2008-07-16

60 Jahre Israel - (2) - Zionismus und die ersten Einwanderungswellen

Um 1900 blickten viele Juden auf ein ereignisreiches Jahrhundert zurück: Seit 1871 waren diese in fast allen Staaten Westeuropas vor dem Gesetz gleichberechtigt und emanzipiert; und auch in Osteuropa, wo dieser Verlauf nur künstlich verlangsamt wurde und Juden noch weitreichend ausgegrenzt von ihrer übrigen Gesellschaft lebten, sollte dieser Emanzipationsprozess zu einem späteren Zeitpunkt beginnen.

Darüber hinaus versuchten sich Juden im Rahmen der Industrialisierung und des europaweiten Nationalismus neu zu definieren und machten nun auch vor politischen Schritten nicht halt. Auslöser dieser Politisierung innerhalb des Judentums war ein neuerstarkender Antisemitismus, der mit der Damaskus-Affäre von 1840 nun selbst den Nahen Osten erreicht hatte. Der vergessen geglaubte Ritualmordvorwurf des europäischen Mittelalters und die Zwangstaufe eines jüdischen Jungen 1858 in Italien sind nur ein paar Beispiele für die damalige Situation der Juden in Europa, wie auch im Nahen Osten.

Vor diesem Hintergrund bildeten sich bis zur Jahrhundertwende verschiedenste politische Strömungen innerhalb des Judentums. Hierzu gehörten zum einen die jüdische Autonomiebewegung und die Territorialisten, die zwar eine jüdische Heimstätte für die Juden forderten, aber sich auf kein spezifisches Territorium einigten, so wie liberale, auf Integration als Staatsbürger jüdischen Glaubens bedachte neue Organisationen. In Osteuropa entwickelten sich zudem so genannte Hebraisten und Jiddischisten, die sich um die Nationalsprache der sich definierenden jüdischen Nation stritten, sowie die vom Sozialismus geprägte Gruppe “BUND”. Der Zionismus war unter diesen Rahmenbedingungen nur eine von vielen Bewegungen innerhalb des politisierten Judentums.

1.1. Der Zionismus

In Anknüpfung an zahlreiche Rückkehrversuche nach “Palästina” (frühestens seit dem Exil der Juden nach den Tempelzerstörungen 586 v.Chr. und 70 n.Chr.) und verschiedensten weiteren Judenstaatsprojekten im 18. Und 19. Jahrhundert entwickelte sich nun die jüdische Nationalbewegung: der Zionismus. Der Begriff selbst wurde 1890 durch den österreichisch-jüdischen Publizisten Nathan Birnbaum geprägt und suggeriert fälschlicherweise eine einheitliche Fraktion. Diese bis heute in weiten Teilen der Gesellschaft verankerte Annahme ist allerdings nicht korrekt. Vielmehr muss von einer facettenreichen und zum Teil sehr konträren Vielfalt an Zionismen ausgegangen werden. Für uns relevant sind zunächst nur der politische Zionismus, der Kulturzionismus und der sozialistische Zionismus:

1.1.1. Politischer Zionismus

Die wohl bekannteste Strömung im Zionismus ist der vom ungarisch-österreichischen Journalisten Theodor Herzl gegründete und geprägte Politische Zionismus. Geboren wurde der als “Gründervater des Zionismus” bekannt gewordene Herzl 1860 in Pest, dem heutigen Budapest, als Sohn einer assimilierten bürgerlichen Familie. Schon früh beschäftigte er sich mit gesellschaftlichen Themen der Zeit, wie der Frage der Assimilationsmöglichkeit von Juden in die neu entstandenen europäischen Nationen. Als Lösung der weit diskutierten Judenfrage schlug Theodor Herzl die Massentaufe aller jungen Wiener Juden im Stephansdom vor, die diesen schlussendlich die volle Bürgerschaft geben sollte.

Doch der sich weiter erstarkende Antisemitismus der damaligen Zeit veranlasste Herzl später zum Umdenken seines Lösungsvorschlages. Besonders prägend blieb ihm der 1894 begonnene Prozess gegen den französisch-jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus im Gedächtnis, dem er als Korrespondent der Wiener “Neuen Presse” beiwohnte. Dieser antisemitisch geprägte und von “Tod den Juden”-Rufen begleitete Prozess sollte für Herzl Anlass genug gewesen sein in seinem Buch “Der Judenstaat” von 1896 eine neue Lösung für die Juden auf den Tisch zu legen. Er forderte nun entgegen seines früheren Konzeptes die Juden auf sich der Assimilation zu widersetzen und sich nun am Aufbau einer eigenen jüdischen Nation mit eigenem jüdischem Staat zu beteiligen. Die Schaffung eines Judenstaates sollte die damaligen Juden vom Joch des europäischen Antisemitismus befreien. Verwirklicht werden sollte Herzls Plan einzig allein durch politische Verhandlungen mit den damaligen einflussreichsten Persönlichkeiten. Die Vorbereitung des Judenstaats oblag der neugründenden “Society of Jews” und der “Jewish Company”, die mit der Planung und Finanzierung des Projektes beauftragt wurden.

