2008-05-06

Über Wölfe im Schafspelz

[caption id="" align="alignnone" width="655" caption="Antisemitismus gehörte auch bei den "antifaschistischnen" Genossen aus dem Ostblock zum "guten Ton" dazu"]

Antisemitismus gehörte auch bei den antifaschistiscnen Genossen aus dem Ostblock zum guten Ton dazu[/caption]

Eine Antwort auf Martin Alexander Schichts “Israel – Ein Freund darf kritisiert werden”.

In einer sachlichen und fast schon wissenschaftlichen Abhandlung stellt sich Martin Alexander Schicht krampfhaft die Frage, ob Israel zu kritisieren sei oder nicht. Er fängt an mit der Holocaustdemagogie der Hamas und stellt in seiner Einleitung fest, dass Angela Merkels Rede vor der Knesset und die eindeutige Parteiname der Bundeskanzlerin für Israel im Falle einer Bedrohung, die die Existenz des Judenstaates in Frage stellen würde, keine Kritik an Israels Politik zulassen würde.

Abschließend stellt Schicht fest, dass Kritik an Israel nicht antisemitisch wäre, da ja auch britische Juden und der israelische Historiker Tom Segev Kritik am Judenstaat ausüben würden. In einem späteren Absatz wiederholt er nochmal: “Antisemitismus ist keine Kritik. Die Hamas kritisiert Israel nicht, sie demontiert es. Sie propagiert puren Antisemitismus. Kritik ist etwas anderes. Kritik heißt zum Beispiel, unbequeme Aspekte auf gleicher Augenhöhe zu diskutieren.”

Israelkritik: erlaubt oder nicht erlaubt?

Hans-Christian Ströbele, ehemaliger Verteidiger von RAF-Angehörigen, Mitbegründer der TAZ und heutiger Bundestagsabgeordneter für Bündnis 90/ Die Grünen beschäftigte sich Anfang der 90er Jahre mit der Frage, wie die Beschüsse auf Tel Aviv durch Saddam Husseins Raketen zu bewerten seien. In einem bekannt gewordenen TAZ-Interview vom 20.2.1991 antwortete er: “Die irakischen Raketenangriffe sind die logische, fast zwingende Konsequenz der Politik Israels.”

Was wollte Ströbele mit dieser Passage sagen? Was meinte er, als er den Irak direkt mit den politischen Problemen zwischen Israelis und Palästinenser zusammen brachte, obwohl geographisch beide Gebiete weit auseinander liegen? Ist dies nur allein konstruktive Israelkritik oder eine verschleierte Sympathiebekundung für eine versuchte Zerstörung Israels? Nach seiner missverständlichen Aussage trat Ströbele selbst von seinem damaligen Amt als Sprecher der Bundespartei “Die Grünen” zurück.

Schicht unterscheidet sich in diesem Punkt von Ströbele. Er startet von selbst eine Diskussion über die Legitimität der Israelkritik, die er schon als Aufmacher in seinem Titel benutzt. Sie unterscheidet sich auch stark vom Inhalt meines Kommentars, der sich hauptsächlich auf das Thema Holocaustrelativierung und –leugnung, u.a. durch die Hamas, konzentriert. Ablenkung oder beabsichtigte Abrechnung mit dem “Klassenfeind” und der Broderchen “Achse des Guten”? Die Absicht Schichts ist schleierhaft.

Schwammige Definierungen und Quellenverweise

Trotz dieser mir noch immer etwas fremd vorkommenden Antwort hat Schicht ein beachtliches Sammelsurium von Israels Elite-Extremisten in seinem Kommentar angehäuft. In diesem spart er nicht nur mit Kritik an der Likud, die er als radikale Zionisten betitelt, sondern auch nicht mit Kritik an der Siedlerbewegung und der Kach-Partei eines Irren aus New York, der den Tempelberg in die Luft sprengen wollte, Proteste gegen die israelische Regierung organisierte und sich vor Drohungen gegen Palästinenser und israelische Regierungsbeamte nicht scheute.

1990 wurde dieser ganz besondere Kauz ermordet. Seine Partei gilt seit frühestens 1984 als illegal in Israel und wird zu Recht von der EU und den USA als Terrororganisation aufgelistet, in der gleichen Rangfolge wie die Hamas. Von Popularität zu dieser Partei ist weder bei der Mehrheit der Israelis etwas zu spüren, noch konnte es Schicht in seinem Kommentar statistisch beweisen, dass es andersherum sei.

