2008-06-16

Zionismus und das Bild der Frau

Im Zuge der Französischen Revolution (1789-1799) wurde neben der Säkularisierung der Gesellschaft, auch das Thema der Freiheit und Gleichheit jedes Bürgers gefordert und eingeführt. Hierzu wurde auch die Gleichstellung von Mann und Frau vor allem in den Salons und Kreisen der Intelektuellen Europas diskutiert. Später sollte dieser Diskurs während desVormärz (1815) auch zum Thema der breiten Öffentlichkeit werden.

In den USA begannen Frauen im Rahmen der Anti-Sklaverei-Bewegung Mitte des 19. Jahrhunderts das Wahlrecht für Frauen und eine Änderung des Ehe- und Besitzrechts einzufordern. Diese Punkte gingen nun auch in die allgemeinen Forderungen, der sich nun bildenden Bewegung der ersten Frauenrechtlerinnen, ein. Sie forderten das Recht auf Erwerbstätigkeit, das Recht auf Bildung, das Recht auf eigene aktive Politik und eine Gesellschaft auf neuer sittlicher Grundlage.

In diesem Rahmen muss auch der Wandel des Familien- und Geschlechterbildes gesehen werden, welches alle Bereiche des Lebens beeinflussen sollte. Dies galt auch für das Judentum und ihre sich herauskristallisierenden politischen Strömungen ab 1840. Hierzu reihte sich auch der Zionismus, als eine von vielen politischen Bewegungen im Zionismus ein.

Von der traditionellen Frauenrolle hin zur “neuen Jüdin”

Für Jahrhunderte waren jüdische Frauen, wie ihre Artgenossen, vom Leben der patriarchalen Gesellschaft so gut wie ausgeschlossen. Im Judentum speziell waren hier vor allem die rabbinischen Rechtssprüche der Halacha für diese von uns gesehene Benachteiligung der jüdischen Frau verantwortlich. So galten Frauen im Judentum als Ernährerin der Familie und Erhalterin der jüdischen Speisegesetze, waren aber von Wissen und Lehre, in Fragen des Gemeinwohls oder auch in der Ausübung jüdischer Kultur ausgeschlossen.

Dies sollte sich mit dem Erstarken des Zionismus ändern. Die Zionisten versuchten durch eine Umdeutung bestehender Werte und Traditionen und Schaffung neuer Lebensinhalte nicht nur eine neue jüdische Nation mit einem eigenen Staat wiederzubeleben, sondern wollten auch einen “neuen Menschen”, einen neuen Juden und eine neue jüdische Familie schaffen. Alte als “krank”, “schwach” oder “unterentwickelt” definierte Zustände sollten überwunden und mit einer neuen, jüdischen, vitalen, kraftvollen und klassenlosen Gesellschaft ersetzt werden. Diese Ideale können auch in anderen Nationalbewegungen und Ideologien beobachtet werden, wie im Sozialismus oder Nationalsozialismus.

Mit dieser neuen Ideologie übernahm der Zionismus nun auch das geänderte Frauen- und Familienbild der europäischen Nationalisten. Die “neue Jüdin” sollte als Erzieherin den Mittelpunkt der neuen jüdischen Familie bilden. Darüber hinaus romantisierten die Zionisten die traditionelle Rolle der jüdischen Frau als Bewacherin jüdischer Traditionen, Hausfrau und Mutter. Hierdurch sollte die “neue Jüdin” nun am poltischen Prozess der Nationenbildung und dem Aufbau des eigenen “Judenstaats” teilnehmen.

Die Ansichten der zionistischen Bewegungen sahen allerdings anders aus

So wie andere Nationalbewegungen war der Zionismus ausschließlich patriarchal ausgelegt. Deren Führer, wie Max Nordau oder Theodor Herzl sahen Emanzipation eher als Rückschritt an und nicht als Fortschritt, so wie es die Emanzipationsbewegung immer wieder propagierte.

Nordau (1849-1923), Schriftsteller, der zionistischen Weltorganisation und Stellvertreter Herzls auf den Zionistenkongressen, lehnte schon von Anfang an die Frauenemanzipation ab. In späteren Jahren sollte er seine Haltung allerdings abmildern und sah Frauenemanzipation nun als wirkungslos an. Eine Frau solle, Nordau zu Folge, vor allem die Härten des männlichen Lebens durch mütterliche und hausfrauliche Dienste lindern helfen, anstatt sich zu emotional an die Familie zu binden.

Dies war auch Theodor Herzls Anliegen: Er wollte die traditionelle Frau, vor allem die der jüdischen Oberschicht und des Bürgertums, im Sinne des Zionismus umkorrigieren, indem er diese direkt im Aufbau des jüdischen Staates einsetzen ließ. Arbeit war für die Zionisten so zu sagen Mittel zur Schaffung eines neuen Menschen. Dies bedeutete vor allem für Herzl den Ausschluss der Frau aus der Politik und die Betonung weiblicher Tugenden und der Rolle der Frau in Haushalt und Familie.

Auch was das Familienbild betraf, so können Gemeinsamkeiten zwischen Herzl und Nordau gesehen werden. Nordau sah vor allem in der Betonung von Liebe und Sexualität in der Ehe eine Erfordernis für das Überleben einer neuen Nation. Die Vernunftehe der damaligen Zeit, die gefühlslos und nur auf materielle Besitzansprüche basierte, führe stattdessen zum Untergang.

