2008-04-09

Idan Raichel Project setzt sich für äthiopische Juden ein

[caption id="" align="alignnone" width="675" caption="Copyright: Kimberly Warne (via Flickr)"]
Copyright: Kimberly Warne (via Flickr)
[/caption]

Dass Integrationsschwierigkeiten zwischen europäischen Juden und Juden aus arabischen Ländern in Israel bestehen, ist schon etwas länger bekannt. Weitaus weniger sind hingegen diese von äthiopischen Juden. Nun nimmt sich ein neuartiges Musikprojekt dieser Thematik an.

“Du siehst, es fühlt sich nach zu Hause an. Du denkst aber, ich fühle nicht so. Aber vielleicht sollten wir uns erinnern, dass ich auch von hier bin.” Diese nachdenklichen Verse entstammen aus einem neuen Lied der aus Israel stammenden Patchwork-Gruppe “Idan Raichel Project”.

Die seit 2002 existierende Band sollte damals mit ihrer nahöstlich-äthiopisch angehauchten Musik die israelische Musikszene stark aufmischen. Mit ihrer populären Weltmusik wollen die Bandmitglieder verschiedenster ethnischer Herkunft ein Zeichen der Toleranz und Liebe in die Welt hinaus senden. Eine Nachricht, die in ihrer eigenen Heimat oft auf taube Ohren stößt.

Ihr neuer Song “Habayta Haloch Hazor” (nach Hause, hin und zurück) beschäftigt sich mit den Integrationsschwierigkeiten äthiopischer Juden in Israel.

Rund zweieinhalbtausend Jahre lebten Juden in Äthiopien. Nach ihrer Tradition kamen sie zusammen mit der Königin von Saba, der Frau des biblischen Königs Salomon, hierher. Abgeschnitten vom Rest der jüdischen Welt verbrachten sie ein einfaches Leben. Am Rand der Wüste lebten sie in kleinen Häusern. Jedes Dorf hatte eine Synagoge.

Juden in Äthiopien sprachen Aramäisch, beteten aber in der Synagoge in einer eigenen Sprache, dem Geez. Sie ernährten sich vor allem von der Feldarbeit, so wie es auch die anderen Einwohner des Landes taten.

Erst vor 200 Jahren kamen erste Touristen aus Europa nach Äthiopien und entdeckten diese bis dahin unbekannte Kultur und Lebensweise der hier ansässigen Juden. Erstaunlich war für sie vor allem die eigene, vom Rest des Judentums verschiedene jüdische Tradition. So kannten die Juden Äthiopiens den Talmud gar nicht, hatten dafür aber andere religiöse Traditionen und Rechte entwickelt.

Die großen Rettungs-Aktionen

Angesichts der Bedrohung durch Bürgerkrieg, Hungerepidemien und das Regime des Diktators Mengistu Haile Mariam beschloss Israel die Juden Äthiopiens in den “Aktionen Moshe und Jehoshua” in den Jahren 1984 und 1985 sowie der “Operation Salomon” im Jahr 1991 auszufliegen.

Einmal in Israel angekommen, standen viele der eingewanderten Juden Äthiopiens vor neuen Problemen: Sie sprachen nicht nur kein Hebräisch, sondern mussten auch stark mit Integrationsschwierigkeiten kämpfen, in einem Land welches stark von Europa und dem Industriezeitalter geprägt ist.

Darüber hinaus machten ihnen orthodoxe Rabbiner das Leben schwer. Sie wollten das auf eine andere Tradition beruhende Judentum Äthiopiens nicht als “echtes Judentum” anerkennen. Die äthiopischen Juden ließen sich diese Diskriminierung aber nicht gefallen und antworteten mit heftigen Protesten.

Es gibt immer noch Schwierigkeiten

Die heutige Situation der äthiopischen Juden ist weiterhin mit Problemen behaftet. Vor allem die ältere Generation hat immer noch mit Integrationsschwierigkeiten zu kämpfen. Diese wurde nicht zu Letzt auch in der falschen Einwanderungspolitik, wie zum Beispiel auch bei russischen Juden geschehen, begünstigt.

Zwei Drittel der äthiopischen Juden in Israel leben von Sozialhilfe. Auch die Rate der Schulabbrecher aus dieser Gruppe ist doppelt so hoch, wie der Durchschnitt. Die steigende Zahl der Hochschulabsolventen der aus Äthiopien stammenden jüdischen Familien zeigt aber auch einen positiven Trend auf. Von 724 Studenten im Jahr 1996 waren es 2003 schon 2311, die erfolgreich ihr Studium abschlossen.

Die Rolle des Idan Raichel Projects

Eine besondere Rolle im interkulturellen Leben Israels spielt der israelische Liedsänger und Producer Idan Raichel. Nach seinem Armeedienst arbeitete er an einer Schule für Immigranten und sozialschwache Kinder. Dort kam er zum ersten Mal mit der äthiopischen Kultur in Kontakt.

Er merkte schnell, dass viele Jugendliche der zweiten Generation ihre äthiopischen Wurzeln für eine israelische Kultur aufgegeben haben. Sein Ziel war es nun mit Hilfe weiterer Kenntnisse über die Kultur äthiopischer Juden diese über ein eigenes Musikprojekt den Jugendlichen wieder näher zu bringen und somit auch die alten Traditionen aus Äthiopien weiter fortbestehen zu lassen.

Idan Raichel fing also an und lud 70 namhafte israelische Künstler in sein Studio in der israelischen Stadt Kwar Saba ein. Mit ihnen produzierte er sein erstes Album “The Idan Raichel Project”. 2002 ging das Idan Raichel Projekt zum ersten Mal an den Start und konnte schon innerhalb ein paar Wochen mit “The Idan Raichel Project” erste Erfolge in Israel feiern. Für Auftritte beschränkt sich Idan allerdings nur auf sieben Mitglieder des Projektes: Unter ihnen sind Cabra Casey, eine über den Sudan nach Israel immigrierte Äthiopierin; die aus Haifa stammende arabische Israelin Mira Anwar Awad und der aus dem Suriname stammende Reggae-Musiker Sergio Braams.

Das Idan Raichel Project feiert Welterfolge

Ein besonderes Jahr für das Projekt war 2006. Das Projekt besucht Äthiopien. Für die zwei äthiopischen Frontsängerinnen war es eine Wiederkehr in ihre alte Heimat, die sie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gesehen hatten. Für das Idan Raichel Projekt war es der erste Auftritt einer israelischen Musikergruppe überhaupt in dem Land. Die Reise wurde verfilmt und kam 2007 als Dokumentation ins israelische Fernsehen.

Seit dem ersten Album hat sich Idan Raichel nicht nur in seiner Heimat beliebt gemacht. Schon längst füllt er ganze Konzertsäle in den USA, Europa, und sogar in Äthiopien. Zu ihren Erfolgen zählt nicht nur die besondere musikalische Leistung, sondern vor allem die wichtige Integrationshilfe für Immigranten in Israel. Das Projekt ist ein Beispiel, was sicher auch in Deutschland Erfolg haben könnte.