2009-01-31

Der "Andere" - Araber in der israelischen Gesellschaft




 



Der letzte Gazakrieg und die Diskussion darüber in Europa und den USA haben gezeigt, dass trotz der fast täglichen Präsenz des Nahostkonflikts die Mehrheit der Medienkonsumenten nicht ausreichend über den Konflikt, die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen aufgeklärt werden- geschweige denn ein fundiertes historisches Wissen der Region geliefert bekommen. Stattdessen legen die Fernsehstationen heutzutage mehr Wert auf Animationen, Bilder, Videos und O-Töne. Das Wissensfundament bröckelt allerdings immer mehr und übrig bleibt ein überforderter, mit Ereignissen voll gepumpter Zuschauer und Zuhörer, der den Blick für das Wesentliche verloren zu haben scheint und sich immer mehr an Ideologien und Halbwahrheiten fest klammert, die seine Umgebung ihm vorgibt und die dieser nun aus seiner eurozentrischen Sicht zum Beispiel auf den Nahen Osten projiziert.

Ein trauriges Beispiel hierzu ist sicherlich der omnipräsente israelisch-palästinensische Konflikt, der immer wieder als Ausgangspunkt der Konflikte in der Welt dargestellt und bezeichnet wird, ohne dessen Lösung kein Weltfrieden einkehren würde. Dass diese Aussagen natürlich reine Ideologie sind und auf naiven und vor allen eurozentrischen Vorstellungen beruhen, zeigt allein ein Vergleich weltweit parallel stattfindender Konflikte wie in Kongo oder Darfur, die von der westlichen Öffentlichkeit, den Medien und politischen Vertretern und Organisationen fast unbeachtet bleiben oder Tot geschwiegen werden. Die Leidtragenden sind die Zivilisten in den Konfliktregionen, nicht die westliche Welt, die anscheinend mit Scheuklappen und mit ihrer Arroganz bestimmt, wo der Fokus der Weltpolitik und des Weltgeschehens gerichtet und wie diese Konflikte gelöst werden sollen.

Dass Ideologien verschiedenster Couleur Hauptantriebsfeder des Konflikts sind, zeigt ein Abstecher in die israelische Geschichte und Literatur. Folgende Gerüchte sollen dabei entkräftet und von einer differenzierten Sicht aus betrachtet werden:

  • Herzl ist Begründer des Zionismus und wollte die Palästinenser von Anfang an nicht anerkennen. In seinem Buch „Der Judenstaat“ rief er sogar auf, die Palästinenser aus Israel zu vertreiben.

  • Israel hat sich nie um die Palästinenser gekümmert und wolle nur mit ihnen Krieg führen

  • Israel unterdrückt die Palästinenser und versucht mit jedem neuen Krieg selbst den Rest des Landes in seinen Staat einzuverleiben.


Ganz sicher mögen diese Ideen Teil der Gesellschaftsgeschichte des Staates sein und es ist auch belegbar, dass teilweise diese Ideen bis heute von einzelnen Gruppierungen in Israel unterstützt und gefordert werden. Allerdings stellen sie keine Meinung der Mehrheit der Israelis oder eine Agenda der israelischen Politik dar, wie es selbst ernannte Nahost- und Rechtsexperten immer wieder versuchen darzustellen, um den Judenstaat besonders brutal, fundamentalistisch und gewalttätig darzustellen – einen Staat, der Krieg mehr lieben würde als Frieden mit den Palästinensern und seinen Nachbarn zu schließen.

Die folgende Analyse soll ganz sicher kein Plädoyer für Israel sein, noch soll es israelische Fehler in seiner Geschichte oder Kriegsführung verharmlosen oder verdrängen. Viel mehr geht es mir hierbei um die Präsentation einer außergewöhnlichen Innenperspektive der israelischen Gesellschaft, die zeigen soll, dass sich zu mindest literarisch die Beschäftigung mit den „Anderen“, mit dem Palästinenser, schon sehr früh in Israel begonnen hat und verschiedenste Bilder über diesen „Anderen“ in der israelischen Gesellschaft projiziert und produziert wurden, die sich konträr zu den Vorstellungen und Stereotypen hier zu Lande über das palästinensisch-israelische Verhältnis verhalten. Dies wiederum soll zu dem die Facettenvielfalt des Staates selbst aufzeigen und dessen Neuerfindung nach dem Sechstagekrieg 1967 als Vielvölkerstaat, im Gegensatz zu der Ideologie eines reinen zionistischen oder jüdischen Staates.



