2008-08-19

Von Schreibtischtätern und anderen Gefahren des Bloggens

CLTblog.com[CC] photo credit: James Willamor

“Es ist nicht immer das drin, was drauf steht”, so oder so ähnlich könnte die Arbeit mit Onlinetexten und -quellen zusammengefasst werden. Seit dem “Boom” des Webzeitalters in den 90ern entwickelten sich immer mehr Formen individueller Ausdrucksmöglichkeiten, die heute aus dem Web nicht mehr wegzudenken sind: Hierzu gehören persönliche und geschäftliche Webseiten und Webblogs, sowie Bürgerjournalismusplattformen. In den letzten Jahren haben sich vor allem Blogs und Mikroblogs wie Twitter einen großen Ansturm an Usern verzeichnen können. Mit dem Aufkommen sozialer Netzwerke, wie Facebook oder Myspace, kommen weitere Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten zum Markt Web 2.0 hinzu.

Auch die klassischen Medien bedienen sich immer mehr der neuen Internettechnologie. Die BBC zum Beispiel bildet schon seit 2006 Blogger aus, um diese in das eigene Unternehmen einzugliedern. Andererseits erlauben die Neuen Medien selbst dem unerfahrenen Laien sich als so genannter Bürgerjournalist zu betätigen. Eigens erstellte Onlinezeitungen, sei es innerhalb eines Medienunternehmens oder außerhalb derer, stellen dabei die für den Nutzer kostenlose Infrastruktur bereit, während der Bürger selbst ganz bequem vom Schreibtisch oder von unterwegs aus seine Beiträge, Berichte, Reportagen oder Video- und Fotomaterialien ins Netz stellen kann.

Blogs und Bürgerjournalismusplattformen bieten interessierten Lesern und Zuschauern auch neue Möglichkeiten an sich außerhalb der klassischen Medien kostenlos und vielseitig über Themen zu informieren und dies – wenn auch nicht immer objektiv - in einer zumeist authentischen Form. Genau hier scheint aber auch die Kritik vor allem aus der Richtung der klassischen Medien anzusetzen: Für sie scheint der Bürgerjournalismus nicht objektiv genug zu arbeiten, er sei Sammelbecken für Schreibtischtäter und Hobbyjournalisten und würde dadurch die wichtigsten journalistischen Eigenschaften vernachlässigen: fundierte Recherche, Objektivität und direkter Kontakt zu Menschen und zu Orten des Tagesgeschehens. Wie ernst, seriös und kritisch sind Beiträge von Bloggern und Bürgerjournalisten wirklich?
Umgang mit Quellen im digitalen Zeitalter

Es ist nicht zu verkennen, dass das digitale Zeitalter viele Prozesse der Informationsbeschaffung vereinfacht hat. Nur einen Mausklick entfernt eröffnen sich für den User ganz neue Welten, Eindrücke und Wissenspools. Allerdings fordert die Informationsflut Bürger und Journalisten auf gleiche Weise auf mit den gesammelten Informationen gewissenhaft, gründlich und vor allem kritisch umzugehen. Dabei liefert uns das Internet nicht nur eine Vielzahl an Wissenswertem, sondern auch viel Unbrauchbares, nicht zu Letzt aber auch Propaganda und PR. Vor allem bei schwer überprüfbaren Mitteilungen, ob als Text, Bild oder Video, heißt es besonders vorsichtig zu sein. Die kritische und gründliche Hinterfragung von Nachrichten ist trotz der immer weiter anwachsenden Flut an Daten, Zahlen und Wissen unausweichliches Mittel wissenschaftlicher und journalistischer Arbeit.

Trotz des schon angesprochenen Vorteils digitaler Medien kann die massive Informationsflut an Bildern, Texten, Filmen und Sinneseindrücken auch ins Gegenteil geraten: Die gesunde Sensibilität und Kritikfähigkeit des Einzelnen stumpft immer mehr ab und wird zu Gunsten einer kritiklosen Aufnahme von Informationen aufgegeben. Falschmeldungen, Zahlenspielereien und bewusst gestreute Propaganda und PR werden nun weder hinterfragt noch überprüft, sondern zum selbstverständlichen Teil des individuellen Glaubens- und Weltbilds gemacht. Das Überangebot wird so schnell zum Unterangebot, zum Bildungs- und Wissenskiller. Vor allem Fälschungen, PR und Propaganda via Internet scheinen Hauptfaktoren von bewusster Desinformation zu sein, geschweige denn den in den letzten Jahren vermehrt auftauchenden Skandalen in der Presselandschaft. Vor allem historische Artefakte und Überbleibsel, sowie Kriegsberichte scheinen besonders anfällig für diese Art moderner Geschäfts- und Kriegspolitik zu sein.

