2008-06-29

Was ist politisch inkorrekt? (III) - Alles hat seine Grenzen!

[caption id="" align="alignnone" width="500" caption="Sie wollen integriert und akzeptiert werden: Muslime in Europa. Photo: farm1"][/caption]

In einem Interview mit der Zeitschrift “politik&kommunikation” bezeichnet der Journalist und Publizist Henryk M. Broder den Ausdruck “politisch korrekt” als eines der “schwammigsten Begriffe der politischen Terminologie”. Doch trotz der Kritik am Begriff selbst ist die Existenz dieses Phänomens in unserer Gesellschaft nicht abzuweisen. Broder hebt hier vor allem die Selbstzensur und selbst auferlegten Sprachregelungen hervor, die nicht vom Staat selbst, sondern von unten, von den Bürgern aus beschlossen wurden. Die Medien und auch die Politiker würden ihren Beitrag zu dieser Art politischer Korrektheit beitragen.

Als Beispiel dieser inhaltslosen Zensuren nennt Broder unter Anderen die weit verbreitete Verwendung des Begriffes “Bürger mit Migrationshintergrund”. Immer wieder würde dieser in gesellschaftlichen Diskursen auftauchen und für Verwirrung sorgen. Unter anderem geschah dies auch einmal in einem Bericht der ZDF-Nachrichten, in dem über Jugendrandale in Dänemark gesprochen wurde, in denen “Jugendliche mit Migrationshintergrund” Autos anzündeten. Welchen Hintergrund diese Jugendlichen allerdings hatten wurde weder im Beitrag genannt, noch auf Nachfrage Broders vom ZDF mitgeteilt. Vielmehr wurde von Broder vorausgesetzt, dass er diesen Begriff mit Immigranten aus dem arabischen Raum in Verbindung setzen sollte. Zu Recht scheint diese Voreingenommenheit von tiefster Diskriminierung gegenüber Muslimen zeugen. Korrekt kann dies auf keinen Fall sein.

Als Gegenbewegung zur politischen Korrektheit hat sich deshalb die politische Inkorrektheit gebildet, die nicht nur von Intellektuellen und öffentlichen Personen wie Ralph Giordano, Bassam Tibi, Jörg Lau oder Henryk M. Broder mit getragen werden, sondern auch im Internet in Formen von Blogs eine breite Anhängerschaft gefunden haben. Zu den bekanntesten Flaggschiffen gehören zum einen die “Achse des Guten” und der von mir schon ein einige Male erwähnte Blog “politically incorrect“. Letzterer scheint vor allem durch seine radikale Islamkritik eine fast täglich 15.000 Besucher zählende Fangemeinde aufgebaut zu haben. Dass unter diesen auch rechtsradikale Kreise ihr Unwesen treiben habe ich schon in meinem letzten Beitrag erwähnt.

Das Islambild von politically incorrect soll heute Thema dieser Reihe sein.

Dabei soll ein Grundsatzpapier von politically incorrect als Basis für die weitere Erörterung des Islambildes von Deutschlands meist besuchtem Blog dienen. Ganz anders als die zum Teil zu Recht angeprangerten Missstände in unserer Gesellschaft deckt “Das Islam-Prinzip” die uneingeschränkte Naivität und Unseriosität der Blogbetreiber auf, die sich eigentlich als Aufrüttler gegen die Islamisierung der Gesellschaft verstehen wollen, allerdings in den Kernpunkten und im Wissen über den Islamismus große Einbußen verzeichnen. Kann solch eine Lücke noch akzeptabel sein?

