2008-06-21

Fremde Federn: Die Israel-Metapher in Zeiten historischen Umbruchs | Josef Bordat

[caption id="" align="alignnone" width="505" caption="Bartolomé de Las Casas (* 1484 in Sevilla; † 31. Juli 1566 bei Madrid) war ein Mitglied des Dominikanerordens und als Jurist in den spanischen Kolonien in Amerika tätig. Bekannt wurde er durch seinen Einsatz für die Rechte der Indios und gilt als einer der ersten Sozialrevolutionäre."]Bartolomé de Las Casas (* 1484 in Sevilla; † 31. Juli 1566 bei Madrid) war ein Mitglied des Dominikanerordens und als Jurist in den spanischen Kolonien in Amerika tätig. Bekannt wurde er durch seinen Einsatz für die Rechte der Indios und gilt als einer der ersten Sozialrevolutionäre.[/caption]

Spanier und Niederländer wähnen sich im 16. Jahrhundert als von Gott auserwählte Nachfolger des jüdischen Volkes


Von Josef Bordat*


I. Das neue Israel feiert seinen 60. Geburtstag. Der Staat nimmt in Lage und Konstitution bezug auf das alte Israel, jenes gelobte, aber nicht unbewohnte Land (Mose nennt es das „Land der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Hiwiter und Jebusiter“, Ex 13, 5), in das Gott sein Volk nach Jahren von Knechtschaft und Unterdrückung führte. Die J den erwarte eine neue Heimat, in der „Milch und Honig fließen“ (Ex 13, 5). Es ist die Wiedereroberung eines Paradieses, die Realisierung eines Traums. Damals wie heute. Die religiöse Metaphorik steht heute nicht nur als Gründungsumstand Alt- und Neu Israels im Zentrum der zionistischen Ideologie, sie ist auch ein Hemmnis für den Frieden, der nur durch Teilhabe, Ausgleich und soziale (sprich: territoriale) Gerechtigkeit dauerhaft gesichert werden kann. Dem steht die Vorstellung eines gottgegebenen Landes freilich im Wege. Interessanter Weise spielt Alt-Israel als göttliches Geschenk an ein auserwähltes Volk im 16. Jahrhundert, eine Umbruchphase vom Mittelalter zur Neuzeit, vom Personalstaat zum Territorialstaat, von der Einen Kirche zum Religionspluralismus, eine große Rolle, sowohl im katholischen wie auch im protestantischen Umfeld, was an so unterschiedlichen historischen Ereignissen wie der Conquista Amerikas durch Spanien und dem Unabhängigkeitskrieg der nördlichen Niederlande gegen eben jenes Spanien deutlich wird. Bei den spanischen Eroberern, aber auch in Reihen der holländischen Freiheitskämpfer ist die Bezugnahme auf Israel eine pathetische Allegorie auf die Gnade Gottes für ihr Volk, eine Metapher des Sieges durch göttliche Fügung. Israel hatte Vorbildcharakter.