Herzl legte den Schwerpunkt vor allem auf den Zeitpunkt der Kindsgeburt, die für ihn früher angesetzt werden sollte, um kräftigen Nachwuchs für einen vitalen Staat zu erzeugen. Als Beispiel hier galten für ihn die “neuen Kulturen”.

Martin Buber und die Frauen

Der jüdische Philosoph Martin Buber war, und dies scheint einigen nicht bewusst zu sein, in seinem Leben auch aktiv am Projekt “Zionismus” beteiligt. Er selbst war Mitglied der 1901 gegründeten “Demokratischen Fraktion” und verstand sich als Anhänger des Kulturzionismus, der im Gegensatz zum politischen Zionismus von Herzl und Nordau die neue jüdische Nation vor allem als Kulturvolk verstand. Für diese “jüdische Nation” sei eine jüdische Heimstätte vor allem als spirituelles Zentrum vorgesehen, von dem aus jüdische Kultur und Wissenschaft in hebräischer Sprache geschaffen werden sollte. Eine Einwanderung aller Juden nach “Palästina” sahen sie aus Rücksicht vor der arabischen Bevölkerung nicht vor.

Buber selbst wendet in seiner Ansprache “Das Zion der jüdischen Frau” von 1901 genau diese Idee auch auf das Frauen- und Familienbild des Judentums an. In seiner historischen Abhandlung versucht er eine Linie zu ziehen zwischen der biblischen Frau, die eine “gleichberechtigte Herrscherin des Hauses”, “Anregerin zu allem Guten und Starken” und “Spenderin des Kampfpreises”, eine Heldin, gewesen sei, und dem neuen zionistischen Modell von Frau und Familie. Er beklagt dabei vor allem die moderne jüdische Frau, die die biblische Familienordnung lockerte und ihre Kultur, ihr Judentum und ihre mütterliche Liebe für die eigene Emanzipation, für eine “geschmacklose Prunksucht” und für die eigene Assimilation, als “christliche Dienstboten” und moderne “Sklaven” ihrer Umgebung ablegten.

Buber sah diese moderne Entwicklung als Gefahr und Untergang des eigenen jüdischen Volkes und schlug deshalb eine wiedererwachte jüdische Familienordnung vor, die sich vor allem am Familienbild des Ghettos orientierte. Er idealisierte deshalb die Frau in ihrer Rolle als Mittelpunkt der jüdischen Familie, im weiteren Sinne auch der jüdischen Nation, die innerhalb der Familie eine eigene jüdische Kultur schaffen und aufrecht erhalten würde. Dies bedeutete zum einen eine neue Hinwendung zum Judentum, ein neues Bewusstsein für die jüdische Familie, in der die jüdische Mutter für ihre Kinder sorgen würde, es jüdisch bilden würde, und zum anderen die Schaffung eines “körperlich gesunden” Menschen, auf dessen “jüdisches Aussehen” die “jüdische Mutter” stolz sein solle.

Gleichberechtigung sah Buber vor allem in der Rolle der Frau als Partner des Mannes: Während der Mann zionistische Ideen entwarf, oblag es der Frau diese Ideen in der Familie lebendig zu machen. So würde diese vor allem dem Mann entlasten und ihn tatkräftig bei seinen Studien und seiner “geistigen Pflege” unterstützten. Die wirkliche jüdische Renaissance im Sinne Bubers konnte also nur mit dem Erwachen der eigenen jüdischen Kultur, dem jüdischen Kulturvolk, realisiert werden, indem die jüdische Frau lernen würde das Judentum wieder zu schätzen, zu fördern und zu verstehen.

Fazit

Die modernen Nationalbewegungen, unter ihnen auch der Zionismus, vermittelten ein starres und patriarchales System, welches zwar eine Emanzipation der Frau propagierte, diese allerdings wiederum nur im traditionellen Rollenbild beschränken wollte. Vor allem die Romantisierung und Idealisierung der Frau als Mutter, Hausfrau und Mittelpunkt der Familie waren zentrale Themen dieser neuen Nationalbewegungen. Sinn und Zweck eines suggerierten Wandels des Frauen- und Geschlechterbildes war vor allem das Ziel Frauen als neue Mitglieder ihrer Nationalbewegungen zu gewinnen. Politischen Einfluss sollten diese allerdings am Anfang nicht bekommen. Dies sollte sich erst später, vor allem mit der so genannten “sexuellen Befreihung” in den 68er Jahren ändern.

Literatur:

• Alison Rose: Die neue Jüdische Familie, Frauen, Geschlecht und Nation im zionistischen Denken, In: Kiersten Heinsohn und Stefanie Schüler-Springorum (Hrsg.): Deutsch-jüdische Geschichte als Geschlechtergeschichte, Studien zum 19. und 20. Jahrhundert, Wallstein Verlag, Göttingen 2006.
• Martin Buber: Das Zion der jüdischen Frau (1920), In: Martin Buber: Die jüdische Bewegung, Gesammelte Aufsätze und Ansprachen. Erste Folge 1900-1914. Berlin 1920.
• Michael Stanislawski:Vom Jugendstil zum "Judenstil". Universalismus und Nationalismus im Werk Ephraim Moses Liliens. In: Brenner, Michael und Weiss, Yfaat (Hrsg.): Zionistische Utopie – israelische Realität. München, 1999 (abgekürzt: Stanislawski), S. 68-101, hier S. 86 f.