2008-08-02

Gedanken zur aktuellen Situation in Israel

Bring our boys home!!

Es ist nun schon vier Jahre her als der Terror und seine Folgen in Israel noch hautnah in den Zentren des Landes zu spüren waren. Fast täglich sah man Sicherheitspersonal den Bus nach verdächtigen Gegenständen absuchen, manchmal wurden bei arabisch aussehenden Passagieren sogar die Pässe kontrolliert. Straßensprerren und Bombenfunde prägten den Altag. In diesem Jahr verbrachte ich schon knapp ein halbes Jahr in dem Land, welches fast täglich in den Fokus der internationalen Medien gerückt wird. Heute erinnert an die Zeit von damals nur der Sicherheitscheck an öffentlichen Gebäuden. Der Terror hatte sich seit dem Bau der israelischen Sicherheitsanlage auf das Gebiet um Sderot im Süden des Landes verlagert. Doch die Entwicklung in letzter Zeit könnte Anlass für neue Sorgen sein.

Erinnerungen

An diesen Tag im Februar kann ich mich noch genau entsinnen. In Jerusalem war es sehr heiß. Es herrschten schon fast deutsche Sommertemperaturen. Am Vortag besuchte ich mit ein paar Freunden in der Mittagspause, die gewöhnlich von neun Uhr morgens bis 15 Uhr anhielt, die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem auf dem Herzlberg. Sie lag eine knappe halbe Stunde Fußmarsch entfernt von Ein Kerem, einem früheren arabischen Dorf, welches nun Anziehungspunkt für christliche Pilger ist, welche den Geburtsort Johannes des Täufers besuchen wollen und die Quelle, von der Maria vor dem Besuch bei Elisabeth getrunken haben soll. Für Israelis bedeutet Ein Kerem vor allem Ausflugsziel und Mittelpunkt kulinarischer Freuden am Schabbatwochenende. Für mich war er eine idyllische Arbeitsstätte und Erholungsort zugleich.

Aber kommen wir zurück zu dem Tag, der mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist: Nachdem wir nun wie gewohnt eine Tour durch das damalige Holocaustmuseum gemacht haben und einen Abstecher durch das “Children Memorial” unternahmen, gingen wir zurück zur Bushaltestelle. Dort warteten wir nun wie gewohnt mindestens eine halbe Stunde auf Bus 17, der uns zurück ins Dorf fahren sollte. Aber er kam und kam nicht und wir waren schon nah dran die Geduld zu verlieren. Doch plötzlich tauchte doch noch ein Bus auf, ein Reisebus. Entmutigt sackten unsere Köpfe zu Boden. Eigentlich hatten wir mit dem grünen Bus der Busgesellschaft Egged fest gerechnet, aber es sollte wieder nicht sein. Plötzlich knallt es! Ein Jugendlicher warf aus dem hinteren Busabteil einen Knallkörper direkt neben die Bushaltestelle, nur ein paar Meter entfernt von uns. Wir zuckten zusammen. Was für verrückte Leute müssen das sein, die auf wartende Menschen Knallkörper werfen, in einer Zeit in der jeder kleinste Knall eine Bombenexplosion bedeuten könnte. Es war schon außergewöhnlich ausgerechnet an einer Bushaltestelle so etwas zu erleben.

Ehrlich gesagt ging es mir an dem Tag gar nicht gut. Der Gedanke von einer Bombe mitgerissen zu werden war so merkwürdig, dass es mich noch lange Zeit beschäftigen sollte. Die Arbeit war dazu wieder recht stressig. Im Winter herrschte gewohnt Personalmangel auf Grund von Krankheitsfällen. Hinzu kam die Angst vieler Menschen im Ausland nach Israel zu kommen, um als Volontär freiwillig in einem Projekt zu arbeiten. Viele Israelis haben dazu kein großes Interesse in kirchlichen Sozialeinrichtungen zu arbeiten. Zu groß ist die Angst oder Scheu auf Palästinenser zu treffen. Andererseits musste ich auch mitbekommen, wie Israelis gezielt aus der Einrichtung von Arabern hinausgeekelt wurden. Ehrlich gesagt war es ein Fehlverhalten das im Endeffekt zu Lasten der Arbeiterschaft und der Patienten ging. Scheinbar war dies allerdings für die Mitarbeiter egal.

