2008-11-08

Antisemitismus - Was ist das überhaupt?


In zwei Beiträgen, Antisemitismusund Bundestagsbeschluss gegen Antisemitismus, kommentiert Karl Nagel die aktuelle Diskussion über einen Antisemitismusbeschluss im deutschen Bundestag. Er beschränkt sich in diesen immer wieder auf drei Begriffsschwerpunkte:

  1. das Judentum und der Zionismus,

  2. die Deutschen und Nazis und

  3. der Holocaust.


Die Juden sind für Nagel keine spezifische Ethnie, die auch historisch nicht kontinuierlich der semitischen Sprachgruppe zuzuordnen seien und somit keine reinen Semiten wären. Ihre Religion, das Judentum, hätte zudem den Absolutheitsanspruch auf eine göttliche Wahrheit, die die Menschheit zwischen Gläubigen und Ungläubigen trennen würde. Die Zionisten, die für Nagel eine Einheit mit den Juden bilden, da sie assimiliert seien und den Staat Israel finanzieren würden, seien schlussfolgernd auch keine Semiten.

Die eigentlichen Semiten sieht Nagel in den Arabern, der Hamas und der Hizbollah, die von den Nazis ausgelassen und von ihnen als “gefällige Semiten” deklariert wurden. Die Nazis und die Deutschen seien somit nur teilweise antisemitisch gewesen, denen es nicht unbedingt um die Juden ging, sondern sie als “Totschlaginstrument” benutzten, um politische Gegner zu beseitigen. Aus Nagels Sicht muss der Holocaust also noch einmal überdacht werden, da es ja so schlimm eigentlich nicht war. Den wahren Antisemitismus sieht er hingegen im Nahen Osten, wo Zionisten und der Staat Israel Verbrechen gegen Araber verüben und ihnen keinen “semitischen Palästinenserstaat” gewähren.

“Und endlich muss auch geklärt werden, wer sind eigentlich die Semiten, sonst weiß doch kein Mensch, wann er antisemitisch wird”, heißt Nagels Aufforderung an die Bundesregierung und an den Leser am Schluss seines zweiten Beitrags. Ohne eine Auffarbeitung des Holocausts und des Begriffs Antisemitismus könne es auch keinen Antisemitismusbeschluss geben. Juden brauchen keinen besonderen Schutz. Vielmehr seien die Araber diejenigen, die vor Nagels Antisemitengeschützt werden müssten.

Meiner Ansicht nach spricht Karl Nagel eine wichtige Problematik an, die bis heute immer wieder ungedeutet und falsch verstanden wird

Was ist Antisemitismus? Dies ist eine berechtigte Frage, die sich jeder stellen darf und kann. Wer in einem Lexikon nachschaut wird im Zusammenhang mit dem Begriff selbst immer wieder auf den Namen Wilhelm Marr (1819-1904) stoßen. Marr war Ideengeber für den Antisemitismus der damaligen Zeit, war Vorbild für Hitlers späteren Rassenwahn und scheint bis heute seine Anhänger zu haben. In seinem Standartwerk “Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum. Vom nicht confessionellen Standpunkt aus betrachtet” von 1879 beschreibt er detailiert, was Antisemitismus bedeute und wie vor allem das Judentum die “germanische Race” bedrohen und feudalisieren würde. In seiner fast 50 seitigen Schrift geht er hauptsächlich auf die Entwicklung des Judentums ein, die historisch in Israel/ Palästina angesiedelt seien, durch die Babylonier von ihrer Heimat losgerissen wurden, dann wieder zu Teilen nach Palästina zurückkehrten, dort allerdings später von den Römern durch Zwang in das Abendland verschleppt wurden und dort in Marrs Worten “inplantiert” wurden. Der religiöse Judenhass, der seit der Existenz der Juden bestanden hätte, hätte sich so nun auch in Europa verbreitet, wie der christliche Antisemitismus, die Christusmordanklagen und die Ritualmordvorwürfe des Mittelalters bezeugen würden.