Die Affinität Schichts israelische Extremisten mit der Regierung in eine Koalition zu setzen bricht auch bei seinen weiteren Fallbeispielen nicht ab. So auch im nächsten Rutsch, des von rechtsextremen Kreisen und von einigen russischen Immigranten unterstützten Avigdor Liberman. Liberman ist eine schillernde Figur, so wie es auch sein Ziehvater Netanjahu ist. Beide trotzen mit traditionell revisionistischen Thesen gegen Araber und für ein Großisrael.

In der Öffentlichkeit wird Liberman oft als Witzfigur hingestellt, mit überdimensionalem Bauch und russischen Akzent. (1) Wie ernst zu nehmen er wirklich ist, ist meines Erachtens eher subjektiv zu bewerten. Sein Rücktritt aus der Regierung Mitte Januar 2008 war allerdings ernst gemeint. Nun ist er nur noch einfaches Mitglied der Knesset. (2) Daran kann auch Schicht nichts ändern, wenn er behauptet, dass “in der israelischen Regierung es Politiker [gibt], die wie Liebermann offen mit ihrem Rassismus hausieren gehen.”

Größere Pannen unterliefen ihm allerdings, als er die alten Fehlinterpretationen vieler Medien wieder hervorkramte und daraus eine eigene Märchengeschichte machte: “Für Empörung unter Shoa-Überlebenden sorgten Ende Februar die Äußerungen des israelischen Vize-Ministers, der Gaza eine ‘Shoa’ bescheren wollte. Er forderte ein ‘Wegfegen’ von Ortschaften, aus denen die Hamas Raketen feuerte - ganz im Verbalstil eines Ahmadinedschad”. Schicht bleibt seiner Tradition (3) treu und missinterpretiert schwammig Berichte der Welt und der Süddeutschen und stellt zur Dramatisierung der Sachlage eine Verbindung zwischen den Äußerungen des israelischen Sicherheitsministers Vilnai (Haim Ramon ist seit 2007 Vize von Olmert (4)) und angeblichen empörten Shoah-Überlebenden her, die weder in der Süddeutschen noch in der Welt und meines Wissens auch sonst nirgendwo gab.

Nun wollen wir aber nicht zu knausrig umgehen mit dem lieben Herrn. Auch setze ich bei ihm keine Hebräischkenntnisse voraus. Bei Journalisten in Israel sollte man dies allerdings erwarten, neben Neutralität und Sachlichkeit. Dies ist aber anscheinend bei der Rede Vilnais von vielen vergessen wurden. So wurde das Wort “Shoah”, welches nicht nur als Synonym für den Massenmord im Dritten Reich gilt, sondern eben auch im Zusammenhang mit anderen Katastrophen selbstverständlich im Hebräischen gebraucht wird, mit “Holocaust” gleichgesetzt. Holocaust hat Vilnai aber nicht in den Mund genommen und wird als Bezeichnung für den Massenmord an sechs Millionen Juden von der Mehrheit der Israelis und Juden nicht akzeptiert.

Liest man die Worte des israelischen Ministers für Sicherheit Vilnai nochmals genau durch, so kann sogar ein Absolvent des Hebraicums erkennen, dass die Bedeutung, die die Presse Vilnais Worten auferlegte eine ganz andere ist, als die Worte, die Vilnai wirklich ausgesprochen hat. Wörtlich erwähnte er im Angesicht der Raketenbeschüsse auf die israelische Kleinstadt Sderot, dass “die Palästinenser über sich selbst eine Shoah bringen”. (6) Hier nimmt die Bedeutung des Inhalts eine ganz andere Form an. Pannen können passieren, aber solche können auch vermieden werden, wenn man den Sätzen des Ministers auch richtig zuhören will.

Ilan Pappe – mein Freund und Helfer

Ilan Pappe, ein zu Recht von der Universität Haifa entehrter Professor der Geschichte - der seine Professur eher mit der Erforschung “ethnischer Säuberungen” Israels an Palästinensern im Jahr 1948 missbrauchte, als sich als Wissenschaftler zu betätigen - ist seit seiner Auswanderung nach Großbritannien immer mehr in negative Schlagzeilen geraten. Erst vor kurzen erlangte er wieder einmal mit seinen Thesen bei DVU-Anhängern großen Applaus.

