2008-11-11

Open Democracy = Democracy 2.0 - Und Obama macht es vor.



Das Web 2.0 ist schon seit Jahren in aller Munde. Nun hat es scheinbar auch die Politik erreicht, die die Potentiale des fortschreitenden Internets erfolgreich für ihre eigenen Zwecke und Wahlkämpfe benutzen. Beispiel hierfür ist die Präsidentschaftswahl in den USA, in der der demokratische Kandidat Barack Obama durch Aktivitäten in sozialen Netzwerken und mit Hilfe von webbasierten Applikationen eine Rekordwahlbeteiligung bei den vor allem jungen Wählern erreichen konnte und so schließlich zum erwünschten Wahlsieg führten.

Howard Stern, berühmt berüchtigter Radiomoderator der Howard-Stern-Show und 2005 mit 237 Millionen Euro auf Platz zwei der weltweit bestverdienensten Prominenten, hält allerdings nichts von dieser Interneteuphorie. Wie er in einem vor kurzen erschienenen Radiobeitragdeutlich machte, seien soziale Netzwerke und Blogs nur Zeitverschwändung. Menschen über 15 Jahren sollten diese nicht mehr benutzen. “people put everything on a blog like people give a fu**”, so Stern weiter und fordert Internetnutzer auf, lieber einem Beruf nach zugehen.

Menschen müssen Bewusstsein für das Internet entwickeln



Al Gore, früherer Vizepräsident unter Bill Clinton, Unternehmer und Umweltschützer, steht mit seiner Vision einer “World 2.0″ genau entgegen Sterns Aussagen. Auf der Web 2.0 Summit letzte Woche in San Francisco sprach er über die Wichtigkeit und das Potential des Internets, welches allerdings von vielen Menschen heute noch nicht effizient ausgenutzt werden würde. Vor mehr als hundert Jahren hätte die Erfindung der Elektrizität einen “Wow”-Effekt bei den breiten Bevölkerungsmassen ausgelöst. Heute gehört Strom schon zum Alltag vieler Menschen selbstverständlich dazu und würde nur noch wenig Beachtung im Alltag finden.

Gore sieht diesen “Wow”-Effekt auch im Internet und geht wiederum auf sein Beispiel von der Erfindung des Elektromotors, dem Dynamo, ein. Zu jener Zeit wollte jedes Unternehmen den Dynamo als alternative Energiequlle zur Wasserkraft einsetzen, um mit dieser neuen Technologie eine höhere Produktivität für die eigene Firma zu erzielen. Rückwirkende Analysen zeigten allerdings auf, dass die Firmengebäude selbst für diese neue Technologie nicht geeignet waren und deshalb der erhoffte Produktionsanstieg ausfiel. Firmenneu- und umbauten führten schließlich im Nachhinein zu einer höheren Produktivität.

Ähnlich müsste sich auch die Welt neu strukturieren

Im nächsten Schritt geht Gore auf die Entwicklung des Informationszeitalters ein, das sich von einem Wissens- und Bildungsmonopol zu dem heutigen dezentralen Informationsnetz entwickelt habe. Auslöser dieser Dezentralisierung war die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg, der das Informationsmonopol des Klerus und der Monarchen einschnitt und nun jedem erlaubte sein Wissen unabhängig zu beziehen und zu verbreiten. Menschen begannen daraufhin das Wissen als Quelle von Macht und Einfluss zu verstehen und zu benutzen. Die Schaffung dieses neuen Informationsökosystem ermöglichte es jedem ein eigenes Souverän durch das Gesetz der Logik zu bekommen.

Gore betont des Weiteren, dass die Auffassung und Fähigkeit zu verbinden, Informationen zu kompensieren und unabhängige Entscheidungen zu treffen tief in der amerikanischen Verfassung verankert wäre. Der Leitsatz “alle Menschen seien gleich” hätte historisch zur Stärkung des Individuums und dessen Recht auf gleichen Zugang auf das Wissen als Quelle der Macht beigetragen. Das Internet heute sei nichts anderes, da es als eine dezentrale Wissensquelle für Jedermann offen steht.

Web 2.0 muss einen Zweck erfüllen

Gore fordert am Schluss seines Vortrags eine höhere Sensibilität und ein neues Bewusstsein der Menschen für das Potential dieser Wissensquelle. Als Beispiel nennt er ein Ereignis aus seinem eigenen Leben: Als seine Kinder einen neuen Welpen bekamen, kam ein Hundetrainer zu Besuch und fragte nach dem Zweck des Welpen: Soll er ein reiner Wachhund, ein Hund, der täglich morgens die Zeitung ins Haus bringt, oder soll er ein Hund zum Spielen für die Kinder sein?

Im gleichen Masse wie ein Hund einen Zweck erfüllen muss, soll auch das Web 2.0 Gore zu Folge einen Zweck erfüllen. Wenn die Menschen ein höheres Bewusstsein für das Internet entwickeln und dessen Potentiale ausnutzen, einen neuen Rahmen für diese neue Technologie legen würden, dann kann das Internet zu einem großen Erfolg für Jedermann werden - sei es in der Politik, im Umweltschutz oder in anderen Bereichen.