1.1.2. Kulturzionismus

Im Jahr 1889, als Theodor Herzl noch als Kulturschaffender öffentlich bekannt war und sein “Judenstaat” noch sieben Jahre auf sich warten ließ, trat der jüdische Philosoph und Schriftsteller Ascher Ginsberg (1856-1927) mit seiner Schrift “Das ist nicht der Weg” auf die Bühne des politisch-jüdischen Weltgeschehens. Unter dem Pseudonym “Achad Ha-Am” (hebräisch, Einer aus dem Volk) kritisierte er in seinem Aufsatzband das mangelnde Nationalgefühl und die mangelnde Liebe der Juden zu ihrem Vaterland. Genau in diesen Punkten kritisierte Achad Ha-Am die frühe Siedlungspolitik der durch die in den 1880er Jahre gegründeten Bewegung der “Howewei Zion” (hebräisch, die “Zionsliebenden”) geführte Erste Einwanderungswelle, der so genannten “Ersten Alija”, ins heutige Israel. Diese betrachtete er als zwecklos und in ihrer Form als theoretisches Konstrukt ohne Praxis. Als Vertreter des Kulturzionismus sah er den “Judenstaat” eher als zukünftiges ethisches und kulturelles Zentrum für das Judentum an, welches die umliegenden Gemeinden in der Diaspora mit neuem jüdischen Ethos und neuem Nationalgefühl befruchten könnte. Einer vollständigen jüdischen Besiedlung des Landes, so wie es der politische Zionismus propagierte, stand er kritisch gegenüber. Auch im Sprachenstreit vertrat er eher die Positionen der Hebraisten, die statt Deutsch oder Jiddisch Hebräisch als Nationalsprache des späteren jüdischen Volkes vorsahen.

1.1.3. Sozialistischer Zionismus

Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf den Zionismus und den späteren Staat Israel hatte die um die Jahrhundertwende in Russland erblühte Bewegung des sozialistischen Zionismus. Geprägt wurde diese durch ihre Vordenker Nachman Syrkin (1868-1924), Ber Bochorov (1881-1917) und Berl Katznelson (1877-1944). Auf verschiedensten Wegen versuchten sie die soziale Frage der Juden mit der territorialen Frage in Einklang zu stellen. Aus ihren Ideen entwickelten sich die marxistisch geprägte “Poalei Zion”, die auf die Besonderheit der Nation bedachte “Hapoel Hatzair” und die für die Kibbuzbewegung ausschlaggebende “Hashomer Hatzair”. Gemeinsam verband sie der Wunsch nach einer beruflichen Umstrukturierung der Juden von Händlern hin zum Arbeiter und Bauern, die schrittweise Auswanderung der Juden in ihren eigenen Staat und die Abschaffung des Kapitalismus. Der Sozialismus bot für sie die Chance das bestehende Klassensystem abzuschaffen, um so den Juden zur vollkommenen Gleichberechtigung zu verhelfen.

1.2. Einwanderungswellen vor dem Ersten Weltkrieg

Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges war das Gebiet, welches uns als Britisch-Palästina und heutiges Israel, Westbank und Gaza bekannt ist, eine abgelegene Provinz des osmanischen Reiches. Um die Jahrhundertwende war das Land weder übervölkert noch stark genutzt, sondern eher schwach besiedelt. Schätzungen gehen von knapp 400.000 Einwohnern aus, die sich mehrheitlich aus ethnischen Arabern zusammensetzte, die sich damals noch selbst als Syrer verstanden. In den Städten konzentrierten sich vor allem Christen arabischer Herkunft und in Jerusalem, Hebron, Tiberias und Safed eine kleine jüdische Minderheit. Für den hauptsächlich aus orientalischen Juden bestehenden “alten Jischuw” - 1870 waren dies gerade 25.000 Juden – war die Ansiedlung im Heiligen Land ein religiöses Gebot. Der Zionismus war ihnen fremd.

1.2.1. Erste Alija

In dieses Gebiet machten sich nun 1882 und 1884 die “ersten Einwanderer” aus Russland auf den Weg. Grund für ihr Kommen waren die durch das Sprengstoff-Attentat auf Zar Alexander II. ausgelösten antijüdischen Pogrome. Sie bedrohten die damals größte bestehende jüdische Gemeinschaft in ihrer Existenz und löste die Gründung zahlreicher Auswanderungsgesellschaften aus. Eine weitere Auswanderungswelle entstand durch die antijüdische Politik der rumänischen Regierung, die den Juden das Recht auf die rumänische Staatsbürgerschaft verwehrte und mit einer aggressiven antisemitischen Politik eine Massenauswanderung in den Jahren 1881 bis 1910 bewirkte. Der vom Berliner Kongress 1878 ausgehende politische Druck auf die Verursacher und die daraus resultierenden schriftlichen Konditionen konnten schlussendlich an den antijüdischen Repressalien nichts ändern.