Die Furcht des Westens und die Islamische Bedrohung

Schon am Anfang seiner 33-seitigen Abhandlung über den Islam macht der unbekannte Autor seine Sicht auf die Religion der Muslime deutlich: Viele Menschen würden dem Islam kritisch-ablehnend gegenüberstehen und würden ihn mit Misstrauen begegnen. Daran Schuld hätte der Islam selbst. Dieser sei auf Grund seiner universellen Ausrichtung und seiner das ganze Leben umfassenden Rechtslehren für Gesellschaft und Individuum Nachfolger großer Diktaturen des letzten 20. Jahrhunderts. Islam bedeutet für den Autor eine Gesetzesreligion, die totalitär seine Kritiker als Rassisten anprangern würde und aus verschiedensten Gründen eine Bedrohung für unsere Demokratie und Freiheit sei.

Was damit gemeint ist wird an ein paar Beispielen verdeutlicht: Im Islam sei unter anderem die “Heilige Schrift”, der Koran, nicht veränderbar. Auch die Rechtsvorschriften, die penibel das Alltagsleben des Gläubigen regeln seien in diese Regelung eingeschlossen. Reformen des Islams selbst seien deshalb unmöglich. Des Weiteren würde, laut Autor, jeder Muslim in den Islam hineingeboren werden. Ein Austritt aus dem Islam wäre nur unter Todesgefahr möglich. Dieses Prinzip vergleicht er nun mit der Mauer und den Selbstschussanlagen der DDR, die auch mit Gewalt die Bürger des SED-Regimes gezwungen hätten die sozialistische Ideologie durch Zwang anzuerkennen und hinter dem eisernen Vorhang zu bleiben. Der Islam würde als Resultat nun ein negatives Menschenbild fördern, welches im Gegensatz zum christlichen Menschenbild sei.

Dass diese Äußerungen nur so von Eurozentrismus, teilweise christlichem Missionseifer und einer deftigen Prise Naivität zeugen, muss ich hier nicht weiter erklären. Schon alleine der Vergleich einer knapp 1440 Jahre alten Religion mit modernen, politischen und totalitären Systemen zeigt eine ahistorische Art des Autors selbst Informationen und Fakten sachlich zu trennen und zu bearbeiten. Auch die Annahme muslimische Rechtsvorschriften seien für die Muslime schlecht und der Islam sei als einzige Religion universell veranlagt, würde seine Gläubigen vor einem Austritt abhalten, zeugt des Weiteren von einem Unwissen über andere Religionen. So regeln 630 Regeln das Alltagsleben jedes gläubigen Juden. Darüber hinaus werden verschiedenste rabbinische Auslegungen unterschiedlichster Gruppierungen des Judentums befolgt. Regeln sind also nicht nur im Islam ausschlaggebend für das religiöse Leben, sondern auch im Judentum.

Die Frage nach der Definition des Begriffs Islamismus

In einem weiteren Abschnitt wird vom Autor der Versuch aufgestellt die Existenz von Islamisten in Frage zu stellen. Dabei bedient er sich einer ganz einfachen Definition: Islamismus sei rein wörtlich genommen eine fundamentalistische Form des Islams. Seine Anhänger seien die Muslime, die streng nach den Regeln des Islams leben würden. Dass dies in der Praxis allerdings anders aussehe, würden der Alkohol- und Drogengenuss und weitere muslimische Verfehlungen beweisen. An diesem Punkt möchte ich Ihnen allerdings die Wiedergabe der mehr als 20 Seiten umfassenden Koranrezitierungen mit der entsprechenden Liste des unislamischen Lebens der Muslime ersparen.

Grund meiner Unterbrechung ist die umstrittene Islamismusdefinition des Autors, die von Grund auf von der Eigentlichen, durch den Politikwissenschaftler Bassam Tibi geprägten Begriff, abweicht. Dieser beschreibt den Islamismus als politische Ideologie, die den Islam für eigene machtpolitische Interessen missbrauchen würde. Diese Form des neuen Totalitarismus sei auch zeitlich klar absteckbar: Nachdem die blutige Suche nach den “wahren Imam”, dem Nachfolger Mohammeds, während der Kalifatszeit die Muslime auseinander riss, wurde diese ,nach dem Fall des osmanischen Reiches, durch den arabischen Nationalismus abgelöst. In dieser Periode wurde nun der Versuch unternommen, alle Muslime unter einen panarabischen Staat zu vereinigen. Als Garant für Erfolg und Stärke wurden Bildung und technisches Know-how von den Europäern und Amerikanern übernommen.

