2008-08-12

Auswanderungsland Israel: Zwischen deutscher Vergangenheitsbewältigung und Neubeginn

Tzipi's Making Aliyah

Es ist schon merkwürdig was für Menschen man in Israel treffen kann. Während meines 13-monatigen Zivildienstes ist mir dieser Satz immer wieder durch den Kopf gegangen. Tatsächlich hatte ich viele gute Begegnungen mit verschiedensten Menschen aus aller Welt, mit ganz konträren und zum Teil verrückten Ideen. Während meines Aufenthaltes traf ich auch Deutsche, die aus ganz verschiedenen Motiven aus Deutschland ausgewandert sind oder auswandern wollen, um in Israel ein neues Leben zu beginnen. Einige Extremfälle hat die britische Journalistin Tanya Gold für die britische Zeitung “The Guardian” in Israel besucht und befragt.

Persönliche Erfahrungen

Für jeden deutschen Volontär in Israel werden in regelmässigen Abständen verschiedenste Workshops und Freizeitmöglichkeiten angeboten. In einer dieser Treffen im Kibbuz Nachscholim lernte ich einen Nürnberger kennen, den ich bis heute nicht vergessen habe. Rein zufällig saßen wir an einem Tisch zusammen mit einer Freundin aus meiner Zivistelle und einer Israelin. Wir kamen recht schnell ins Gespräch, tauschten unsere Lebensgeschichten aus, unsere Motive nach israel zu kommen und was wir von der Nahostpolitik hielten. Das Gespräch entwickelte sich allerdings nicht so, wie man es sich vorstellen könnte. Vielmehr hatten wir eine sehr unangenehme und angespannte Debatte über die Rolle Deutschlands heute und seiner Rolle in der aktuellen Nahostpolitik. Während ich die damaligen Bemühungen des deutschen Außenministers Joschka Fischer sehr lobte, bezeichnete der Nürnberger die deutsche Regierung als “Nazidiktatur”, die aus “Faschisten” bestehen würde. Die Israelin, die anscheinend eine Freundin unseres Tischnachbarn war, legte derweil gleich noch eins drauf: Sie unterstützte die Thesen des Nürnbergers und fügte hinzu, dass ihr Großvater im Holocaust umgekommen sei und sie nie nach Deutschland fahren würde, weil es dort nur Neonazis gäbe. Von Objektivität bei der jungen Dame war hier sicher nicht auszugehen.

Die Aussagen des Nürnbergers konnte ich so allerdings nicht stehen lassen. Mein missionarischer Eifer führte mich dazu ihm ein paar kritische Fragen zu stellen: Zum einen wollte ich wissen, warum Deutschland heute eine “Nazidiktatur” sei und zum anderen, warum er so einseitig und extrem denken würde. Ich merkte schnell, dass ich es mit einer gebrochenen Persönlichkeit zu tun habe. Schon früh hatte er Ärger mit seinen Eltern gehabt und dann darüber hinaus auf Grund seiner extremen Einstellung auch mit dem Staat. Es folgten Obdachlosigkeit und Festnamen. Einziger Fluchtpunkt für ihn schien nun Israel zu sein, welches er anscheinend schon einmal besucht haben musste.

Deutsche Konvertiten in Israel

Über merkwürdige Deutsche und gebrochene Existenzen in Israel kann auch Tanya Gold von der britischen Zeitung “The Guardian” berichten. Für Ihren aktuellen Beitrag “The sins of their fathers: A relative of Hitler is now Jewish and living in Israel. So is the son of a Waffen-SS man.” besuchte Gold deutsche Konvertiten in Jerusalem, traf sich mit ihnen und ging der Frage nach, was Deutsche an dem Land Israel so reizt und was deren Intention es war, ausgerechnet als Deutscher, als Nachfahre eines Naziverbrechers, sich zum Judentum zu bekehren und in Israel eine neue Existenz aufzubauen.