Vor der Staatsgründung
Einer der ersten Ideengeber und Mitbegründer des Zionismus war der Schriftsteller und Essayist Achad Ha'am (ursprünglich Ascher Ginsberg, 1856-1927). Der in Kiew geborene Hauptvertreter des Kulturzionismus hatte schon vor seiner Reise nach „Palästina“ die Einwanderungsbestrebungen der Chibbat-Zion-Bewegung, einer Dachorganisation proto-zionistischer Gruppierungen aus Russland und Rumänien, an ihrem Mangel an jüdischer Kultur und Organisationsstärke kritisiert und forderte von diesen ein Umdenken in ihren Besiedlungsplänen auf. Vor allem das Fehlen einer landwirtschaftlichen Ausbildung sorgte für die Einwanderer der so genannten ersten Alija (1882-1903), der ersten Einwanderungswelle nach „Erez Israel“, für große Schwierigkeiten im Land. Nicht nur sollten Krankheiten, wie die Malaria sie plagen, sondern auch die Abhängigkeit von den Osmanen und Arabern im Land, die ihre Felder bewirtschafteten und ihre Siedlungen bewachten. An einem selbstständigen Aufbau des „Judenstaates“ war zu jener Zeit noch nicht zu denken.

Nachdem Ha'am 1891 „Palästina“ selbst bereiste und die Situation und Lebensbedingungen vor Ort mit eigenen Augen sah, stellte er in seinem Reisebericht „Emet mi Erez Israel/ Wahrheit aus Erez Israel“ eine scharfsinnige Analyse einer späteren Besiedlung des Landes durch weitere jüdische Einwanderer voraus. Vor allem in Anbetracht einer sich bildenden arabischen Nationalbewegung, im Rahmen der Nationalisierung und nahenden Divergenz in ganz Europa und des Osmanischen Reiches, war ihm bewusst, dass eine vollständige Auswanderung von Juden aus der Diaspora nach „Palästina“ einen Konflikt und Krieg mit den ganzen Arabern zur Folge haben könnte. Ganz konkret schrieb er:
Wir im Auslande pflegen zu glauben, daß die Araber alle Wilde seien, die auf tierischer Stufe stehen und für das, was um sie her vorgeht, keinen Blick haben. Das ist aber ein großer Irrtum. Der Araber besitzt wie alle Semiten einen scharfen Verstand und große Schlauheit. […] Die Araber und besonders die Städter durchschauen unsere Tätigkeit im Lande und deren Zweck, schweigen aber und lassen sich nichts anmerken, weil sie in unserem Tun vorläufig keine Gefahr für ihre Zukunft sehen. Sie bemühen sich nur, auch uns auszubeuten, die neuen Gäste nach Kräften auszunutzen, um sich hinterher ins Fäustchen zu lachen. […] Wenn aber einmal die Zeit kommen wird, wo sich das Leben unseres Volkes in Palästina so weit entwickelt hat, daß sich die Landesbevölkerung mehr oder weniger beengt fühlt, dann wird sie uns auch nicht leichthin ihren Platz räumen.

Theodor Herzl (1860-1904) machte 1898 auf seiner Reise nach Palästina, bei der er auch den deutschen Kaiser Wilhelm II. traf, ähnliche Erfahrungen wie Ha'am. Allerdings sahen seine Pläne für einen „Judenstaat“ ein wenig anders aus. Als politischer Zionist vertrat er die Auffassung, dass alle Juden aus dem antisemitischen Europa flüchten sollten, um im neu zu errichtenden „Judenstaat“ eine neue Heimstätte zu bekommen. Diese Besiedlung, der Landkauf und alle weiteren organisatorischen Dinge sollten von zwei zu gründenden Gesellschaften organisiert und vorbereitet werden. Zudem sollten durch Verhandlungen mit der Türkei, mit Baron Hirsch, den Rothschilds, dem deutschen Kaiser und weiteren politischen Größen und einflussreiche Personen durch Diplomatie der „Judenstaat“ errichtet werden, so wie es Herzl in seinem gleichnamigen Werk von 1896 beschrieb.

