2008-05-31

Was ist politisch inkorrekt?

Ein Phantom geht herum in Europa: Der Islam. Er durchfrisst unser Gedankengut, zerstört unsere Kultur und Rechtssprechung und bereitet den Untergang des christlichen Abendlandes vor. So oder ähnlich mögen viele denken, die den Blog “politically incorrect“, einer der Top 10 der deutschen Blogcharts, glauben schenken. Mit immer neuen Kuriositäten über die vermeintliche Islamisierung unserer Gesellschaft lockt der Blog mehr als 7221 Besucher pro Tag an.

Was macht aber die Beliebtheit dieses Blogs aus?

Ist es seine eindeutige Haltung zu Amerika und Israel; seine Parteinahme gegen den Islam in Europa, der für die Blogautoren eine Bedrohung darstellt? Ist des eine Abneigung in unserer Mehrheitsgesellschaft gegenüber allem Fremden, zu allem Islamischen? Oder sind es die gerade anlaufenden öffentlichen Vorwürfe gegen den Blog selbst, der als “fremdenfeindlich” und “rassistisch” gebrandmarkt wird?

Der Journalist Henryk M. Broder hat die Vorwürfe gegen den Blog PI in seinem Kommentar auf der “Achse des Guten” auf den Punkt gebracht:
Man kann über PI sehr geteilter Meinung sein, vieles spricht dafür, dass es sich um eine Internet-Sekte handelt, die extrem monothematisch ausgerichtet ist. Aber davon gibt es im Internet die Hülle und die Fülle, vom sog. Palästina-Portal eines westfälischen Frührentners, der es sich vorgenommen hat, den Nahostkonflikt zu lösen, bis zum BILD-Blog, der von Leuten gemacht wird, die ein “kritisches” Alibi brauchen, um täglich BILD mit gutem Gewissen lesen zu können. So etwa funktioniert auch PI, wo der Orientalist H.P. Raddatz sich auch schon mal selbst interviewen durfte, damit die Antworten optimal auf die Fragen abgestimmt wurden.

Trotz der Broderschen Weisheit bleibt ein fader Beigeschmack zurück.

Auslöser der aktuellen Kritikwelle gegen den Spitzenblog der deutschen “political incorrectness” ist nämlich nicht der Inhalt des Blogs selbst, sondern ein kleines Werbebanner der “Jewish Task Force”. Wirft man einen Blick auf diese Seite, so stellt man sofort fest mit welcher politischen Linie hier geworben wird. Mit großen Lettern steht geschrieben: “Jews against Obama”, “Barack Obama Muslim - Kahane - Jews -Israel”.

Schon im Eingangsvideo wird auf Hebräisch jeder Besucher der Seite herzlichst von Ben Pessachbegrüßt und mit politischer Propaganda eingemüllt: Das israelische rechte Lager der Likud und Merez würde nach Angaben des Sprechers eine Politik gegen Israel selbst betreiben. Nur die JTF sei eine wahre Lösung das Problem im Nahen Osten anzupacken. Was dies bedeutet erschließt sich beim Betrachten des Bildes von Rabbi Meir Kahane, welches im Video, wie auch auf dem Blog selbst, immer wieder erscheint.

Meir Kahane war ein amerikanisch-israelischer orthodoxer Rabbi, der die Idee eines Groß-israels und die Vertreibung aller Araber aus dem biblischen Land Israel immer wieder forderte. Um diese Ziele zu verwirklichen gründete er in den USA die Jewish Defence Leage (JDL) und in Israel die Kach-Partei. 1984 bekam seine Partei einen Platz im israelischen Parlament und 1986 wurde Meir Kahane Mitglied der Knesset. 1994 wurde die Kach-Partei als rassistische Partei in Israel verboten und nach dem Massaker Baruch Goldsteins in Hebron gegen Palästinenser wurde Kach als komplett illegal erklärt. Kach und Kahanes Bewegung stehen bis heute auf der Liste der Terrororganisationen der EU und USA. Kahane selbst wurde 1990 in Washington ermordet.

Die JTF möchte Kahanes Politik unter anderem Namen weiterführen. Dies erfolgt nicht nur durch die Stigmatisierung aller Muslime als Faschisten und Terroristen, sondern auch mit einer verstärkten Onlinepräsenz der Organisation im Internet. Mit Videos, Werbebannern und Texten auf ihrer Webseite soll der Leser und Betrachter von der Ideologie Kahanes infiziert werden.

Und genau hier liegt der springende Punkt: Lässt man sich die Ideologie der JTF und ihres terroristischen Stiefvaters durch den Kopf gehen und betrachtet nun die Artikel des Blogs “politically incorrect” so kann man zu Recht fragen, was der Zweck der PI-Blogbetreiber sei, wenn diese an oberster Stelle ihres Blogs Werbung für eine terroristische Ideologie betreiben, die einiges mit ihrer islamkritischen und islamophoben Haltung gemeinsam haben scheint.

Rechtens und politisch korrekt ist dies auf keinen Fall, und hier machen sich die Blogbetreiber selbst ihrem Namen alle Ehre. Doch wie weit sollte politisch inkorrekte Berichterstattung gehen? Eine klare Stellung zu unserem Rechts- und Wertesystem ist nicht verwerflich. Allerdings überschreitet die Sympathie für eine terroristische Ideologie bei weitem den Geschmack alles Verträglichen. In diesen Kontext ist PIs uneingenommene Unterstützung für die USA und Israel nur heuchlerisch zu betrachten und entpuppt sich viel mehr als Deckmantel des eigenen Hasses gegenüber Muslimen und dem Islam.

Schon Geert Wilders scheint hier den Geschmack der Zeit übertroffen zu haben. Die sich seit dem 11. September 2001 steigernde Angst beziehungsweise Vorwürfe gegen den Islam selbst scheinen einen hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft zu genießen. Nur kann eine Debatte für oder gegen den Islam als Religion immer nur ins Leere führen. Weder ist die Mehrheit der Muslime terroristisch und fundamentalistisch, noch dürfen wir den Terror, Faschismus und Fanatismus der islamistischen Minderheit missachten.

Eine eindimensionale Hetze, so wie es die PI meines Erachtens betreibt, hilft weder uns noch den Muslimen in unserer Mitte die Probleme des 21. Jahrhunderts zu lösen. Hier muss ein Umdenken auf beiden Seiten stattfinden, und vor allem Gespräche und Unterstützung gemäßigter Muslime. Israel und das libanesische Gesetz haben das Verbot religiöser Diskriminierung als heilig in ihre Grundrechte und Verfassung tief verankert. Von diesen Beispielen kann Europas Gesellschaft nur lernen - auch praktisch. Vielleicht kann dann auch eine andere Form des politischen Ungehorsams gefunden werden, der nicht nur auf Hetze gegen religiöse und soziale Minderheiten basiert.