Die erste Person, die Tanya trifft ist Aharon Shear-Yashuv, Sohn eines Nazis und ehemaliger Oberrabbiner der israelischen Streitkräfte. Er lebt ganz unbehelligt im Jüdischen Viertel von Jerusalem als orthodoxer Jude neben all den Haredim mit ihren schwarzen Mänteln, Schillerlocken, Streimel und Gebetsriemen. Freundlich lässt er Tanya in sein Haus und überfällt sie sofort in Hebräisch mit dem Satz: “Ja, mein Vater war in der Waffen-SS”. Er selbst wurde 1940 im Ruhrgebiet geboren. Während des Krieges kämpfte sein Vater an der Ostfront mit anderen Mitgliedern der Waffen-SS. “Was hat Ihr Vater während der Zeit in der Waffen-SS getan?”, fragt Gold. “Ich weiss es nicht. Als ich aufwuchs habe ich versucht ihn zu fragen, aber es kamen nie richtige Antworten”, so der Rabbi in ruhiger Stimmlage. Auf weitere Fragen reagierte Yashuv allerdings ablehnend.

“Es scheint, als ob er überhaupt nicht über seinen Vater reden wollte”, so Tanya Gold im Nachhinein. Vielmehr ging es ihm um seine Beweggründe Jude zu werden und diese schienen schon während seines Theologiestudiums sich klar herauskristallisiert zu haben. So sah er die Menschwerdung Gottes durch die Person Jesus Christus als Paganismus an und bezeichnete so auch das Christentum. “Wenn Gott Mensch werden könne, dann kann auch der Mensch ein Gott werden”, so Yashuv. “Hitler wurde so was wie Gott”. Auf die Frage hin, ob er Jude geworden wäre, auch wenn der Holocaust nicht stattgefunden hätte, antwortet Yeshuv: “Oh ja. (…). Er fährt nun fort mit der Reaktion seines Vaters auf seine Pläne Judaistik zu studieren und nach Israel auszuwandern. Yashuv beschreibt Sei Vater reagierte sehr entrüstet, “es war wie das Ende der Welt für ihn, dass sein Sohn Deutschland verlässt, um ausgerechnet in Amerika in einem Rabbinerseminar Judaistik zu studieren”, so Yashuv. Als er dann nach Israel auswanderte, ignorierten seine Eltern dies und erzählten den Nachbarn, dass ihr Sohn immer noch in Amerika sei.

Das heutige Deutschland betrachtet Yashuv als zum Untergang geweiht: “Menschen dort heiraten nicht mehr und wenn sie heiraten haben sie nur ein Kind. Die Türken und die anderen Ausländer haben allerdings viele Kinder. Es ist nur eine Sache der Zeit, bis Deutschland nicht mehr Deutsch ist”. Kritisch hinterfragt Tanya Gold, warum gerade dies in Deutschland stattfinden soll. “Ich denke, es ist eine Bestrafung für den Holocaust. Deutschland wird die Bühne der Geschichte verlassen. Ich habe keinen Zweifel daran. Jede große Kultur haben die Bühne der Geschichte verlassen: die Römer, die Griechen, die Babylonier. Aber diese kleine Minderheit an Menschen wird es nicht tun”, kichert Yashuv, auf Israel hinweisend.

Die Psychologie des Verdrängens

Dan Bar-On ist Professor der Psychologie an der Ben-Gurion-Universität Ber Shewa und ein Weltexperte im Feld der Psychologie von Täterkindern. Tanya sprach mit ihm kurz nach ihrem Besuch bei Rabbi Yashuv und wollte näheres über das Verhalten von Täterkindern wissen vor allem denen, die nach Israel auswandern. “Die Motive von Konvertiten”, so Bar-On, “ist in die Gemeinschaft der Opfer einzutreten.” Er interviewte Shear-Yashuv für sein Buch “Legacy of Silence”. “Für mich repräsentiert Shear-Yashuv eine Person, die vor ihrer Vergangenheit wegrennt”. Auch die anderen Personen, die Tanya für ihren Bericht interviewte, rannten vor ihrer Vergangenheit weg. Nur einer hat wahrscheinlich auf seine Weise die Vergangenheit seiner Familie aufgearbeitet: Es ist ein unbekannter Judaistikprofessor an einer israelischen Universität, der Sohn von Alois Hitler, dem Halbbruder Adolf Hitlers.

Mehr über seine Geschichte und die Geschichte der anderen Deutschen können Sie auf Englisch im Beitrag von Tanya Gold in der Onlineausgabe des The Guardians nachlesen.