Am Scheideweg zwischen Leben und Tod

Die Nachmittagsschicht ging Gott sei Dank schnell vorüber und die Vorfreude auf unser spontanes “Outing” nach Jerusalem wuchs und wuchs immer mehr. Am Ende sollten es vier Leute sein, die mit dem weißen Ford mit Diplomatenkennzeichen sich auf die Mission in die Jerusalemer Altstadt machten. Zu jener Zeit veranstalteten die christlichen Gemeinden der Stadt eine ökumenische Woche. An jedem Tag sollten Christen verschiedenster Glaubensrichtungen eine andere Gemeinde besuchen und zusammen mit ihnen Gottesdienst feiern. So normal dies für uns Europäer schon sein mag muss dies im Heiligen Land nicht unbedingt auch der Fall sein. Ganz im Gegenteil geht es mächtig zur Sache, wenn zum Beispiel in der Osterwoche der griechisch-orthodoxe Patriarch mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen ganz zufällig in der Grabeskirche zusammen trifft. Schon oft flogen dann zwischen beiden Parteien die Fetzen und die israelische Armee musste Beide wieder auseinander bringen. Wenn alle Glaubensgemeinschaften zusammen beten, so ist dies in Jerusalem schon etwas ganz besonderes.

Wir machten uns also auf den Weg in die Stadt, um in der Armenischen Kirche im armenischen Viertel einen ökumenischen Gottesdienst zu feiern. Durch unsere Schicht waren wir allerdings schon mächtig in Zeitverzug. Sie können sich vielleicht vorstellen, wie schnell wir mit dem Ford gedüst sind, um noch rechtzeitig eine ca. 30 minütige Strecken in kürzester Zeit zu absolvieren. Aber bei dem chaotischen Verkehr in Jerusalem vielen wir meine ich gar nicht so groß auf. “Stopp, Stopp” rief auf einmal ein Soldat auf der Straße kurz vor unserem Ziel. “You can’t continue here. Please turn around and take another road”. “Was soll das!”, schrieen wir verbittert und stritten uns nun, wie wir so schnell wie möglich doch noch die Altstadt erreichen können. Wir entschieden uns den Bus trotz Verbots an der Seite abzustellen und zu Fuß die Straße weiter Richtung Jaffator zu gehen. Noch ahnten wir nicht, was auf uns zukam.

Wir gingen also die Straße entlang und bemerkten schon, dass irgendetwas nicht stimmen konnte. Ein Aufgebot der Armee und ein Sprengstoffkommando der Polizei wirbelten an einer Bushaltestelle herum, Kabel wurden ausgerollt und ein Roboter justiert. Ein Soldat mit seinem Gewehr versperrte den Weg. Schaulustige waren vor ihm versammelt, um das Treiben anzuschauen. Spontan kletterten wir auf die nahe gelegene Mauer, um der Absperrung auszuweichen. Wie in Trance wollten wir uns an dem Polizisten vorbeischleichen. Doch Passanten bemerkten uns schon und schrien uns entsetzt an: “Are you crazy? Go away from here!!!”. Bis dahin war uns die Gefahr dieser Situation noch nicht bewusst. Unser Leichtsinn hätte uns bei der Sprengung der Bombe leicht unser Leben kosten können. Doch wir hörten auf den Rat der Passanten und der Polizei und mussten nun mit gemischten Gefühlen um den Sicherheitsbereich herumlaufen.

Dejavu am nächsten Morgen?

Nach einer recht unruhigen Nacht, begannen wir um 6:30 Uhr wieder mit der Arbeit. Die Schrecken des letzten Tages, der Knallkörper und die Bombe, waren noch ganz frisch in meinem Gedächtnis, als kurz nach halb neun im Fernsehen die nächste Horrornachricht kam: Ein palästinensischer Selbstmordattentäter hat in Jerusalem auf die Buslinie 14 einen Terroranschlag verübt und acht Passanten in den Tot gerissen. Solche Nachrichten waren damals noch Gang und Gebe. Zwei Monate zuvor gab es schon einmal einen Anschlag. Mein Kopf drehte sich nur noch. Mir war schwindelig. Hinzu kamen nun plötzlich weinende Lehrerinnen, die versuchten die Kinder in die Schule zu bringen. Ich verstand in dem Moment gar nichts mehr. Es war wie in einem Albtraum. Draußen im Außenbereich hatten sich zudem Lehrer zu einem Stuhlkreis versammelt, saßen stumm da und rauchten ihre Zigaretten wie am Schlot, Eine nach der Anderen.