Arten von Fälschungen

Die Webseite Zombietime.com hat auf Basis des letzten Libanonkriegs zwischen Israel und der Hisbollah Bildfälschungen untersucht, die während des Krieges in der internationalen Presse ihren unbemerkten Umlauf fanden. Dabei unterscheidet die Webseite vier verschiedene Kategorien von Fälschungen:

  • Digital verfälschte Bilder, die im Nachhinein mit einem Bildbearbeitungsprogramm o.ä. bearbeitet werden.

  • Bilder, die durch bestimmte Gruppierungen gestellt und im Nachhinein als authentisch und spontane Ereignisse präsentiert werden.

  • Bilder, die durch den Photographen selbst gestellt werden, in dem bewegliche Gegenstände und Szenen so ins rechte Licht gerückt werden, dass sie realitätsnah und natürlich wirken.

  • falsche oder missverständliche Bildbeschreibungen, die den Anschein erwecken sollen, dass ein Bild trotz unterschiedlichem Ursprungsort und Ursprungskontext an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit und in einem anderen Kontext entstanden sind.


Besonders skandalös schienen diese Art von Medienfälschungen 2006 bei der Nachrichtenagentur Reuters eingesetzt wurden sein. Dreh- und Angelpunkt des Skandals waren dabei von der Hisbollah selbst geschossene bzw. gestellte Bilder, die Reuters kritiklos und teilweise mit falschen Untertiteln veröffentlichen ließ. Erst aufmerksame Blogger konnten einen auffällig häufig auffallenden Mann als Mitarbeiter des islamistischen Hisbollah entlarven - der so genannter “Greened helmet man”. Aufgenommen wurden die Bilder von dem Reuters-Fotografen Adnan Hajj, der seit Jahren für Reuters arbeitete und von den gleichen Bloggern als Medienfälscher entlarvt wurde. Nachdem der Skandal öffentlich wurde, wurden die inszenierten Bilder und Videos sofort aus dem Sortiment und Onlineangebot der Nachrichtenagentur entfernt.

Gleichermaßen können auch Texte und Zahlen manipulativ eingesetzt werden. Beispielhaft zeigte dies einer der größten Skandale in der deutschen Nachkriegsgeschichte: die vom Stern 1983 veröffentlichten Hitler-Tagebücher. Sensationsgetrieben glaubte man damals dem Informanten, der die Tagebücher einem Sternreporter übergab. Doch schnell, als der Skandal ans Licht kam, musste sich der Stern die Kritik gefallen lassen, trotz ungenügender wissenschaftlicher Quellenuntersuchung, die vom Fälscher Konrad Kujau angefertigten Schriften voreilig der Öffentlichkeit präsentiert und in Teilen schon abgedruckt zu haben. Auch hier fehlte wiederum die gesunde Kritik des Journalisten, in diesem Fall des Stern-Reporters Gerd Heidemann. Es folgte großer Ärger und eine temporäre Auflagenflaute des Magazins.

Jeder ist zu großer Aufmerksamkeit und Kritik aufgerufen

Es ist also festzuhalten, dass das digitale Zeitalter neben Vorteilen auch Gefahren birgt, was mit einem enormen Anstieg digitaler Informationen im Internet zusammen hängt, die nicht zu oft gezielt gestreute Propaganda, PR und Fälschungen darstellen. Mit Hilfe digitaler Technik kann heutzutage mit Leichtigkeit Ereignis und Sachverhalte vorgetäuscht und entstellt und so auch unbewusst Politik betrieben werden. Objektivität wird so immer mehr zu einer Illusion. Es ist also jeder Einzelne gefragt sich kritisch mit Texten, Bildern und anderen medialen Quellen auseinander zu setzen. Dies gilt sowohl für Blogger, als auch für Journalisten, wollen beide Seiten seriös und gründlich arbeiten und berichten.