Zu einer der bekanntesten Auswanderungsgruppen gehörte eine Bewegung ukrainischer Universitätsstudenten, die BILU , die mit mehr als 3000 Anhängern innerhalb eines halben Jahres Palästina besiedeln wollten. Doch der Wunschtraum der recht jungen Bewegung sollte nicht ganz in Erfüllung gehen: Gerade mal 16 Anhänger sollten sich im Frühjahr 1882 ohne finanzielle Ressourcen nach Palästina aufmachen. Nach einem Zwischenstopp in Istanbul konnten anschließend allerdings nur 13 Männer und eine Frau das ersehnte Ziel erreichen. 40 bis 50 Bilumim folgten ihnen nach.

Doch das harmonische Vorhaben fand 1884 sein schnelles Ende, als knapp zwei Drittel der ersten Pioniere aus “Palästina” wieder emigrierten. Die Tatsache, dass zu gleicher Zeit mehr als doppelt so viele jüdische Kolonien in Argentinien von Baron Hirsch gebaut wurden und die damaligen zionistischen Organisationen nicht fähig waren sich auf ein funktionierendes und unabhängiges Aufbausystem im “Heiligen Land” zu einigen, zeigt die prekäre und erfolglose Lage der ersten Pioniere und der frühzionistischen Organisationen. Was blieb war eher ein ernüchterndes Resultat, so wie es der Historiker Michael Brenner (*1964) in seinem Buch “Geschichte des Zionismus” nicht besser zusammenfassen könnte:
“[Die] Erste Alija [stellte] eine Auswanderungswelle dar, die weniger die organisatorische oder gar politische Grundlage für die zukünftige Siedlung in Palästina schuf als einen symbolischen Beginn im Aufbau landwirtschaftlicher Kooperationen, im Gebrauch der hebräischen Sprache und vor allem in der Selbstbetrachtung als Teil eines nationalen Aufbruchs.”

1.2.2. Zweite Alija

Der praktische Aufbau des Landes begann erst Jahrzehnte später. 1904, mehr als 20 Jahre nach der Gründung der Chibbat Zion und nach der Ersten Alija, elf Jahre nach Achad Ha’ams programmatischer Schrift “Dies ist nicht der Weg” und zehn Jahre nach Herzls “Judenstaat” vollzog sich nun ein Wandel vom politischen Zionismus hin zum praktischen Zionismus. Unter der Führung David Wolffsohns wurde der erfolglos gesehene Versuch Herzls mit politischen Mitteln einen eigenen Staat für die jüdische Nation zu gewinnen verworfen, um nun mit raschen Ansiedlungen und Landkäufen vor Ort selbst Tatsachen zu schaffen.

Mit dem Scheitern der russischen Revolution 1905 verschwand nun auch unter den Juden Osteuropas die Hoffnung auf ein Ende des antisemitisch agierenden Zarentums, sowie auf die Etablierung einer sozialistischen klassenlosen Gesellschaft. Enttäuscht von dieser Niederlage wanderten zwischen 1904 und 1914 850.000 Ostjuden nach Nordamerika aus. Gerade einmal 80.000 Juden dieser Auswanderungswelle sollten nach “Palästina” reisen, wobei nur 50.000 ihr Ziel erreichten. Trotz dieses mageren Ergebnisses sollte gerade diese Welle neuer Pioniere die zukünftige Entwicklung der jüdischen Nationalbewegung und des späteren Staates Israel personell wie auch ideologisch entscheidend prägen. Unter dieser frühen Führungsschicht befanden sich unter anderem der spätere israelische Ministerpräsident David Ben Gurion (1886-1973) und Levi Eschkol (1895-1969), sowie die Staatspräsidenten Jizchak Ben-Zwi (1884-1963) und Salman Schasar (1889-1974).

Fazit

Die gemeinsamen sozialen, politischen und organisatorischen Aktivitäten dieser zweiten Einwanderungsgeneration waren geprägt vom neuen Pioniergeist einer Bewegung, die versuchte neue Werte zu schaffen oder Alte neu zu definieren: An Stelle des Gettolebens und des religiösen Alltags traten nun Askese, Handarbeit und Landwirtschaft, sowie Selbstverteidigung und Hebräische Kultur. Durch “Eroberung der Arbeit” wollten sie einen neuen klassenlosen Menschen schaffen, der verbunden mit der “Scholle” und der Natur seinen zukünftigen Nationalstaat aufbauen sollte. Nicht nur der so genannte “neue Mensch”, der “Sabre”, war Erzeugnis dieser zweiten Einwanderungswelle, sondern auch der Kibbuz und die spätere Stadt Tel Aviv.