“What happened? Why is everyone crying?”, fragte ich nun schließlich eine bekannte Lehrerin. “Something very bad happened. The sister of one of the teachers was in the bus when the suicide bomber was blowing up himself. Now she is in hospital at the emergency room. She is badly burned.” Danach musste sie leider weiter. Aber ich sah in ihrem Gesicht, dass sie noch gerne weiter reden wollte. Gespräche tun sicher gut in solchen Situationen. Diese Nachricht hat mich sehr mitgenommen. Aber nicht nur mir ging es so. Eines meiner Kinder, welches in der Klasse der betreffenden Lehrerin war, hatte etwas von der Situation der Lehrerschwester mitbekommen und weigerte sich seitdem für mehr als zwei Wochen Abends ins Bett zu gehen. Vielmehr schrie er und wurde aggressiv zu anderen Kindern. Ein Terroranschlag wie dieser, so habe ich es seit dem verstanden, ist nicht einfach eine nachrichtenfüllende Spalte in einer Tageszeitung oder eine Minute in den Abendnachrichten. Nein, ein Terroranschlag hat immer etwas mit Menschen zu tun, und gerade um die sollte man sich kümmern und nicht nur um die Politik eines Landes.







Video des Busses 14 und des Anschlagsortes. (Bitte von Minderjährigen fernhalten)

Sinn und Unsinn eines Gefangenenaustausches

Um Menschen, sprich um Geiseln und Gefangene, geht es auch in Gefangenenaustauschen. Diese scheinen in der Region im Nahen Osten große Häufigkeit zu genießen, wahrscheinlich auch deshalb, weil man mit Menschen erfolgreich Politik betreiben kann. In den Augen der Opfer ist es allerdings immer wieder Propaganda, die im Nachhinein den eigenen Sieg und die eigene Stärke glorifizieren soll. Nicht anders war das auch 2004, ein paar Wochen vor dem Anschlag in Jerusalem. Bei einem dramatischen Gefangenenaustausch zwischen der islamistischen Terrororganisation Hisbollah, der Bundesrepublik Deutschland und Israel wurden 400 palästinensische Gefangene und 35 weitere Gefangene aus Syrien, dem Libanon, Marokko und Sudan von der israelischen Regierung freigelassen und an die Hisbollah ausgehändigt. Unter den Gefangenen waren zwei hochrangige Mitglieder der Terrororganisation, die von den Israelis während des ersten Libanonkriegs gefangen genommen wurden, um sie als Schutzpfand für die Befreiung des seit 1986 im Libanon verschollenen israelischen Piloten Ron Arad einzusetzen. Diese waren Mustafa Dirani und Abdel Karim Obeid. Des Weiteren wurde der deutsche Terrorhelfer Stephan Smyrek an die deutschen Unterhändler übergeben.

Die Israelis erwarteten allerdings nur eine magere Gegenleistung: Die Hisbollah übergab ihnen die drei Särge der israelischen Soldaten Sgt. Adi Avitan, Staff Sgt. Benyamin Avraham und Staff Sgt. Omar Sawaid, sowie den umstrittenen israelischen Geschäftsmann Elhanan Tannenbaum. Der Jubel war also groß in Beirut als der damalige deutsche BND-Chef Hanning zusammen mit den freigelassenen Gefangenen die Treppe des Flugzeuges herunterging und herzlichst von Hassan Nasrallah empfangen wurde. Dem Begrüßungskuss lag ein perfider Beigeschmack bei, so empfanden wir die Szene vor dem Fernseher. Ein Deutscher, der für einen unfairen Handel verantwortlich war, wird von einem Verbrecher medienwirksam empfangen. Aber auch die Deutschen wollten damals diesen Handel mit dem Teufel selbst als “Erfolg” verkaufen. Doch wie kann man so einen Handel als gerecht oder erfolgreich deklarieren?

Zu jener Zeit, so ein Bericht des amerikanischen Nachrichtensenders CNN, sollte auch der Topterrorist und Kindermörder Samir Kuntar an die Hisbollah übergeben werden. Damals wurde diese Forderung der Hisbollah allerdings von der israelischen Regierung unter Ariel Sharon vehement abgelehnt. Man wollte die Auslieferung von Gefangenen, die Blut an den Händen hätten, auf keinen Fall zulassen - so die damalige Haltung. Trotzdem ließ man die Option offen für Informationen über den Verbleib des israelischen Soldaten und Piloten Ron Arad die Freilassung Kuntars noch einmal zu überdenken. Tatsächlich schien die Hisbollah dieses Angebot ernst zu nehmen und übergab während des 2004-er Gefangenenaustauschs auch einen Brief Arads, den er vor 1988 in der Gefangenschaft der Hisbollah schrieb. Seitdem gibt es allerdings keine Spur mehr von ihm. Vermutet wird nur, dass die libanesische Terrororganisation Arad als Letztes der iranischen Revolutionsgarde übergab. Auf eine lebendige Rückkehr des israelischen Nationalhelden hoffen allerdings nur noch die wenigsten.