In seinem Interview mit der Voigt´chen Nationalzeitung (7) fügt er sich in die Reihen derer, die das offizielle Geschichtsbild ablehnen und dieses durch ein Antisemitisches ersetzen wollen. So rühmt die Nationalzeitung Pappe als denjenigen, der Israels “völkerrechtswidrige Existenz” und die grausamen Vertreibungen von Arabern durch die Zionisten aufdeckte. Die von Pappe vertretene “Ethnische Säuberung” sei Israels “Staatsziel”. Wie es sich bei den Braunen nicht anders ziemt darf natürlich die Vertreibung der aus Süddeutschland stammenden rechtsextremen Templer in den Jahren 1939-1948 aus Palästina auch nicht fehlen.

Schicht meint, dass diese Darstellung der Geschichte rechtmäßig sei, missachtet allerdings wie Pappe, dass die Mehrheit der Zionisten an einem “Transfer” der Araber gar nicht interessiert war. Auch Historiker wie Michael Brenner scheinen immer mehr diese einseitigen Darstellungen der Ereignisse von 1948 aus der Sicht der zwei Parteien abzulehnen. Neuste Studien zeigen, “daß es keine systematische Vertreibung durch die Israelis gab, aber andererseits von der Armee nicht ungern gesehen und durch einzelne Aktionen gefördert wurde, dass die Palästinenser das Land verließen. Hinzu kam der von er offiziellen israelischen Armee nicht unterstützte Terror des rechten militärischen Lagers, der in dem Gemetzel der arabischen Zivilbevölkerung im Dorf Deir Jassin am 9. April 1948 mit über 200 Todesopfern seinen traurigen Höhepunkt erreiche”, so Brenner in seinem Buch. (8)

Kritiker sollten sich auf Fakten konzentrieren - und dabei die Rolle der Propaganda entzerren

Dieser weise Satz kann als Antwort auf Schichts Frage gedeutet werden, ob Israel zu kritisieren sei oder nicht. Eine Antwort scheint allerdings schon lange im Voraus gegeben worden zu sein. Kritik an Israel ist kein Kapitaldelikt. Vielmehr wird er von Israelkritikern als solcher hingestellt. Zudem kommt die von Antiimperialisten immer wieder erneut aufgegriffene Kritik, dass Israel “seit Beginn seines Bestehens seine Existenz auf Gewalt gegründet” hat. Was man den Palästinensern wünscht, nämlich einen Staat und eine Nation, dürften – so extreme Kreise – “nicht von Juden in Anspruch genommen werden”. Eine ähnliche Kritik formulierte auch die stalinistische Antizionistin Karam Khella, die behauptete, dass “die Juden (…), solange sie am Zionismus festhielten, selbst an ihrer Verfolgung [Schuld seien]”. (9)
Verstehen Sie mich nicht falsch. Schicht ist sicher kein Antisemit. Er benutzt allerdings eine Tendenz, die linke Gruppierungen sich immer wieder zuschreiben. Selbst die absurde Frage, ob man Israel kritisieren darf oder nicht, gehört mit zu einer Reihe von Pseudo-Differenziertheit, die durch ihre Beschränktheit das wahre Problem ausgrenzt. Wie Schicht es schon andeutet sollten sich Kritiker auf Fakten konzentrieren. Dem stimme ich vollkommen zu. Allerdings geht er mit seiner Definition von Israelkritik einer ganz wichtigen Problematik aus dem Weg.

Wenn Israelkritik doch in offenen Antisemitismus ausbricht (so wie es die Hamas betreibt, aber auch Extreme des rechten und linken Flügels), was von Schichts Kommentar ausgehend nicht möglich sei, so stellt sich doch eher die Frage, ob es sich nicht eher um eine Formfrage geht und nicht um die Kritik selbst. Wenn man Israel antisemitisch kritisiert, dann sollte dies auch als antisemitisch gebrandmarkt werden.

Andererseits sollten einige Politiker in Israel auch offen für eine konstruktive Debatte über die israelische Politik durch Nichtisraelis offen sein. Dies ist eine ganz andere Herangehensweise, die ich leider bei Schichts Kommentar vermisse, so wie ich auch eine genaue Studie der Reaktion des gleichen Autors für meinen Kommentar ermangle. Das wird auch an Schichts Ambitionen nichts ändern können als neue selbsternannte Friedenstaube in den Nahen Osten zu gehen.

Quellen:



Photo Quelle/Copyright: seriykotik1970, cc creative commons, Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr