2008-04-14

“Ganz Ostdeutschland ist No-Go-Area”!?- Eine Diskussion



Ein fast vergessenes Thema greift die heutige Online-Ausgabe der Welt in einem Interview mit dem evangelischen Pfarrer Andreas Neuschäfer auf: Ist ganz Ostdeutschland eine No-Go-Area? Ein Diskussionsanreiz.

Fremdenfeindlich, ignorant, ostalgisch und gleichgültig. So könnte das Resümee lauten, das der Rudolstädter Pfarrer Andreas Neuschäfer über die Bevölkerung von Rudolstadt ziehen könnte. Vor sieben Jahren zog es den gebürtigen Rheinländer und seine 1976 aus Indien emigrierte Frau beruflich in die knapp 25.000 Einwohner zählende thüringische Stadt. Seine recht positiven Erfahrungen aus einem Gemeindepraktikum in Chemnitz erhoffte er nun auch an seinem neuen Wohnort wieder zu finden. Doch die Realität holte die Pfarrerfamilie schnell ein:
Meine Frau hatte von Anfang an den Eindruck, die Menschen starrten sie an. Meine Frau ist im Ruhrpott aufgewachsen, so etwas kannte sie nicht. Anfangs dachte sie, sie hätte etwas falsch gemacht. Meine Frau fragt erst mal bei sich selbst nach, ob evtl. sie solche Reaktionen verursacht habe. Irgendwann fingen dann die Sprüche an. In der Schlange im Supermarkt musste sie sich anhören: “Jemand wie Dich hätte man früher zwangssterilisiert.” Oder: “Geh doch zurück in den Urwald.” In einigen Geschäften wurde sie gar nicht erst bedient. Das Personal hat sie einfach stehenlassen.

Doch laut Neuschäfer sollte dies nur der Anfang sein.

Scheinbar machen Ressentiments gegen Andersdenkende und Andersaussehende auch vor Kindern nicht halt. Als sein ältester Sohn, heute zehn Jahre alt, in den Kindergarten kam, ertappte ihn seine Frau, wie er am Waschbecken stand und versuchte, sich seine Hautfarbe mit einer Nagelbürste weg zu schrubben.
Als wir ihn gefragt haben, was er da tue, hat er gesagt: “Ich muss die braune Haut wegmachen. Die anderen Kinder mögen die nicht.” Und wissen Sie, wie seine Erzieherin reagiert hat, als meine Frau sie darauf angesprochen hat? Sie war amüsiert. Sie hat gesagt, die anderen Kinder hätten Angst, sich mit seiner braunen Hautfarbe anzustecken. Deshalb würde keiner mit ihm spielen. (…) Ich habe geheult. Das tat weh. Man fühlt sich beinahe schuldig, dass ein solches Kind auf der Welt ist.

Nach mehreren Auseinandersetzungen mit der Leitung des Kindergartens entschlossen sich die Neuschäfers ihr Kind in einen anderen Kindergarten zu schicken. Doch auch dort und später in der Grundschule schien ihm immer wieder eine Art Kultur des Kollektivs zu begegnen, die seinen Worten nach “das Kind als Individuum nicht ernst” nehme. Was für viele nach Verallgemeinerung riecht, schien allerdings für Andreas Neuschäfers Frau und Kinder Grund genug zu sein wieder ins Rheinland zurück zu ziehen:
WELT ONLINE: Im Oktober 2007 ist Ihre Frau mit den Kindern ins Rheinland gezogen. Welches war der berühmte Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte?

Neuschäfer: Eines Tages war Jannik u.a. mit einem lockeren Zahn von der Schule nach Hause gekommen. Er ist in der Pause von neun Kindern verprügelt worden, Worte wie “Ausländerschwein” und “Nigger” waren gefallen vor den Augen und Ohren einer Aufsichtslehrerin. Seit diesem Vorfall hat er regelrechte Angst vor der Schule gehabt. Jeden Sonntag klagte er über Bauchweh. Manchmal musste er sich sogar erbrechen. über diese Erfahrungen habe ich in der Kirchenzeitschrift “Glaube und Heimat” einen Bericht geschrieben. Tenor: Es gibt in den neuen Bundesländern nicht nur eine Neonazi-Realität, es gibt auch eine Neo-Ostalgie. Das weitverbreitete Gefühl, früher sei alles besser gewesen. Die Sehnsucht nach dem Kollektiv. Eine merkwürdige Angst vor allem Fremdem. Wegen dieses Berichtes wurde ich im September 2007 ins Landeskirchenamt bestellt. Die Leitung teilte mir mit, gewisse Leute in Thüringen hätten sich dadurch auf den Schlips getreten gefühlt. Ich sollte solche Veröffentlichungen in Zukunft unterlassen. Da habe ich gemerkt: Es geht nicht mehr. Nicht einmal die Kirche hat ein Gespür für das eigentliche Problem.

Knapp ein Jahr später, nachdem Andreas Neuschäfer seine Erfahrungen im verschlafenen Rudolstadt in ein Buch niedergeschrieben hat und in der städtischen Bibliothek dem versammelten Publikum vorstellte, scheint sich nun so langsam etwas in Rudolstadt zu tun.

Am städtischen Rathaus hängt seit Neuestem ein großes Transparent mit dem Aufdruck “Wir sind fremdenfreundlich”.


Auch die Bevölkerung und der Bürgermeister wollen die Vorwürfe des evangelischen Priesters der Stadt nun nicht länger hinnehmen und rufen zu Gegenaktionen auf. Der Sächsischen Zeitung gegenüber sagte der Bürgermeister der Stadt, Jörg Reichl:
“Rudolstadt ist fremdenfreundlich. Ich bin sehr betroffen von den Vorwürfen, die ich erst jetzt aus den Medien erfahren habe. (…) Dass es in der Stadt noch Menschen gebe, die rassistisches Gedankengut in sich tragen, erfüllt mich mit Wut. Ich bin mir aber sicher, dass die absolute Mehrheit der Rudolstädter fremdenfreundlich ist und dass es bei uns nicht mehr Ausländerfeindlichkeit gibt als im bundesweiten Durchschnitt. Verwundert bin ich vor allem darüber, dass Herr Neuschäfer über die Vorfälle, von denen der letzte schon über ein Jahr zurückliege, weder mit mir noch mit den Stadträten oder mit seinen Kollegen aus der evangelischen Kirche gesprochen hat.”

Trotz der bundesweiten Veröffentlichung der Vorfälle durch die Stadt selbst scheint sich Andreas Neuschäfer nun immer mehr als “Nestbeschmutzer” Rudolstadts hingestellt zu sehen. Nach seinen Worten würden diejenigen, die ein Problem ansprechen, selbst zum Problem gemacht. Hat dies Strategie? Für Neustädter ja und zitiert eine Pastorin, die ganz Ostdeutschland als “No-Go-Area” bezeichnet haben will. Auch Beileidsbekundungen aus anderen Städten Ostdeutschlands scheinen dies bestätigen zu wollen, so Neustädter im Welt-Interview.
Ein Polizeibeamter aus Chemnitz schrieb: “Es tut mir zwar weh, weil ich mich für meine Landsleute schäme. Aber ich muss aus voller eigener Erfahrung sagen: Sie haben ja so Recht!” Auch der Leiter des Schulamtes hat mich zu einem Gespräch eingeladen. Eine Bäckersfrau in Rudolstadt ermutigte uns: “Gut, dass Sie Ihre Frau und Kinder hier rausgeholt haben. Man darf sich nicht alles gefallen lassen!”

Das äußerst sensible Thema scheint auch nach der Fussball-WM 2006 immer noch die Gemüter der Deutschen zu beschäftigen. Ob Ostdeutschland allein ein Problem mit Rechtsradikalismus hat, welches oft nur durch offensiv gezeigten Rechtsradikalismus durch Neonazis mit Springerstiefeln auf der Straße ausgemacht wird, scheint umstritten. Die mit Anzug und Krawatte verschleierten Eliten der Neonaziparteien aus den alten Bundesländern scheinen in dieser Diskussion oft vergessen zu werden.

Einige Fragen scheinen im Fall Neuschäfer allerdings immer noch unbeantwortet zu bleiben: Warum hat die Stadt Rudolstadt erst jetzt nach einem Jahr auf die Probleme der Pastorenfamilie reagiert? Und wo waren die verantwortlichen Aufsichtspersonen als klein Jannek diffamiert und verprügelt wurde?

Dieser Beitrag erschien zuerst auf andersdenken20.blogspot.com.

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