Barack Obamas “Open Democracy”

Inwiefern dieses Potential schon ausgenutzt wird, zeigt meines Erachtens die neue Politikstrategie des designierten US-Präsidenten Barack Obama. Sein Wahlkampf stützte sich größtenteils auf das Internet, mit dessen Hilfe er eigene Inhalte kostengünstig publizieren konnte, seine neue Politik präsentieren und Wähler durch soziale Netzwerke, Gruppen, E-Spenden und Benutzerkonten neu rekrutierten, organisieren und in seinen Wahlkampf mit einschliessen konnte.


Im Rahmen eines Vortrags und einer Gesprächsrunde bei Google beschrieb Obama schon im November 2007 seine Pläne für das Internet und dessen zukünftige Nutzung in seiner Politik. Er forderte in dieser die freie und uneingeschränkte Nutzung des Internets als Informationsquelle. Das Internet müsse auch weiterhin für jeden offen sein, egal wo er lebt und wie viel Geld er hat.

Ein zentraler Punkt seiner Rede ist seine Strategie einer “Open Democracy”. In dieser möchte Obama für jeden Amerikaner den Anschluss ans Breitbandinternet gewährleisten. Er selbst als Regierungschef und Leiter des Staates wird auf der anderen Seite dafür sorgen, dass zukünftig die US-Politik transparent gestaltet wird. Über das Internet sollen so alle Regierungsdokumente online gestellt werden und Foren für verschiedenste Politikbereiche eingerichtet werden. In diesen wird es Bürgern ermöglicht werden Fragen zu stellen und eigene Vorschläge zur Verbesserung der Politik und zu offen stehenden Gesetzesentwürfen einzubringen. Obama garantierte in seiner Rede, dass diese Foren vor jedem Gesetzesbeschluss überprüft werden. Ein eigenes Amt für Technologie soll zudem dafür sorgen, dass jede Regierungsabteilung immer auf dem neusten Stand der technischen Entwicklungen steht.

Barackobama.com und change.gov

Inwiefern das Internet schon heute neue Möglichkeiten des Wahlkampfes und des Regierens eröffnet zeigen Barack Obamas derzeitige Webseiten barackobama.com und change.gov. Im letzten Jahr wurden allein auf Barackobama.com mehr als 370.000 Spenden entgegen genommen. 50 Prozent waren Spenden unter 25 Dollar (ca. 16 Euro). 300.000 Amerikaner haben sich allein zu diesem Zeitpunkt auf Barackobama.com registriert. Tausende haben eigene Wahlkampfteams gebildet und 15.000 Amerikaner haben eigene Ideen für Barack Obamas Politik auf die Webseite gestellt. Zur Zeit nach seiner Wahl zum nächsten Präsidenten hat er 3.068.484 Befürworter auf Facebook weltweit.

Seit letzter Woche ist zudem ein zweites Portal von Barack Obamas Übergangskabinett eröffnet worden: change.gov. Der Blog Polygazette beschreibt in einem seiner letzten Beiträge diese Seite als Fortsetzung der Internetstrategie Obamas: Während barackobama.com bestehen bleibe, um als Plattform für lokale Gruppen zu fungieren, würde change.gov als Plattform für Obamas Vision einer “Open democracy” ausgebaut werden. Schon jetzt biete sie den Zugriff auf einen marginalen Benutzerbereich an, der nach Registrierung zugänglich sei. Rafiniert sei zudem, dass in diesem das Importieren aller Kontakte aus bestehenden Emailkonten möglich sei, um weitere Freunde und Bekannte zu dieser Seite einzuladen.

Diese so geschaffene soziale Komponente, die vielen aus Facebook, Myspace, Flickr und Co. bekannt sein wird, biete laut Polygazette Obama nicht nur eine stabile Basis für weitere soziale Aktivitäten und Interaktionen, sondern auch ein wirksames Werkzeug gegen Schelten und Falschmeldungen aus der Presse, die er über seine eigene Plattform wett machen könne.

Eine interessante Funktion sieht Polygazette auch in einer Digg-ähnlichen Webseite namenswww.whitehouse2.gov. Vom Design ähnelt diese ganz stark der offiziellen Webseite des Weißen Hauses. Der Funktionsumfang beschränkt sich allerdings auf das Abstimmen und Einbringen von Gesetzesvorschlägen und politischen Entscheidungen, die je Stimmenanzahl im Ranking an oberer oder unterster Stelle erscheinen. Obwohl die Webseite regierungsunabhängig ist, könnte das Prinzip von großem Nutzen für Barack Obama werden, da er auf einem Blick die Priorität bürgerlicher Gesetzesvorschläge einsehen und so seine Politik dem Willen der Bürger anpassen kann.

“Open Democracy” nur mit Partizipation der Bürger möglich

So schön Obamas Vision der “Open Democracy” sich anhört: Ohne Bürgerbeteiligung wird er keine offene Demokratie gestalten können. Wie Al Gore in seinem Vortrag auf der Web 2.0 Summit andeutete, muss es einen Wandel in der Bevölkerung geben, um den Fortschritt und die Produktivität des Internets und des Web 2.0 vollständig auszuschöpfen. Sein Wahlkampf hat gezeigt, dass er die Fähigkeit zur Mobilisierung breiter Bevölkerungsmassen hat. Ob ihm dies auch während seiner Präsidentschaft gelingen wird sei abzuwarten. Seine Bereitschaft eine transparente Politik zu gestalten und die Schaffung der technischen Basis dazu sind zumindest ein guter Schritt in die richtige Richtung.




Photo Quelle/Copyright: patrick dentler, cc creative commons, Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr

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