2008-05-29

Integration: Der Westen islamisiert die Muslime



Eine Muslima und Mutter von fünf Kindern. Photo: Greg Robbins. CC Lizenz: Bestimmte Rechte vorbehalten.

Es ist eine sehr gewagte These, die die Welt vergangene Woche aufstellte: Die westliche Gesellschaft wäre Schuld an der Islamisierung muslimischer Immigranten. Einwanderer mit islamischem Hintergrund würden von Regierungen gern auf ihre religiöse Identität reduziert und als soziale Problemgruppe dargestellt. Diese falsche Behandlung hätte laut der Welt gravierende Folgen.

Viel wurde in letzter Zeit über Muslime geredet und diskutiert: Die Politik witmete ganze Konferenzen dem Thema Islam und Integration. Rechtspopulisten wie Geert Wilders oder die große Blogplattform "Politically Incorrect", die vorgibt proisraelisch und proamerikanisch zu sein, hetzen gegen den Islam. Und spätestens seit dem 11. September 2001 schwirren auf den Bildschirmen und Zeitungen täglich Bilder Osama bin Ladens, von Terroristen und Anschlägen vor unseren Augen.

Die imaginierte Front der Gotteskrieger, so wie Muslime von einigen gesehen werden, bilden in Europa nur einen Bevölkerungsanteil von 24 Millionen, dass sind insgesammt 4,6 Prozent. Lächerlich mag da die Hetze der Rechten und die propagierte islamische Gefahr einiger Politiker erscheinen, wenn man diese Zahlen sich einmal auf der Zunge zergehen lässt. Merkwürdig sind aber auch Ideen der letzten Monate von einigen Liberalen und Kirchenvertretern, die Scharia in das staatliche Rechtssystem mit einzubauen.

Eines fällt auf: Die Muslime werden in Europa falsch eingeschätzt und missverstanden. Weder würde das christliche Europabild noch der muslimische Glaube gleich bedeuten, dass eines dem anderen überlegen sei. Eine Gesellschaft ist viel mehr als das. Sie stellt viele Identitäten zur Wahl. Als Orientierung jedes Einzelnen könne Klasse, Nation, Kultur, Region, Rasse, Geschlecht und sexuelle Orientierung dienen. "Generationszugehörgkeit könne hier wichtiger sein als die Religion", so die Welt.

Verzerrtes Gesellschaftsbild

Laut der Welt würden seit den 70er-Jahren Immigranten muslimischem Hintergrunds immer wieder an prominenter Stelle in Berichten über soziale Probleme, Verbrechen, Unruhen, Gewalt und Armut in vielen europäischen Städten auftauchen. Vielerorts gelten sie vereinfacht als "Mitglied einer ethnischen Gemeinschaft, die erst vor ziemlich kurzer Zeit aus Ländern Afrikas oder Asiens, in denen der Islam die vorherrschende Religion ist, nach Europa gekommen ist“.

Die sozialen Probleme der Muslime in unserer Gesellschaft selbst werden kaum beachtet. Die Erfahrung der Arbeitslosigkeit, armselige Unterkünfte, die schlechte Behandlung durch hasserfüllte Polizisten werden bewusst oder unbewusst ausgeblendet. Auch die Identifikation zb. von pakistanischen Muslimen in Großbritannien als Nichtweiße und französischer Muslime als Schwarze scheint hier unbeachtet zu bleiben. Ein verzerrtes Gesellschaftsbild über die Muslime prägt bis heute die europäische Gesellschaft.

Auch die Medien tragen ihren Beitrag zu dieser Kluft bei

Die Recherche der Welt ergab ein interessantes aber erschreckendes Bild der Berichterstattung über muslimische Einwanderer in den Medien: Sprach man bei Ausschreitungen in den 80er-Jahren in französischen und britischen Städten noch schlicht von "Einwanderern", so bekämen Einwanderer mit muslimischem Hintergrund immer mehr einen religiösen Stempel aufgedrückt. Vor allem seit 2001 wär diese Veränderung im Sprachgebrauch und in der medialen berichterstattung zu beobachten. "Die Medien" hätten "die Sprache der Intifada"gelernt, so die Welt.