Der einzige Ausweg der Juden aus ihrer Bedrängnis und aus der Gefahr von außen wäre der Kampf von innen gewesen - ohne Axt und Schwert. “Arbeitsscheu” und gesetzlich mit den Nichtjuden verfeindet erkämpften sie sich nach Marrs Schrift in hohe Positionen des Finanzwesens, denn “lieber als ihre Emanzipation” war ihnen das “Geldverdienen”. An dieser Tatsache hätte sich bis heute nichts geändert. Für Marr steht fest: Das Judentum hätte ein jüdisches Feudalsystem in Deutschland aufgebaut, eine “sozialpolitische Diktatur Deutschlands”, durch die die Juden zur Weltmacht gelangen wollen:
Halt! lieber Leser, knirsche nicht vor Zorn. Du hast kein Recht dazu. Die Fremdherrschaft ist uns aufgedrungen. 1800 Jahre hat der Kampf gegen die jüdische Herrschaft, die ihren biblischen Traditionen factisch nie untreu geworden ist, gedauert. Unsägliche äusser Leiden hat das semitische Volk ertragen. Du hast es roh gemisshandelt, selten aber geistig gekämpft. Aus schwachen Anfängen ist es dr über den Kopf gewachsen, hat die ganze Gesellschaft in ihren Anschauungen corrumpirt, hat jeden Idealismus aus der Gesellschaft hinausgedrängt, hat in Handel und Wandel die massgebendste Stllung, dringt immer mehr in die Staatsämter ein, regiert hat die Theater, bildet eine socialpolitische phalanx und hat dir fast Nichts mehr übrig gelassen als die rauhe Handarbeit, die es von jeher gescheut hat; hat das Talent zum prassenden Virtuosenthum, hat die Kupplerin Reclame zur Göttin der öffetlichen Meinung gemacht und - beherrscht Dich heute. [Aus: Wilhelm Marr: o.o.A., S. 30-31.]

Obwohl es den Begriff Antisemitismus schon seit den 70er Jahren gab, können schon hier Tendenzen entdeckt werden, die nicht mehr einen religiösen Judenhass verdeutlichen werden, sondern, wie Marrs Buchtitel schon verrät, einen Rassischen. Dieser als Antisemitismus, also als Gegenbewegung zum Geldjudentum und der jüdischen Weltherrschaft, bezeichnete Judenhass wurde ausschlaggebend für die kommenten Jahrzehnte in Deutschland und Europa, wo schon 1881 nach dem Attentat auf Zar Alexander II. antijüdische Pogrome in Russland ausbrachen und die erste große jüdische Massenauswanderung aus Europa sich vollzog - zum einen nach Amerika und zum anderen in das osmanische Palästina.

1903 bis 1905 fanden weitere Pogrome in Osteuropa statt, die weitere russische und rumänische Juden nach Palästina führten, die nun dort die ersten zionistischen Siedlungen und Städte gründeten: die Kwuzot (ab 1919 Kibbuzim) und Tel Aviv.

Schließlich führte dieser Antisemitismus zu den schrecklichen Ereignissen von 1939-1945, dem Holocaust.

Europaweit kamen in diesem Völkermord sechs Millionen Juden ums Leben. Beteiligt waren nicht nur deutsche und österreichische Nazis, sondern wie in Osteuropa teilweise die Mehrheit der Bevölkerung, die mit jüdische Häuser blünderte, Juden erschoss oder verbrannte, den Großteil der Wächter in den Konzentrationslagern stellte und wie Besessen dem Rassenhass Hitlers nacheiferten und übertrumpfen wollten.

Wenn Karl Nagel in seinem Beitrag die Juden als nichtsemitisch deklariert, allerdings die Araber als Semiten, um dadurch den Begriff Antisemitismus zu erklären und zudem zu einem Umdenken über den Holocaust aufruft, so scheint er die Brisanz und die geschichtlichen Motive nicht ganz verstanden zu haben. Oft wird aus religiöser Sicht der Araber oder Muslim als Sohn Schems, dem Sohn des biblischen Noahs, bezeichnet, der mit Abrahams Magd Hagar das Volk Israel verlassen hatte, um sich in der umliegenden biblischen Völkergemeinschaft einen eigenen Platz zu suchen.

Doch diese Argumentation übersieht die bewusste Ausklammerung der Religion aus dem rassischen Antisemitismus der 1880er Jahre, der die Juden als Stamm und Rasse mit eigenem Blut ansieht, und nicht mehr hauptsächlich als Religionsgemeinschaft. Wilhelm Marrs antisemitische Leitschrift und deren Folgen verdeutlichen zu gut, gegen wen die damalige Gesellschaft sich richtete, wer zum Sündenbock eigener national-rassistischer Ideen wurde und wer später durch Hitler zum Tod verurteilt wurde. Es waren nicht die Araber und auch nicht die Zionisten, die gegen eine Assimilierung in Europa waren und deswegen in Palästina sich ihre eigene nationale Heimstätte errichteten, sondern die assimilierten Juden in Europa selbst, die nach Gleichberechtigung und gleichen Bürgerrechten sich sehnten, um dem Judenhass in ihrer Geschichte zu entkommen.

Antisemitismus ist also nicht die Verfolgung und Diskriminierung der Araber, sondern der rassistische Judenhass seit den 1880er Jahren, der bis heute den besonderen Schutz unserer jüdischen Mitbürger und der Juden auf der ganzen Welt benötigt - auch in Israel.

QUELLEN



Photo Quelle/Copyright: ILoveMyPiccolo, cc creative commons, Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr