2008-04-19

60 Jahre Israel (1) – zionistische Anfänge



Ganze 60 Jahre existiert nun schon ein Staat mitten im Nahen Osten, der sich nicht nur durch sein politisches System von seinen Nachbarn unterscheidet, sondern auch durch die Religion der Mehrheit seiner Bürger. Israel ist bis heute zutiefst geprägt von sozialistischen, kulturellen und religiösen Strömungen im Zionismus und seit 1948 vermehrt auch durch zahlreiche Einwanderungswellen tausender europäischer, arabischer und äthiopischer Juden während des Holocausts, seit 1967 und weiterer verschiedenster Pogrome auf der ganzen Welt. So bietet Israels Gesellschaft heute eine Vielfalt an politischen, ethnischen und religiösen Gruppierungen und Richtungen, die so vergleichsweise nur in den USA zu finden ist.

In den nächsten Wochen soll diese Serie einen Einblick in Geschichte und Entstehung dieses Staates geben, über dessen Politik und Existenz nicht nur die Medien leidenschaftlich und kontrovers berichten und diskutieren.

Religiöse Ursprünge


Der Begriff Zion ist mindestens so alt wie die hebräische Bibel und die Geschichte der Juden im Exil selbst. Die Zerstörung der beiden Tempel in Jerusalem 586 v. Chr. und 70 n.Chr. gelten bis heute als wichtige Wendepunkte in der jüdischen Geschichte und Religion. Der Verlust des religiösen Heiligtums und Kultzentrums sowie die Erinnerung an das geliebte Heimatland “Erez Israel” (Land Israel) wurden von da an immer wieder in Liturgie und Poesie thematisiert:
“Wenn ich dich je vergesse, Jerusalem, dann soll mir die rechte Hand verdorren. Die Zunge soll mir am Gaumen kleben, wenn ich an dich nicht mehr denke, wenn ich Jerusalem nicht zu meiner höchsten Freude erhebe”, so steht es im Psalm 137 geschrieben. Seit Jahrhunderten hatten Juden für sich eine Art Erinnerungskultur aufgebaut, die sich im Gebet und in der Literatur des jüdischen Volkes immer wieder ausdrückte. Auch das Gebot ins Heilige Land der Väter zurückzukehren stellte nicht erst seit dem 18. Jahrhundert eine Realität jüdischer Einwanderungswellen nach “Erez Israel” dar.

Im dreimal täglich aufgesagten “Achtzehngebet” wie auch im ständig wiederkehrenden Tischsegen ist immer wieder vom raschen Aufbau Jerusalems die Rede. Der bekannte jüdische Dichter des Mittelalters Jehuda Halevi schrieb darüber hinaus im 12. Jahrhundert: “O Zion, willst du nicht nach dem Wohlergehen deiner Gefangenen fragen?” Der Dichter selbst machte sich auf von dem durch die Mauren beherrschten Andalusien nach Zion zu gehen. Allerdings endete sein Leben vorzeitig in Ägypten.

Im späten 17. Jahrhundert bildeten sich neuzeitliche Enderwartungen im Judentum. Auf Basis der Lehre der jüdischen Mystik Kabbala proklamiert sich Sabbatai Zwi 1665 in der Türkei als neuen Messias aus. Mit zwölf Jüngern und einer Prophetengestalt wollte er das jüdische Volk aus der Knechtschaft befreien. Am 18. Juni 1666 sollte nach seinen Angaben die Erlösung für das jüdische Volk anbrechen. Allerdings endet dieser Traum vorzeitig auf dem Weg nach Istanbul, wo er auf Grund von Todesdrohungen zum Islam konvertierte. Seine Anhängerschaft existiert bis heute rudimentär in der Türkei und Polen.
Diese Welle an Endzeiterwartungen sollte aber nicht abschließen. Schon 1697/99 sollte sich ein zweiter jüdischer Kabbalist mit einer Gruppe jüdischer Mystiker ins gelobte Land aufmachen. Doch auch die Prophezeiung des Rabbiners Jehuda he-Chassid stellte sich im Nachhinein als falsch heraus.

Jahrhunderte später sollte erst wieder ein israelischer Minister von dem ehrenwerten Projekt des Mystikers Gebrauch machen. Der israelische Erziehungsminister Benzion Dinur (Dünaberg) sah im Aufbruch der Kabbalisten um 1700 den Beginn der neueren jüdischen Geschichte und griff somit das Geschichtsbild des frühen 20. Jahrhunderts wieder auf.

Europäische und amerikanische Judenstaatsprojekte


Als Erster erforschte der polnisch-jüdische Historiker Nathan M. Gelber die Jahrhunderte alten Judenstaatsprojekte zwischen 1695 und 1845 und fasste diese in seinem Werk “Vorgeschichte des Zionismus” zusammen. Die bekanntesten und skurrilsten kamen dabei von dem dänischen Kaufmann Oliger Paulli und später von Napoleon: Der Christ Paulli schlug vor, dass zwischen dem Schwarzen und Roten Meer ein jüdisches Königreich errichtet werden sollte, als Heimstätte für die europäischen Juden. Dieses sollte allen benachbarten Staaten als Lehen unterstellt werden. Ein Jahrhundert später präsentierte Napoleon seine Lösung für die Juden, mit dem er vor allem die Gunst orientalischer Juden gewinnen wollte.

Aufsehen erregender ging es in Amerika zu: Hier proklamierte der Jude und ehemalige Konsul der amerikanischen Regierung in Tunis und High Sherif in New York Mordecai Manuel Noah (1785-1851) Grand Island im Bundesstaat New York als neue Zufluchtsstätte für die Juden auf der ganzen Welt aus. Ein Gebiet, welches ungefähr die Größe der baden-württembergische Stadt Heidelberg hat. Noah schlug vor durch eine Zählung der Juden eine jährliche Kopfsteuer von drei Schekeln Silber für die Finanzierung seines Judenstaatsprojektes zu entrichten. Offen lies er aber, ob auch die Indianer, die nach seiner Theorie zu den verlorenen zehn Stämmen gehören, mitgezählt werde sollten.

Von seinem Plan überzeugt, sollte nach seinen Angaben der neue Judenstaat am 1. Adar 5586 (1826) auf Grand Island feierlich proklamiert werden. Zu diesem Anlass zog Noah selbst nach Buffalo um, wo er statt in einer Synagoge am 15. September 1825 in der St. Pauls-Kirche den symbolischen Grundstein für sein Projekt legte. Pompös ertönte vor den örtlichen Würdenträgen die Hymne des Judas Maccabäus aus der Oper von Jaques Halevys, während der Grundstein mit hebräischer Inschrift auf dem Gabentisch der Kirche zu sehen war.
Wie man fälschlicherweise denken könnte, wurde dieses skurrile Schauspiel auch weltweit und in der jüdischen Welt wahrgenommen. Doch die Mehrheit der Juden lehnte diese Idee als unrealistisches Abenteuer von vornherein ab. Religiöse Stimmen wiederholten die auch in späterer Zeit immer wieder betonte Aussage, dass “nur Gott den Zeitpunkt der israelitischen Rückkehr kennt.” Noah sollte ihn nachher seine Pläne überdenken lassen und setzte nun alles auf die Rückkehr der Juden nach Palästina.

Quellen:

Johann Maier: Jüdische Geschichte in Daten, C.H. Beck, München 2005;
Michael Brenner: Geschichte des Zionismus, C.H. Beck, München 2005.