Lebenszeichen von Ron Arad, aufgenommen während seiner Gefangenschaft im Libanon, veröffentlicht im Sommer 2006 im libanesischen Fernsehsender LBC.

Situation heute

Der letzte Gefangenenaustausch vor ein paar Wochen hat mich stark an die Zeit vor vier Jahren zurückerinnert. Bei dem von dem selben deutschen Agenten ausgehandelten Deal zwischen Israel und der Hisbollah wurden nun insgesamt 199 libanesische und palästinensische Tote und fünf libanesische Schützen gegen die zwei Särge der 2006 zu Beginn des Libanonkriegs entführten israelischen Soldaten Ehud Goldwasser und Eldad Regev ausgetauscht. Das Hauptaugenmerk galt aber dem Kindstöter Samir Kuntar, der nun auf Grund der Abmachungen von 2003/2004 ausgehändigt wurde. Im Libanon selbst wurde diese lang erwartete Geste vor allem von Hisbollahtreuen gefeiert. Al-Jazeera sollte dem “Nationalhelden” sogar eine eigene Geburtstagsshow widmen. Daraufhin unterrichtete die israelische Regierung das israelische Büro des Senders, dass Israel bis auf weiteres den Kontakt zu Al-Jazeera abbrechen wird.

Andere Auftritte Kuntars in den Medien scheinen zumindest einen Grund für die harsche israelische Reaktion auf Al-Jazeera zu geben: In vielen Interviews und Reden zeigte Kuntar weder Reue für den Mord an einen israelischen Familienvater und seine vierjährige Tochter, noch ist davon auszugehen, dass der selbsternannte Gotteskrieger sich friedlich zurückziehen wird. Ganz im Gegenteil hat er gleich nach seiner Ankunft in Beirut seine Uniform wieder angezogen, seinen Gönner Hassan Nasrallah in die Arme geschlossen und zum weiteren Kampf gegen den “Erzfeind Israel” sich bereiterklärt. Mehr Hohn und Spott konnte man von einem Schwerverbrecher allerdings nicht erwarten. Tut dies allerdings auch dem israelischen Selbstbewusstsein gut, dem Glauben an Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit?

Schon der Libanonkrieg 2006 hat gezeigt, dass jede Verhandlung mit Terroristen am Ende bitter bezahlt wird. Damals starben insgesamt 44 israelische Zivilisten und 121 israelische Soldaten, während die Hisbollah fast einen Monat lang den Norden Israels mit Raketen beschoss. Heute nach zwei Jahren ist die Hisbollah auf Grund der nichteingehaltenen Waffenabgabe von UN-Resolution 1701 nach Angaben des israelischen Verteidigungsminister Ehud Barack um das dreifache mächtiger geworden und kann nun mit ihren Raketen das ganze Land beschießen. Ein Krieg mit Israel sei von Seiten der Hisbollah auch in den folgenden Monaten nicht auszuschließen: “Der Widerstand ist jetzt größer als zuvor und hält weiterhin die Option eines Krieges aufrecht”, so Sheikh Nabil Kaouk in einem Interview mit der britischen The Telegraph. Ist dies der Erfolg, den uns die Bundesregierung glaubhaft machen wollte? Ganz sicherlich nicht.

Unberuhigend sind allerdings auch die scheinbar potentiellen Terroranschläge mit Baufahrzeugen und Bulldozern, die während der Bauarbeiten an der Jerusalemer Straßenbahn frei zugänglich an der Hauptverkehrsstraße aufgestellt sind. So hatten es im letzten Monat schon zwei israelische Araber versucht mit Bulldozern Menschen auf offener Straße umzubringen – was dem Ersten auch gelang. Der Zweite konnte rechtzeitig noch von einem israelischen Siedler erschossen werden. Schon Anfang März begann ein ungewöhnlicher Terroranschlag auf eine Jeschiwa in Jerusalem den Terrorismus wieder ins Herz des Landes rücken. Damals starben acht Studenten der Talmudschule im Kugelhagel des palästinischen Attentäters.