gleich hinter seinen Rücken im israelischen Städtchen Sderot) nicht bereit erklärt auch die israelische Seite in seinen Berichten zu erwähnen, scheint dem im mehr als 50KM entfernt lebenden Reporter nicht weiter zu kümmern – denn das Alltagsleben am Tel AviverStrand und in den Nachtclubs, die selbst so einige Tel Aviver  ihr ganzes Leben nicht verlassen wollen, suggeriert eine andere Realität. Allerdings zu sagen dass Israel die Grenzen angeblich geschlossen hält und darauf anspielend angeblich keine humanitäre Hilfe liefert, scheint nicht nur die Recherchefreudigkeit des Schweizer Abenteurers deutlich zu machen, sondern auch die Ideologieblase, in der dieser lebt und nicht herauszukommen scheint.

Hier übrigens die Videos, die die Lieferung humanitärer Hilfe vom israelischen Grenzübergang in den Gazastreigen zeigen.