II. So ist die Rede von Israel ein ganz zentraler Aspekt der Kampagnen des Hofhistorikers Karls V., Juan Ginés de Sepúlveda. Sepúlvedas Grundeinstellung ist getragen von einigen ausgewählten Stellen des Alten Testaments, in denen ein mächtiger Gott das Erwählungsbewusstsein des Volkes Israel durch kompromisslose Unterstützung der Landnahmebemühungen stärkt, indem er „seinem Volk“ bei der Einnahme des „gelobten Landes“ Kanaan nicht nur spirituelle, sondern handfeste militärische Hilfe leistet (so lässt Gott die Armee des Pharao im Roten Meer ertrinken, Ex 14, 26 ff.). Diese Erzählung aus dem Buch Exodus, das den Auszug der Israeliten aus Ägypten beschreibt und den mühevollen, aber mit Gottes Hilfe letztlich erfolgreichen Einzug ins gelobte Land, überträgt Sepúlveda analog auf die spanische Conquista. Das Volk Gottes sind nunmehr die Spanier, das Kanaan der Renaissance-Israeliten befindet sich in Amerika und Milch und Honig, von denen im gelobten Land riesige Mengen vorhanden sein sollen, lassen sich, so meint er, mit ein wenig Phantasie als metaphorische Wendungen für Silber und Gold begreifen. Das Gold, das die Spanier in großen Mengen aus Lateinamerika raubten, wird wiederum zu einer der wichtigsten Metaphern in der Auseinandersetzung um die Legitimität der spanischen Herrschaft in der Neuen Welt. Während die Kolonisten geradezu eine Soteriologie des Goldes entwickelten, kritisiert Bartolomé de Las Casas, Sepúlvedas großer Widersacher, die Gier nach Gold als Grund für die Zerstörung indianischer Kultur und sieht in dem Edelmetall ein „Blendwerk des Teufels“. Im Buch Exodus finden sich aber auch Stellen, in denen der Gott der Israeliten deutlich macht, wie er sich eine solche Landnahme vorstellt, Stellen, die Sepúlveda zur Rechtfertigung von Krieg und Terror gegen die autochtone Bevölkerung zitiert, die er beansprucht, um das brutale Vorgehen der Conquistadores als gottgewollt bzw. sogar -befohlen darzustellen. So heißt es in Exodus 34, 12 und 13: „Du [Mose, J.B.] hüte dich aber, mit den Bewohnern des Landes, in das du kommst, einen Bund zu schließen; sie könnten dir sonst, wenn sie in deiner Mitte leben, zu einer Falle werden. Ihre Altäre sollt ihr niederreißen, ihre Steinmale zer-schlagen, ihre Kultpfähle umhauen.“ Anzumerken ist – neben der Tatsache, dass es grundsätzlich fragwürdig ist, Bibelstellen für konkrete Fälle als Handlungsmaxime zu beanspruchen –, dass diese Einlassung des eifersüchtigen Gottes kurz nach der Verfehlung des Volkes Israel durch die Errichtung und Verehrung des Goldenen Kalbes erfolgt und daher als Mahnung an die untreuen Israeliten verstanden werden muss bzw. als ein göttlicher Auftrag an Mose, für Einheit im Glauben unter den Israeliten zu sorgen. Wie viele andere Apologeten seiner Zeit berücksichtigt Sepúlveda dabei ausschließlich das Alte Testament. Das Liebesgebot Jesu aus dem Neuen Testament wird wohlweißlich übergangen, bezieht es sich doch gerade auf Fremde, nicht dem eigenen Volk Angehörige, die im Lichte der Botschaft Christi zu Nächsten werden. Diesem Ergebnis eigenartiger Exegese selektiv ausgewählter Bibelverse stellt Sepúlveda die aristotelische Theorie der naturgegebenen Ungleichheit der Menschen zur Seite. Offensichtlich ist der intellektuelle Theologe bemüht, das pseudomessianische Sendungsbewusstsein der spanischen Monarchie durch Argumente des Naturrechts zu flankieren. So wird die Conquista nicht nur zum göttlichen Gebot, sondern auch zum natürlichen Gesetz und die Spanier nicht nur zu den Israeliten, sondern auch zu den Griechen der Renaissance. Die Analogie von Spaniern und Griechen wird durch die Aufnahme der aristotelischen Barbaren-Rhetorik im Inferioritätspostulat noch verstärkt. Mit ihr erfolgt eine klare Abgrenzung von den Indios als „Nicht-Spanier“ (βάρβαρος bedeutet „Nicht-Grieche“).


III. Die von Sepúlveda angeführten Beispiele aus der Heilsgeschichte Israels, in denen Gott Menschen bestrafen lässt, die Götzendienst praktizieren, verfangen bei seinem Gegner Las Casas nicht, da er vermutet, dass Gott die Strafe nicht „wegen der Idolatrie allein angeordnet [hat], sondern weil ein anderer neuer Grund vorlag“ („Itaque Deus nequaquam iussit occidi ullos idolatras praeter eos qui incolebant terram promissionis, nisi esset aliqua nova causa, non propter idolatriam.“, Las Casas: Apología, hrsg. v. Losada, A., in: Castañeda Delgado, P. [Hrsg.]: Bartolomé de Las Casas. Obras completas. Bd. 9, Madrid 1988, S. 216). Las Casas überwindet mit seiner engagiert-kämpferischen Verteidigung der Indios Sepúlvedas abendländischen Eurozentrismus eines aristotelisch gewendeten Christentums und sein aus der altisraelitischen Exoduserzählung missbräuchlich aufgebautes Sendungsbewusstsein eines von Gott vorgeblich erwählten spanischen Volkes. Las Casas vergleicht die tyrannische Art der Spanier mit der des Pharaos, der die Israeliten ebenso zu Sklaven gemacht habe wie dies nun mit den Indios geschehe und kontert damit die Rhetorik Sepúlvedas von Spanien als „Renaissance-Israel“. Er schreibt, dass sich in Westindien „buchstabengetreu“ erfülle, was in Ex 5, 14 geschrieben steht: „Die Antreiber des Pharao schlugen die israelischen Listenführer, die sie eingesetzt hatten, und sagten: Warum habt ihr heute nicht wie neulich noch das festgesetzte Soll an Ziegeln erfüllt?“. Las Casas greift auf die Geschichte Alt-Israels fernerhin zurück, um das Mitbestimmungsrecht der autochtonen Bevölkerung hinsichtlich ihrer neuen politischen Führung (das Inka-Imperium wurde zum spanischen Vizekönigreich Peru) zu untermauern. So verweist er darauf, dass selbst die Einsetzung eines Herrschers durch Gott der Bestätigung der zu Beherrschenden bedarf. Dies belegt er exemplarisch unter Hinweis auf zwei der herausragendsten Könige Alt-Israels: Saul und David. Während Saul es trotz seiner göttlichen Erwählung nicht wagte, „die Jurisdiktion und königliche Autorität auszuüben, [...] solange nicht das Volk der Wahl zugestimmt und ihm das Königtum übertragen [...] hatte“ (Las Casas: Deutsche Werkauswahl. Bd. 3.2: Sozialethische und staatsrechtliche Schriften, hrsg. v. Delgado, M. Paderborn 1996, S. 304; unter Hinweis auf 1 Sam 10, 1), wartete der ebenfalls aufgrund göttlichen Befehls zum König gesalbte David darauf, „per Konsens und Zustimmung des Volkes inthronisiert“ zu werden (ebd., gemäß 2 Sam 2, 4: Dann kamen die Männer Judas [nach Hebron] und salbten David dort zum König über das Haus Juda.“). Ohne „Approbation, Bestätigung und Besitzübergabe“ hätten weder Saul noch David „auf legitime und rechtmäßige Weise das Königreich in Besitz nehmen und [..] Königsgewalt ausüben [..] können“ (ebd.).