Ein paar Jahre später, im Jahr 1902, veröffentlichte er seine konkrete Vision eines Judenstaates in Romanform: „Altneuland“. In diesem wird auch das Verhältnis zwischen Arabern und jüdischen Einwanderern angesprochen. Harmonisch leben sie in einer sehr europäisch-bürgerlich geprägten Gesellschaft. Der arabische Protagonist Reschit Beit ist in seinem Staat voll integriert, hat diesem sogar freiwillig sein Land und sein Hab und Gut überlassen. Er lebt gleichberechtigt als Mitglied dieser kooperativen „neuen Gesellschaft“. Zudem würde der wirtschaftliche Aufschwung des Landes und sein technischer Fortschritt alle Bevölkerungsteile zufrieden stellen. Konflikte zwischen Arabern und Juden gibt es in Herzls Utopie somit nicht.

Neben diesen zwei Modellen der wohl bekanntesten Vertreter des Zionismus traten zu jener Zeit weitere Ansichten über den Araber auf: Rabbi Benjamin (eigentlich: Jehoschua Radler-Feldman, 1880-1957), der sich später im Rahmen der Gruppe „Brit Schalom“ für eine Annäherung zwischen Arabern und Juden einsetzte, schlug zum Beispiel einen pan-semitischen Staat vor, in dem Juden einwandern könnten ohne nationale Tatsachen- zu schaffen und in dem Araber und Juden gemeinsam zufriedenstellende Einkommensquellen erschließen würden, ohne das Araber aus dem Gebiet vertrieben würden. Der Schriftsteller Mordechai Se'ev Feierberg (1874-1899) postuliert hingegen in seiner Novelle „Le'an/ Wohin“ das Bild einer malerischen, reinen Wüste und eines exotischen Orients, in der die Juden eine alternative, bessere Gesellschaft zur Diaspora in Europa aufbauen sollten.

Die Romantiker der Zeit produzierten ein weiteres Bild des Arabers. Sie fragten sich, ob die Araber der Region von den gleichen Urhebräern oder Urjuden der Bibel abstammen, wie sie es glaubten zu sein. Falls dies der Fall wäre, sollten Juden und Araber gemeinsam zu den gemeinsamen Wurzeln zurückfinden und zusammen eine eigene hebräische Kultur aufbauen. Mit der gleichen Annahme war auch die Adaption arabischer Lebensweisen und des arabischen Kleidungsstils verbunden, um den von der Diaspora und der westlichen Kultur entfremdeten Juden wieder zu seiner Ursprungskultur in der Natur Erez Israels zurück zubinden. Andere Denker wie Jonathan Ratosch (1908-1981) vertraten die Annahme, dass die Araber früher Juden waren, von Muslimen zwangskonvertiert wurden und nun wieder zu ihrer ursprünglichen jüdischen Kultur zurück gebunden werden müssten.

Nach der Staatsgründung 1948
Die spätere Generation der in Palästina lebenden Juden und die Neueinwanderer der zweiten (1904-1914) und dritten Alija (1919-1923) entwickelten ein eher zwiespältiges Verhältnis zu den Arabern, was vor allem mit den beginnenden gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Juden und arabischen Gruppierungen im Zusammenhang steht. Sie, die jungen Einwanderer, schwankten zwischen Idealismus und Verehrung des Orients und der Sorge um eine Ausweitung des Konflikts mit den arabischen Nachbarn. Sie träumten von einer sozialistischen Gesellschaft im Nahen Osten, die von Arabern und Juden gleichermaßen, Schulter an Schulter, erkämpft und errichtet wird.