Die Hysterie nach dem 11. September 2001 zeigt wie sehr die Gesellschaft einen Kampf der Religionen sich einreden will. So geschah es zum Beispiel in Frankreich, dass französische Behörden nach gewalttätigen Ausschreitungen mit Immigranten sich nicht mehr in einem Konflikt mit Einwanderern sah, sondern mitten im Kampf gegen einen muslimischen Aufstand. "Fast über Nacht wurden die sozialen Probleme Europas so zu religiösen.", beschreibt die Welt diese ernst zu nehmende Entwicklung.

Die Politik für sich bemühte sich in diesem Rahmen verständlicherweise Dialog mit muslimischen Gruppierungen und Verbänden zu suchen. In Deutschland geschah dies zum Beispiel mit Islamkonferenzen mit dem erst neu gegründeten Zentralrat der Muslime. Doch auch in diesem Zeichen des guten Willens sieht der Weltbericht eine gravierenden Fehler:

Oft jedoch sind diese Organisationen viel frommer und orthodoxer als die Menschen, für die sie zu sprechen vorgeben, und viele von ihnen sind in emanzipatorischen oder sexuellen Fragen reaktionär. Wo Regierungen bestimmte geistliche oder religiöse Gruppen als offizielle Sprecher ihrer Gemeinschaften anerkennen, behandeln sie ganz alltägliche Menschen als Mitglieder religiös-kultureller Kollektive, die ihre Rechte als Mitglieder dieser Gruppen haben, nicht als Staatsbürger oder Individuen.

Das Phantom des religiösem Konflikts geht um

Der Bericht der Welt warnt: Die Vereinfachung und Stereotypisierung von Einwanderern muslimischem Hintergrunds könnte längerfristig nach hinten losgehen. Es wäre falsch Muslime mit unterschiedlicher Glaubenspraxis und Wertevorstellungen in einem Topf mit religiösen muslimischen Führern in Europa zu stecken:

Rassen- oder Klassenkonflikte werden so zu religiösen Problemen. Und auch die Minderheiten selbst neigen zunehmend dazu, ihre Klagen in religiöse Begriffe zu kleiden. [...]

Europas Muslime stehen für eine Vielfalt religiöser Praxis. Ihnen allen das eine starre Etikett „Islam“ zu verpassen fördert ein Gefühl supranationaler religiöser Identität, was dem Ziel der Assimilierung zuwiderläuft und zudem den religiösen Führern in diesen Gemeinschaften zu neuen Weihen verhilft.

Eine Sichtwende ist gefordert

Medien und Politiker haben seit Jahren nun schon am Zerrbild "Islam" mitgewirkt. Der Bericht fordert deshalb genau diese auf, sich zu ändern, lässt allerdings so eine Diskussion über islamistische Einwanderer aus, die nach Europa kommen, um Terroranschläge zu planen oder als Hassprediger in die Moscheen zu gehen.

Hier könnte das Konzept des Euroislams von Bassam Tibi, Professor für internationale Beziehungen, einen wichtigen Lösungsbeitrag leisten. Er fordert die Trennung zwischen gemässigtem Islam und Islamisten, die unser Wertesystem icht anerkennen und zu Gewalt gegen unsere Gesellschaft aufrufen.

Durch eine gezielte Einwanderungskontrolle könnte der Islamismus vom europäischen Boden ferngehalten werden. Gemässigte Muslime, die unser Gesellschafts- und Wertesystem anerkennen, würden andererseits verstärkt in unsere Gesellschaft integriert werden. Dazu könnte sicher auch das im Welt-Bericht geforderte Umdenken der Medien und Politiker weiterhelfen.