IV. Wenig später – die Hauptschriften von Sepúlveda und Las Casas stammen aus der Mitte des 16. Jh. – erheben sich die Nordprovinzen der Niederlande unter Wilhelm von Nassau gegen die Spanier und erringen in einem 80jährigen Krieg (1568-1648) die Unabhängigkeit. Ein Gedicht aus der Anfangszeit des Krieges ist heute die Nationalhymne der Niederlande: Het Wilhelmus. Der Text wurde zwischen 1568 und 1572 geschrieben, der Autor ist unbekannt. Der Hymnus ist ein pathetisches Loblied auf die Heldentaten Wilhelms und damit zugleich auf die ersehnte Freiheit von Religion und Staatlichkeit der Niederländer. In der achten und neunten Strophe wird dieser Pathos durch einen Verweis darauf verstärkt, dass einst König David das gleiche Schicksal ereilte wie Wilhelm, den stolzen Führer der freien Niederlande: „Als David musste flüchten / vor Saul dem Tyrann, / so hab’ ich müssen schmachten / wie mancher Edelmann. / Aber Gott hat ihn erhoben, / erlöst aus aller Not, / ein Königreich gegeben, / in Israel sehr groß. // Nach dem Sauren werde ich empfangen / von Gott meinem Herrn das Süße, / danach so tut verlangen / mein fürstliches Gemüt.“ Hier kommt die Hoffnung auf die Konstituierung staatlicher Souveränität in religiöser Freiheit und politischer Unabhängigkeit durch Gottes Hilfe zum Ausdruck. Genährt wird diese Hoffnung durch die Erfüllung göttlicher Verheißung an Alt-Israel, das damit zum Vorbild wird. Wir wissen heute: Die Hoffnung wurde nicht enttäuscht. Die unabhängigen Nordprovinzen bilden i.W. noch heute das Staatsgebiet der Niederlande, während die „spanischen“ Niederlande im Süden heute ein eigener, gleichfalls unabhängiger Staat sind: Belgien.


V. So wichtig die religiös-nationalistische Bezugnahme auf Alt-Israel im 16. Jahrhundert war, so sehr ist für das 21. Jahrhundert zu wünschen, dass sie dem Frieden nicht im Wege steht. Für die Zukunft ist es wichtig, gerade religiöse und historische Bezüge – die von den Palästinensern genauso vorgenommen werden – hintanzustellen, um einer Zwei-Staaten-Lösung mit modernem Staats- und säkularem Gesellschaftsverständnis Platz zu machen.


* Josef Bordat ist Autor zahlreicher Schriften zur Philosophie der Barockscholastik des 16. Jahrhunderts, in denen er deren Aktualität für die Gegenwart herausstellt, u.a.



  • Neue Weltordnung, alter Widerstand. Zur Aktualität des Dominikanerpaters Bartolomé de Las Casas (1484-1566). In: Kuckuck. Notizen zur Alltagskultur. Jg. 20 (2004), Nr. 2, Graz, S. 10-15;

  • Gerechtigkeit und Wohlwollen. Das Völkerrechtskonzept des Bartolomé de Las Casas. Aachen 2006;

  • Gerechter Krieg? Militärische Anti-Terror-Maßnahmen im Spiegel der bellum iustum-Tradition. In: Riou, J. / Petersen, C. (Hg., 2008): Zeichen des Krieges in Literatur, Film und den Medien. Band III (Terror). Kiel, S. 45-67.



Bildquelle: Wikipedia, Public domain, nachträglich hinzugefügt durch Lukas Lehmann.