Diese Ideologie wurde mit dem Unabhängigkeitskrieg 1948 von einem Tag zum nächsten zerstört und von der Realität eingeholt: Der Tod, der Kugelhagel und die Gräueltaten auf beiden Seiten schockierten, entwurzelten die Israelis von ihrer idyllischen Kindheit, von ihrem Traum von Koexistenz mit den Arabern, von einer sozialistischen, besseren Gesellschaft für alle. Stattdessen sahen sich die meisten Israelis nun mit dem rasanten Aufbau des Landes, der Vertreibung und Flucht der arabischen Palästinenser und den weiteren Einwanderungswellen konfrontiert. Die alte Welt vor der Staatsgründung zerbrach vor ihren Augen, während sich eine neue, bürgerliche und staatliche Gesellschaft bildete.

In dieser nun neu entstandenen Gesellschaft legte sich mit den Jahren die Ernüchterung über das Geschaffene, über die Kriege gegen die Araber, über die erneuten Beziehungen zu Nachkriegsdeutschland und den neuen Einwanderern. Der Eichmann-Prozess 1961, die Formierung einer palästinensischen Nationalbewegung unter dem Dach der PLO 1964, der Sechstagekrieg 1967 und der Jom-Kippur-Krieg 1973 waren weitere Wendepunkte in Israel und in ihrer Nachbarschaft. Nun begannen die Israelis sich nicht nur für die eigenen „Anderen“, die arabischen Juden, die deutschen Juden (Jeckes), das orthodoxe Judentum und die israelische Frau zu beschäftigen, sondern auch mit den Palästinensern. Die zwei Intifadas und der erste Libanonkrieg werden diesen Prozess verstärkt haben.

Seit 2002 gibt es sogar einen arabischen Schriftsteller, der aus der Sicht eines arabischen Israelis Bücher schreibt und satirische Kolumnen in der israelischen Tageszeitung „Haaretz“ und „Ha'Ihr“ veröffentlicht: Sayed Kashua, der 1975 in Tira geboren wurde und 1990 an einer israelischen Schule in Jerusalem aufgenommen und dort an der Hebräischen Universität auch sein Studium der Soziologie und Philosophie abschloss, gilt neben Edgar Keret zu den heutigen berühmtesten israelischen Neuentdeckungen in der Literaturszene. 2002 erschien sein erster Roman „Aravim Rokedim/ Tanzende Araber“ und 2005 sein Zweiter „Wajehi Boker/ Da ward es Morgen“ -beide wohlgemerkt auf Hebräisch.

In „Tanzende Araber“ beschreibt Kashua die Integrationsprobleme der arabischen Israelis in ihrer jüdisch-israelischen Umgebung, die theoretische Gleichstellung und die praktische Andersbehandlung, die Kontrollen im Bus oder an einem Checkpoint in Israel, die einerseits bindende Identifikation als Araber und zum Anderen seine eigene Identität unter Israelis zu verstecken. Im gleichen Stil ist auch eine sehr erfolgreiche israelische „Sitcom“ aufgebaut, die von Sayed Kashua mit ins Leben gerufen wurde und seit Mai 2008, seit den 60-jährigen Unabhängigkeitsfeierlichkeiten an prominenter Stelle im israelischen Fernsehen zu sehen ist: „Avoda Aravit/ arabische Arbeit“ ist ein weiterer Schritt auf unterhaltsame Weise den „Anderen“ in der israelischen Gesellschaft zu behandeln und die Zuschauer für ihm zu sensibilisieren, seine Probleme kennen zu lernen und vielleicht selbst im Alltag diesen „Anderen“, den Araber, mit mehr Respekt und Verständnis zu begegnen.

Quellen:

  • Ben Ezer, Ehud 2005. Die Figur des Arabers in der hebräischen Literatur, in Feinberg, Anat (Hg.): Moderne hebräische Literatur: [ein Handbuch]. München: Ed. Text + Kritik, 96–120.

  • Kershner, I. TV comedy depicts world of the Arab Israeli - International Herald Tribune. URL: http://www.iht.com/articles/2008/01/07/africa/journal.php?page=1 [Stand 2009-02-01].