Mit der Staatsgründung Israels und den herben Verlusten der arabischen Staaten im Sechstagekrieg 1967 kam es zu einer innermuslimischen Krise, die in Teilen der Gesellschaft wieder eine Rückbesinnung zum Islam zur Folge hatte. Die Suche nach einem neuen Imam scheint seit dem wieder neue Relevanz gefunden zu haben. Religion hielt nun auch in weiten Teilen der politischen Landschaft der arabischen Welt wieder neuen Halt. Kleine Gruppen radikaler Muslime, wie die Muslimbrüderschaft in Ägypten, fanden neue Anhängerschaft und streben seitdem nach politischer Macht. Ihre Methoden von Terror und Gewalt sollten seit dem auch die westliche Welt bedrohen. Es ist genau diese kleine Minderheit, die Bassam Tibi als Islamisten bezeichnet. Woher kommt aber die Definition von Islamismus, die “PI” so immer wieder hervorhebt?

Europas Vorurteile gegenüber Immigranten

Eine Antwort könnte der lesenswerte Artikel “The New Pariahs?” von Noah Feldman geben. Der in der New York Times erschienene Beitrag beschreibt die neu erwachte Welle von Vorurteilen gegenüber Immigranten, ihre Ursachen und Folgen. Diese Form des Fremdenhasses sei in vielen Staaten unvermeidbar vorhanden, allerdings würde diese in Europa, dem Kontinent von Judenverfolgungen und dem Holocaust, besonders stark ausgeprägt sein und zumeist auf uralte Klischees zurückgehen. Immigranten würden nun wieder verstärkt für ansteigende Kriminalität, Arbeitslosigkeit verantwortlich gemacht. Ganz beliebt sei aber auch die Hervorhebung fremder Kulturen als primitiv und rückständig, die auf Grund dieser vermeintlichen Assimilationsfeindlichkeit nicht ins europäische Wertesystem hineinpassen würden.

Große Anzeichen dieser Renaissance populistischer uralter Vorurteile sieht Feldman unter anderem in den Schweizer Wahlen. In dieser gewann die schweizerische Volkspartei mit eindeutig rassistischen Wahlkampagnen 29 Prozent der Wählerstimmen. In Belgien kann ein ähnliches Bild wieder erwachtem Rechtspopulismus entdeckt werden. Hier ist es vor allem die “Vlaams Belang”, die öffentlich sich geschickt hinter die Juden stellt, auf der anderen Seite aber gezielt Muslime aus dem Land werfen möchte. Währenddessen sorgt in Holland und europaweit der holländische Politiker Geert Wilders mit Anti-Islam-Kampagnen - weitbekannt wurde sein umstrittener Film “Fitna” - für Schlagzeilen.

Noah Feldman, selbst Jude, sieht in dieser Entwicklung, die vor allem in den hoch aufgeklärten europäischen Gesellschaften stattfindet, einen weiteren Rückfall in die Zeiten vor dem Holocaust. Zwar würden Europäer nun größtenteils Homosexuelle und auch Juden rechtlich tolerieren und akzeptieren, scheinen allerdings bei Immigranten muslimischen Glaubens Ausnahmen machen zu wollen. Feldman erklärt sich diese widersprüchliche Behandlung einzelner Gesellschaftsgruppen mit dem homogenen Gefühl in den europäischen Staaten und deren geringe Erfahrung mit Immigranten. Vor allem stark sichtbare Immigrantengruppen würden hierbei schnell zum Sündenbock der europäischen Mehrheitsgesellschaft gemacht. Dies gilt allerdings nicht nur für Muslime, sondern auch für andere Migranten, wie das antipolnische Ressentiment der Franzosen während der letzten Wahlperioden zeigt. Allerdings, so Feldman, seien Muslime immer noch als größter Störfaktor beim Großteil der Europäer gesehen.

