2008-05-16

Nakba- Die Katastrophe

[caption id="" align="alignnone" width="600" caption="Die ideologisierte palästinensische Freiheitskämpferin für ein Palästina (ohne Israel), gezeichnet von Wahad Ifradi. Photo: 3arabawy"]

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Zelte und Kundgebungen in Ramallah und auf der ganzen Welt, auch Blogger, erinnern heute an den so genannten 60. Jahrestag der palästinensischen Katastrophe, der Nakba. Diese bezeichnet die für die heutigen Palästinenser als Unglück empfundene vom Völkerrecht und der UN gestützte Gründung des Staates Israel, die aus dem verloren gegangenen Palästinakrieg im Jahr 1948 resultierende Vertreibung und Flucht von circa 750.000 arabischen Palästinensern und der schlechten Situation von Teilen der damaligen Flüchtlinge vor allem in den Flüchtlingslagern im Libanon und Syrien.

In der zentralen Kundgebung der palästinensischen Autonomiebehörde in Ramallah sprach sich der Palästinenserpräsident für die Gründung eines eigenen Staates aus, dessen Hauptstadt Jerusalem sein soll: “Die einzige Sache welche Israels Sicherheit fördern würde wäre ein Ende der Besatzung. Wir strecken unsere Hände aus zum Frieden, ein Friede, der unsere strategische Entscheidung ist. Ich muss auch sagen, dass es die Siedlungen sind die den Frieden blockieren. Alle Bauarbeiten in den Siedlungen und in Jerusalem müssen gestoppt werden, damit wir die Chance zum Frieden nicht verpassen.”

Die Nakba ist ein umstrittener Begriff

Pünktlich zum Jahrestag bleibt der Begriff der Nakba immer noch heikel und umstritten. Steven Plaut und Shlomo Avineri, beide renommierte Professoren und Historiker, streiten sich in ihren Beiträgen über den Ursprung und die Bedeutung der für heutige Palästinenser empfundenen Katastrophe. Plaut bezeichnet die Nakba als ein “Nonsens”-Wort der Anti-Israel-Lobby, die die Existenz Israels immer wieder delegitimieren soll. Avineri sieht die reale Nakba eher in der palästinensischen Nation selbst, die entgegen dem algerischen Beispiel nach mehr als 60 Jahren immer noch kein vernünftiges “Framework” für die Schaffung eines Staates geschaffen habe.

Plaut geht einen Schritt weiter. Er beschreibt auf historischen Dokumenten basierend, dass es nicht nur eine Nakba gab, sondern unbekannterweise mehrere. Hierzu zähle nicht nur die Nakba der späten 1940er und 1950er Jahre, in der mehr als 750.000 bis 800.000 arabische Juden aus ihrer arabischen Heimat vertrieben und enteignet wurden, sondern auch die Nakba der Palästinenser selbst im Jahr 1920, in der die Südsyrer durch die Teilung des Osmanischen Reiches durch Franzosen und Briten nun plötzlich zu arabischen Palästinensern wurden - die heutigen Palästinenser. Den Begriff der Nakba allein den heutigen Palästinensern zuzusprechen scheint für Plaut Indiz genug zu sein für die “starke Verwurzelung des palästinensischen Nationalismus” in unserer Gesellschaft und dessen Legendenbildung.

Wer sind allerdings die Palästinenser, von denen wir immer so viel reden?

Der Begriff selbst entstammt dem antiken Volk der Philister, deren Gebiet später von den Griechen und Römern “Palästina” genannt wurde. Erst tausende Jahre danach sollten die Briten, die sich mit den Franzosen den Rest des geschrumpften Osmanischen Reiches teilten, das Land wieder den Namen Palästina geben. Die Einwohner des Landes (Juden, Christen, Muslime und Drusen) erhielten den Namen Palästinenser. Unter dieser Kategorie vielen auch die jüdischen und arabischen Einwanderer und Siedler der Zeit. Mit der Teilung des britischen Mandatsgebiets in den Staat Israel und in ein arabisches Gebiet, welches auf Grund des Palästinakrieges 1948 teilweise von Israel und größtenteils durch Jordanien und Ägypten besetzt wurde, wurde die Existenz der arabischen Palästinenser de facto “in Luft” aufgelöst: ein Drittel von ihnen lebte entweder im arabischen und westlichen Ausland oder in Flüchtlingslagern in Jordanien, Gaza, Syrien und Libanon, oder gehörten nun praktisch gesehen zum Volk der arabischen Besatzer dazu.

International unter dem Deckmantel der Vereinten Nationen galten die arabischen Palästinenser nicht mehr als reine Flüchtlinge. Und so war es nicht verwunderlich, dass die internationale Gemeinschaft diese seit der Gründung der UNRWA 1949 bis 1967, fast 40 Jahre, auch nur als Flüchtlinge oder Ägypter und Jordanier behandelte. Die arabischen Staaten ihrerseits hatten auch kein Interesse den arabischen Palästinensern eine unabhängige Staatenlösung zu bieten, soweit der Status der Palästinenser insgesamt damals überhaupt beachtet oder wahrgenommen wurde. Vielmehr sahen sie die heutigen Palästinenser als Syrer an, von woher sie ja 1920 entwurzelt wurden. Sie, die Palästinenser und ihre Gebiete sollten Teil eines panarabischen Staates werden. Erst auf Grund der durch den Sechstagekrieg 1967 durch Israel besetzten Gebiete kam das Schicksal der arabischen Palästinenser wieder zum Vorschein. Jassir Arafat allein war es zu verdanken, dass er, zwar aus zwiespältigen Gründen, eine palästinensische Nation und einen palästinensischen Staat (und die Zerstörung Israels) ausrief, um sich so von den Zielen der restlichen arabischen Staaten loszulösen.

Die Nakba ist eine Katastrophe für beide Seiten, bis heute

Der Begriff Nakba muss als Katastrophe für Israelis und für die heutigen Palästinenser verstanden werden. Flucht und Vertreibung gab es auf beiden Seiten. Auch Terror gehörte zum Teil der Geschichte beider Völker dazu. 60 Jahre Israel und fast 30 Jahre palästinensische Nationalbewegung sind Zeichen genug, dass beide Völker noch recht junge Gebilde sind. Erwachsen müssen beide werden. Hierzu gehört auch die Überwindung innerer Katastrophen: In Israel ist dies die Siedlerbewegung und die linken und religiösen Antizionisten; In Palästina ist es die Hamas, der Terror und der Unwille eigene Fehler einzugestehen und aus ihnen tatkräftig zu lernen. Hierzu gehört auch die Erschaffung und Förderung staatlicher und ziviler Institutionen, die Schaffung von realen Perspektiven für die eigene Bevölkerung. Beide können hierbei einen Beitrag leisten. Besonders dies sollte am Tag der Nakba erinnert und eingefordert werden.