Feldman zeigt aber auch Verständnis für die Sorgen der Europäer, die durch islamistische Terroranschläge in Madrid, London und Amsterdam zu tiefst sensibilisiert wurden. Diese hätten allerdings einen weit geringeren Schaden in Europa hinterlassen, als dies die Anschläge vom 11. September 2001 in Amerika taten. Darüber hinaus wären Europäer im Vergleich zu Amerikanern schon seit Jahrzehnten durch Terroranschläge eigener Gruppierungen, wie die ETA in Spanien, die IRA in Nordirland oder die RAF in Deutschland, viel weiter akklimatisiert, wie es nun die Amerikaner seien, die 2001 zum ersten mal einem derart enormen terroristischen Angriff zum Opfer vielen. Trotz dessen seien antiislamische Vorurteile statistisch in Europa tiefer im politischen Spektrum verankert, als es in den USA der Fall sei.

Politische Inkorrektheit heißt nicht Verteufelung alles Fremden

Die von Noah Feldman beschriebenen Ressentiments vieler Europäer zeigen, wie tief das historisch gewachsener Fremdenhass immer noch in unserer Gesellschaft verankert ist. Auch Bassam Tibi, der Wortschöpfer von “Leitkultur” und “Islamismus” erkannte diese erschreckende gesellschaftliche Situation schon vor vielen Jahren. In seinem 1999 erschienenen Buch “Die neue Weltunordnung” verurteilt er die oft erwähnte Bezeichnung des Islams als intolerante politische Ideologie, die Konfrontation und Bedrohung für Europa sei, wie dies so oft von islamistischen Fundamentalisten und auch von einigen westlichen Beobachtern eifrig behauptet werde. Doch ganz im Gegenteil wäre schon im Koran in Sure 2: al-Baqarah, Vers 256, in der kein Zwang in der Religion gefordert wird, die Toleranz dieser Weltreligion sichtbar, die für den Muslim Tibi eben keine Bedrohung darstellen würde.

Die Worte Tibis stoßen allerdings bei den Betreibern von “politically incorrect”, die den renommierten Politikwissenschaftler immer wieder als Vorzeigeopfer politischer Korrektheit auf ihrem Blog missbrauchen, auf taube Ohren. Auch heute wieder streuten diese in den sensationslüsternen Berichten “Rassismus gegen weisse Kinder” und “Immer wieder Vergewaltigung in Belgien” Fremdenhass und Vorurteile gegen Migranten. Alte Klischees und Stereotypen scheinen vor allem hier für steigernde Besucherzahlen zu sorgen. Doch wie lange können diese Demagogen ihr dreckiges Spiel noch fortsetzen? PIs Methode scheint zwar bei einigen Leuten neue deutschnationale Gefühle zu erwecken oder angebliche Sympathie für Israel und Amerika, doch auf Dauer scheinen die Herremenschen keine pragmatische Lösung für den Islamismus und Terror unserer Zeit anbieten zu können.

Henryk M. Broder scheint in seinem Interview mit politik&kommunikation über die politische Korrektheit unserer Gesellschaft wahrscheinlich auch die Konsorten der politically incorrect gemeint zu haben, als er auch die Grenzen politischer Inkorrektheit betonte. Ganz sicher müsse der Islamismus und Terror, der auch von einer Minderheit der muslimischen Immigranten unterstützt wird, offen angesprochen werden. Doch Fremdenfeindlichkeit und Rassismus habe ganz sicher nichts mit dem Ungehorsam gegen die unausgesprochenen Probleme der Gesellschaft zu tun. Akzeptanz und Toleranz unserer Migranten als Vollmitglieder der europäischer Gesellschaft sei schlussendlich Teil jeder freien und demokratischen Gesellschaft, so Noah Feldman am Ende seines Beitrages.